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Religion als Brandbeschleuniger für eine Durchkapitalisierung der Gesellschaft?

Bonn > Bombende islamische Terroristen, sexuell verwirrte Padres, eine betrunken autofahrende Bischöfin. Das Religiöse hat Imageprobleme, darauf verwies Prof. André Habisch bei seinem Eröffnungsvortrag auf einer Tagung unter dem Motto „Religion – Störfaktor und Ressource in der Wirtschaft“ am Freitag in Bonn. Veranstalter der zweitägigen Konferenz war das Deutsche Netzwerk Wirtschaftethik. Die Religion hätte auch, so Habisch, von dem Vertrauensverlust in ökonomische Institutionen angesichts der Finanzkrise und von dem etwa in Kopenhagen offensichtlich gewordenen Staatsversagen profitieren können. Der Wissenschaftler von der Universität Eichstätt beschrieb die „Freisetzung des Menschen von der Vergötzung der Welt“ als wesentliche Leistung der Religion. Durch die Distanz zur Welt und zum Wirtschaftsgeschehen bleibe der religiöse Mensch Souverän seines Lebens, sagte Habisch.

Religiöse Praxis verbessere eine effektive Selbstwahrnehmung und steigere die Selbstbindungsfähigkeit. Das in der christlichen Religion vermittelte „Bewusstsein von Gnade und Erwählung“ vermittele Sinn, so Habisch. In Führungspositionen seien überproportional viele Manager mit christlichen Lebenserfahrungen zu finden: Jeder vierte Spitzenmanager habe in seiner Jugend eine christliche Gruppe besucht, 55 Prozent stammten aus einer protestantischen Tradition. Als Beispiel für den Einfluss christlicher Überzeugungen auf die Management-Praxis zitierte Habisch in seinem Vortrag die besonders in den USA geführte Leadership-Diskussion. Kernfrage an Führungspersönlichkeiten sei danach: Wie dienen wir unseren Mitarbeitern so, dass sie sich als Persönlichkeiten optimal entfalten können?

Vor einer Religion im Dienst der Wirtschaft warnte der Theologe Prof. Bernhard Emunds. Religionen würden dann zum „Brandbeschleuniger für eine Durchkapitalisierung der Gesellschaft“. Religion müsse deshalb Störfaktor bleiben und etwa für eine Beteiligungsgerechtigkeit eintreten.

Religion hat einen Bindungsanspruch und eine Bindungswirkung, sie diszipliniert den einzelnen Menschen und limitiert Macht, sagte Prof. Michael Hüther vom Institut der Deutschen Wirtschaft (DIW). Die Marktwirtschaft verlege die Verantwortung ins System und in die Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Handelns, während die Religion nach den Motiven der Handelnden frage. Religion könne einen wesentlichen Beitrag leisten, indem sie mit ihrer Emotionalität Bindungswirkung entfalte und eine Antwort auf die Furcht vor der Freiheit gebe.

Der BDI-Vizepräsident und Leiter der Loh-Gruppe, Friedhelm Loh, berichtet sehr persönlich von seiner Einstellung zum christlichen Glauben. Er sehe seinen Beruf als Berufung, fühle sich seinem Gott gegenüber verpflichtet und wolle auch andere Menschen mit den Augen Gottes sehen, sagte Loh. Morgens lese er in der Bibel und er stelle sich auch in Betriebsversammlungen zu seinem christlichen Glauben. Unternehmerkollegen erinnerte er an die Chance, durch die eigene Persönlichkeit und das eigene Vorbild die Unternehmenskultur zu prägen. Dass sich aus der Bibel mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter der Verzicht ebenso rechtfertigen lasse wie mit dem Gleichnis von den anvertrauten Talenten die Gewinnmaximierung, darauf wies Prof. Klaus Michael Leisinger, Präsident der Novartis Stiftung, hin. Er habe unter CSR-Verantwortlichen in Unternehmen keinen höheren Anteil an Christen gefunden und kenne auch in anderen Religionen hervorragende Verantwortungskonzepte, betonte Leisinger.

Die Konferenz – zugleich Jahrestagung des DNWE – endete mit einem Beitrag von Prof. Hans Küng zum Weltwirtschaftsethos. Einige lebendige Diskussionen gaben spannende Einblicke in das Themenfeld Religion und Wirtschaft. Bei einem intensiven Programm und einem hohen theoretischen Anspruch kam an anderen Stellen die Übertragung in die Praxis zu kurz. Mit 200 Teilnehmern war die Tagung gut besucht. Wenn das Thema „auch nicht so wirtschaftsnah“ sei, so der DNWE-Vorsitzende Prof. Albert Löhr, so „weist es doch in die Zukunft“.

Foto: Podiumsdiskussion mit (von links nach rechts): Prof. Klaus M. Leisinger (CEO der Novartis Foundation), Dr. Clemens Müller-Störr (ethacos), Prof. Michael Schramm Universität Hohenheim), Friedhelm Loh(BDI-Vizepräsident) und Thomas Katzenmayer (Vorstand der Evangelischen Kreditgenossenschaft) [CSR NEWS]