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CSR ist 2020 hoffentlich kein Thema mehr – Interview mit Rudolf X. Ruter

Stuttgart > Wie kaum ein anderer hat Rudolf X. Ruter, Partner in der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, die Entwicklung des Themas gesellschaftliche Unternehmensverantwortung begleitet. Der Leiter des Geschäftsbereichs Nachhaltigkeit bei Ernst und Young tritt zum 1. Juli in den Ruhestand – und bleibt dem Thema durch sein Engagement in der Leitung des Arbeitskreises „Nachhaltige Unternehmensführung“ (AKNU) der Schmalenbach-Gesellschaft (www.aknu.org) darüber hinaus verbunden. Nach dem Abschluss eines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums im Jahr 1978 trat Ruter in die Arthur Andersen & Co. Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft in Stuttgart ein, deren Gesellschafter und Geschäftsführer er wurde. Seit 2002 ist der heute 56-Jährige Partner bei Ernst & Young. Mit ihm sprach CSR NEWS über die Entwicklung des Themas gesellschaftliche Unternehmensverantwortung und dessen zukünftige Bedeutung.

CSR NEWS: Sie haben die Entwicklung der Corporate Social Responsibility in Deutschland während der zurückliegenden Jahre aufmerksam begleitet und ein Stück auch mitgestaltet. Hat Sie diese Entwicklung begeistert oder enttäuscht?

Ruter: Keines von beidem. Am ehesten erleichtert, da die Unternehmen das Thema mit hoher Kontinuität betreiben und sich das Thema kontinuierlich in den Unternehmen ausbreitet und verankert. Es gibt also keine unglaubwürdigen Höhenflüge, aber auch kein abruptes Abbrechen der Aktivitäten. Ich habe das Gefühl, dass immer mehr Unternehmen den Business Case erkennen, der für sie in dem Thema steckt.

CSR NEWS: Wo sehen Sie den Business Case? Was treibt die Entwicklung voran?

Ruter: Bei CSR oder der mir viel treffendere Begriff CR (Corporate Responsibility = Unternehmensverantwortung als Ganzes) geht es auch um die Reputation eines Unternehmens und um Reputationsrisiken. Wenn ein Unternehmen medienwirksam in die Auseinandersetzung mit Stakeholdergruppen gerät, wirkt das auf die anderen in der Branche und darüber hinaus wie ein „Schuss vor den Bug“. Oder ich denke daran, dass ein Manager abends von seiner Frau einen entsprechenden Zeitungsartikel vorgelesen und die Frage zu hören bekommt: Kann Dir das auch passieren? Wenn er dann nicht sicher Nein sagen kann, wird er in seinem Unternehmen etwas ändern wollen. Oder es ist schlicht die Erfahrung, dass ein von der Konkurrenz vermarktetes nachhaltigeres Produkt besser gekauft wird.

CSR NEWS: Sind Sie in Ihrem eigenen Unternehmen ernst genommen worden, als Sie CSR dort zu einem Thema gemacht haben?

Ruter: Auch bei uns hat es eine Zeit gebraucht, bis alle Entscheider die Bedeutung des Themas erkannt haben. Wer kurzfristig denkt, der sieht bei diesem Thema nur Probleme und Kosten. Aber schon eine mittelfristige Betrachtungsweise zeigt die Bedeutung dieses Themas, und das setzt sich immer mehr durch. Für ein Wirtschaftsprüfungsgesellschaft besitzt die Funktion der IT-Infrastruktur eine große Rolle. Die Hardware wird alle zwei bis drei Jahre ausgetauscht. Und während es früher an dieser Stelle um die Schnelligkeit der Prozessoren und Speicherkapazitäten ging, spielen heute grüne Faktoren wie Energieverbrauch und Wärmeabstrahlung eine große Rolle.
In unseren Unternehmen machen wir uns auch Gedanken über Mülltrennung und tropfende Wasserhähne. Das rettet die Welt nicht, zeigt aber den Bewusstseinswandel. Von zentraler Bedeutung ist, dass wir unseren Kernauftrag verantwortungsvoll erfüllen: Als internationale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sind wir einer der Garanten für das Funktionieren unseres Finanzsystems. Wir stehen mit dafür ein, dass hier verloren gegangenes Vertrauen zurück gewonnen werden kann.
Und natürlich beschäftigen auch uns die großen anderen CSR-Themen. So sind wir z.B. mit unserer Frauenquote von 11 Prozent in der Partnerschaft nicht zufrieden und denken derzeit über unterschiedliche Programme nach, um diese Quote zu verbessern.

CSR NEWS: Wo stehen deutsche Unternehmen in Bezug auf ihre Corporate Social Responsibility im internationalen Vergleich?

Ruter: Vieles, was in den Unternehmen in Deutschland früher und derzeit passiert, erfolgt auf der Basis einer weitreichenden Umwelt- und Sozialgesetzgebung. Wenn man CSR als rein freiwillige Leistung betrachten würde, dann sähen deutsche Unternehmen nicht so gut aus. Allerdings bin ich dafür, Inhalte zu bewerten. Und in Deutschland passiert nicht nur aufgrund unserer Gesetzesvorgaben sehr viel, sondern auch, weil das Bewusstsein in unserem Land durch eine lange Kultur der sozialen (und ökologischen) Verantwortung der Unternehmen weit ausgebildet ist. Allerdings würde ich mir wünschen, das Thema CSR mit mehr Engagement über Social Responsible Investment (SRI) auch als Treiber in den Finanzmarkt zu bringen.

CSR NEWS: Auf welchen Feldern der CSR stellen sich (deutschen) Unternehmen heute besonders große Herausforderungen?

Ruter: CR ist nicht über einzelne Maßnahmen im ökologischen oder sozialen Bereich zu definieren, sondern als Bestandteil der Unternehmensstrategie und der Unternehmens- und Produktentwicklung. Wir sprechen davon, dass CR in die DNA der Unternehmen gehört, und meinen damit genau diesen Aspekt.

CSR NEWS: Über die Verantwortung der Wirtschaft wird heiß diskutiert, während die Politik sich Schritt für Schritt aus ihrer Verantwortung für die Lösung gesellschaftlicher Probleme zurück zieht. Verschiebt sich da ein Kräftegleichgewicht? Und was bedeutet das für Wirtschaft und Gesellschaft?

Ruter: Die Politik sollte Rahmenbedingungen setzen, damit sich Wohlstand und Gesellschaft auch in Zukunft im Sinne unseres abendländischen Verständnisses entwickeln können. Das tut sie – manchmal mehr und manchmal weniger. Ansonsten sehen wir alle, dass der Sozialstaatsgedanke an finanzielle Grenzen stößt. D.h. das finanzielle Engagement des Staates geht in diesem Sektor zurück. Es ist wichtig, dass wir die Verantwortung der Politik auf das Notwendige und Machbare fokussieren: im Finanziellen bedeutet dies, für die Schwachen da zu sein. Und ansonsten sollte Politik Rahmenbedingungen setzen für das, was im Sinne einer nachhaltigen Zukunftssicherung notwendig ist – und wozu auch Bürgergesellschaft und Unternehmen beitragen können.

CSR NEWS: Hat die Wirtschaftskrise in den Unternehmen das Bewusstsein für die Bedeutung gelebter gesellschaftlicher Unternehmensverantwortung gestärkt? Oder wird hier aus Kostengründen zurückgefahren?

Ruter: Die Krise hat ein höheres Bewusstsein dafür geschaffen, dass nachhaltiger Unternehmenserfolg nicht auf Kosten von allgemein gültigen Spielregeln machbar ist. Und dass Unternehmensverantwortung genau dort – Im Kerngeschäft – zu verankern ist.

CSR NEWS: Brauchen wir die CSR-Norm ISO 26.000, um gesellschaftliche Unternehmensverantwortung zu stärken?

Ruter: In Deutschland nicht. Aber als eine Basis für eine internationale Verständigung über das, worum es bei CSR geht, ja. Nachhaltigkeit betrifft viele Themen mit globaler Dimension (Klima, Zulieferer). Aus diesem Grund kann die Norm helfen, für globale Unternehmen eine Verständigungsbasis zu schaffen. Aber bevor wir uns um ISO 26.000 kümmern, sollten wir BSCI, ISO 14.000, SA 8.000 etc. und andere bereits vorhandene und bekannte Normen flächendeckend einführen.

CSR NEWS: Was können Unternehmen und ihre Verbände tun, die CSR als freiwilliges Engagement erhalten wollen?

Ruter: Glaubwürdige Aktivitäten schaffen und einen intensiven Stakeholderdialog initiieren.

CSR NEWS: Wünschen Sie sich ein Mehr an gesetzlicher Regulierung in Sachen Nachhaltigkeitsberichterstattung?

Ruter: Hier kann ich nur ein Statement meines Kollegen Prof. Dr. Norbert Pfitzer, Präsident der Wirtschaftsprüferkammer, auf der Plattform von AKNU zitieren: „Viele Unternehmen haben erkannt, dass die Prüfung und Testierung dieser Berichte [der Nachhaltigkeitsberichte, Anm.d.Red.] deren Glaubwürdigkeit erhöht und dass sich daraus ein wesentlicher strategischer Wettbewerbsvorteil ergeben kann. Auch Stakeholder haben ein Interesse an der externen unabhängigen Überprüfung der Berichterstattung. Mit der Prüfung dieser Berichte kommt der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer dem Bedürfnis von Unternehmen und deren Umfeld nach und leistet einen Beitrag zur Sicherung der Verlässlichkeit des Informationsgehalts der Berichterstattung als einem Abbild nachhaltigen Wirtschaftens.“

CSR NEWS: Manche halten CSR für einen Hype. Welche Bedeutung wird die Corporate Social Responsibility im Jahr 2020 besitzen?

Ruter: Ich hoffe, es ist dann kein Thema mehr, sondern Bestandteil einer verantwortungsvollen und langfristigen Unternehmensführung, d.h. eine Selbstverständlichkeit.

CSR NEWS: Was war Ihr größter persönlicher Erfolg in Ihrem Engagement zum Thema Corporate Social Responsibility?

Ruter: Unsere eigene EY interne Transparenz und unser erster Bericht – wohl bisher der beste aller Dienstleistungsberichte – oder?? Am meisten bin ich stolz darauf, dass es mir gelungen ist, bei EY innerhalb weniger Jahre ein äußerst kompetentes, praxisorientiertes und fachlich vordenkendes Nachhaltigkeitsteam für unsere Kunden aufzubauen.

CSR NEWS: Wie wird es für Sie nach dem Ende Ihrer Tätigkeit als Partner bei Ernst & Young weitergehen?

Ruter: Ich werde mich verstärkt um das Thema Entschleunigung kümmern. Dazu habe ich in dem am Wochenende erschienenen CCaSS-Magazin unseres Hauses auch einen Beitrag geschrieben. Gerade in der Beraterbranche müssen wir auf unsere Mitarbeiter achten. Deshalb bieten wir bei EY zum Beispiel Elternteilzeitmodelle, Flextime und Blockzeitmodelle an. Und in den nächsten Monaten werde ich nun auch selbst die Entschleunigung trainieren. Ich glaube: Das wird mir nicht schwer fallen.

CSR NEWS: Vielen Dank für das Gespräch!

Die aktuellen CCaSS News von Ernst & Young mit dem Beitrag von Rudolf X. Ruter finden Sie hier.

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