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Nachhaltigkeitsberichte – (k)ein Thema für den Mittelstand?

Wuppertal > Nachhaltigkeitsberichterstattung ist bei großen kapitalmarktnotierten Unternehmen inzwischen die Regel, im Mittelstand allerdings weiterhin die Ausnahme. Sind anerkannte Standards und Leitlinien wie der GRI zu komplex? Ist der Prozess der Nachhaltigkeitsberichterstattung zu aufwendig? Oder fehlt es den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) an Bewusstsein für Nachhaltigkeitsthemen? Bei der internationalen Forschungs- und Beratungsorganisation triple innova bildet die Nachhaltigkeitsberichterstattung für KMU ein Schwerpunktthema. CSR NEWS sprach mit deren Geschäftsführerin Dr.in Brigitte Biermann über das Thema.

CSR NEWS: Frau Biermann, haben mittelständische Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit nichts zu bieten?

Brigitte Biermann: Kleine und mittlere Unternehmen sehen das selbst manchmal so. Ihnen ist oft nicht bewusst, was sie schon leisten. Die Vorarbeiten für den ersten Nachhaltigkeitsbericht stoßen tatsächlich oft grundsätzliche Nachhaltigkeitsüberlegungen in einem Unternehmen an. Ein wichtiger Punkt am Anfang dieses Prozesses ist, dass ein Unternehmen Nachhaltigkeit für sich definiert. Nachhaltigkeit wird zunächst häufig sehr situativ wahrgenommen: Da steht nach entsprechenden Fernsehberichten zunächst die Energieeffizienz im Vordergrund. Und manche Unternehmen glauben: Was wir heute bereits tun, kann keine Nachhaltigkeit sein, weil wir es ja schon tun … Im Beratungsprozess entsteht mitunter ein Aha-Effekt: Wir dachten, dass wir uns mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen müssen – und jetzt befassen wir uns mit unserem Unternehmen!

CSR NEWS: Was motiviert mittelständische Unternehmen dazu, einen ersten Nachhaltigkeitsbericht herauszugeben?

Brigitte Biermann: Manche Unternehmen kommen schlicht deshalb, weil die Konkurrenz einen Nachhaltigkeitsbericht herausgegeben hat. So etwas erzeugt in einer Branche einen gewissen Handlungsdruck. Dann wollen die PR-Verantwortlichen wissen, wie man einen Nachhaltigkeitsbericht schreibt. Oder es kommen Manager oder Vertriebler, die erleben, dass sie beim Thema Nachhaltigkeit mehr tun müssen. Ein Nachhaltigkeitsbericht entsteht aber nicht von heute auf morgen. Die relevanten Themen zu ermitteln, ist eine Aufgabe für ein Tagesseminar. Bis dann aber die entsprechenden Prozesse im Unternehmen installiert, die Stellschrauben für Verbesserungen entdeckt, Messpunkte für belastbares Zahlenmaterial ermittelt und das ganze schließlich in einen Bericht gefasst ist, kann ein Jahr vergehen.
Dabei ist auch zu klären, ob das Unternehmen einen eigenständigen Nachhaltigkeitsbericht braucht, ob sich eine Berichterstattung zu Nachhaltigkeitskriterien im Geschäftsbericht empfiehlt oder ob eine zielgruppenorientierte Nachhaltigkeitsbroschüre besser wäre.

CSR NEWS: Wo beginnen Sie mit einem Unternehmen, das in die Nachhaltigkeitsberichterstattung einsteigen will?

Brigitte Biermann: Die Identifikation der für ein Unternehmen zentralen Nachhaltigkeitsthemen bildet wie gesagt den Ausgangspunkt und führt zu den Hauptfragen: Welches Engagement macht Sinn? Wir raten Unternehmen, dort zu beginnen, wo sie über die beste Kontrolle verfügen – etwa an ihrem Produktionsstandort. Am Anfang des Beratungsprozesses ermitteln und gewichten wir also mögliche CSR-Themen und klären dann gemeinsam, was die drei oder vier wichtigsten Themen sind. Darauf folgen weitere Grundfragen: Zu welchen Themen gibt es bereits Zahlenmaterial (Indikatoren)? Zu welchen Themen möchte das Unternehmen kommunizieren? Die meisten Unternehmen stoßen im Beratungsprozess auch auf Themen, die für sie wichtig sind, aber an denen sie bisher nicht arbeiten. Das gibt Impulse für Verbesserungsprozesse, auch wenn das Thema zunächst im Bericht nur am Rande auftaucht. Die Identifikation der Kernthemen ist sehr wichtig, aber nicht jedes Thema muss sofort umfassend kommuniziert werden.

CSR NEWS: Wo liegen die großen CSR-Themen für den Mittelstand?

Brigitte Biermann: Viele KMU übernehmen Verantwortung in ihrem lokalen Umfeld, verstehen das aber nicht als CSR. Unternehmer engagieren sich in Vereinsvorständen und Vereine werden mit Unternehmensressourcen unterstützt. Ein weiteres zentrales Thema ist die Energieeffizienz. Vielleicht ist aber der Umgang mit den Mitarbeitenden das entscheidende Thema, zumal die regional verwurzelten Mittelständler hier mit einem höheren Anspruch konfrontiert werden. Die Identifikation der Mitarbeitenden mit ihrem Unternehmen ist nach meinen Erfahrungen oft höher als bei den Großen. Andererseits sind KMU auf diesen hohen Identifikationsgrad angewiesen, um Abwanderungen zu verhindern. Mit Blick auf die Gewerkschaften sind Mitarbeiterrechte dann auch ein heikles Thema für Mittelständler.

CSR NEWS: Für Großunternehmen spielt die Verantwortungsübernahme in der Supply Chain eine besondere Rolle. Sind KMU an dieser Stelle überfordert?

Brigitte Biermann: Mittelständler haben oft gute Kontakte zu ihren Zulieferern, wobei diese nicht so formal organisiert sind. Aber die Einkäufer verfügen über einen guten Draht zu ihren Gesprächspartnern auf der anderen Seite. Und KMU sind natürlich selbst Teil einer Lieferkette etwa für die Fahrzeugindustrie, in der die Materialherkunft und jeder Bearbeitungsschritt lückenlos nachgewiesen werden müssen. In diesem Prozess spielt bereits heute die Dokumentation des Carbon Footprint eine Rolle. Also: Auch Mittelständler haben die Möglichkeit, Nachhaltigkeit in ihrer Zulieferkette zu übernehmen und zu dokumentieren.
Schwierigkeiten sehe ich eher in die andere Richtung: KMU besitzen oft einen mangelnden Zugang zum Endkunden und können so Konsumtrends und die Anwendungsweisen und -eigenschaften ihres Produktes schlechter beeinflussen.

CSR NEWS: Wo liegen dann für den Mittelständler die großen Herausforderungen seinem Weg zum Nachhaltigkeitsbericht?

Brigitte Biermann: Eine Kernherausforderung lautet: Wie kann ich Leistung feststellen? Wir blicken tiefer in die Management-Prozesse und hinein in einzelne Bereiche, um zu sehen, was an Datenmaterial bereits vorhanden ist und an welchen Stellen sich weitere Leistungsdaten erheben lassen. Dabei geht es dann tief hinein in einzelne Bereiche. Unternehmensverbände könnten ihren Mitgliedsunternehmen hier sinnvoll helfen, indem etwa Klimabilanzen von in der Branche üblichen Ausgangsstoffen gemeinsam festgestellt werden. Nach einer ersten Leistungsmessung warten wir ein halbes Jahr und messen die Leistung dann erneut. Erst danach geht es an die Zielfestlegung – ein weiterer herausfordernder Prozess. Dabei ist zu fragen: Was können wir beeinflussen? An welchen Stellschrauben können wir drehen? Ziele wird ein Unternehmen zunächst einmal intern festlegen und nicht alle Ziele kommunizieren. KMU haben es dabei schwerer als Großunternehmen, weil ihre Planungszyklen kürzer sind. Sie verfügen zudem häufig nicht über eine professionelle Kommunikationsabteilung und ihnen fehlen Erfahrungen im organisierten Dialog mit Stakeholdern. Das lässt sie bei der Kommunikation von Zielen sehr überlegt und eher zurückhaltend agieren.

CSR NEWS: Eignet sich die Leitlinie der Global Reporting Initiative für den Mittelstand?

Brigitte Biermann: Die GRI-Leitlinie ist im Grunde ein Ideenfundus und gibt gute Hinweise, wie Leistungen abgebildet und beschrieben werden können. Und die Vollständigkeit einer Berichterstattung lässt sich daran ausgezeichnet überprüfen. Die in den GRI Guidelines verankerte Idee der Wesentlichkeit ist dabei besonders wichtig. Der umfangreiche Index der GRI bedeutet aber nicht, dass jeder Nachhaltigkeitsbericht mindestens 300 Seiten umfassen muss. Der Nachhaltigkeitsbericht einer KMU kann auch mit 20 Seiten überzeugend und aussagekräftig sein.

CSR NEWS: Vielen Dank für das Gespräch!