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Subkontinent im Wandel: Oxfam streitet mit METRO über Engagement in Indien

Düsseldorf > Auf der heutigen Hauptversammlung der METRO AG will sich Dr. Franziska Humbert mit der Forderung zu Wort melden, dass die Aktionäre Vorstand und Aufsichtsrat nicht entlasten. Humbert ist Mitarbeiterin von Oxfam; die NGO hat soeben eine Studie mit heftiger Kritik am Marktverhalten und den Arbeitsbedingungen in Metro Cash & Carry Märkten in Indien vorgelegt. „Vor diesem Hintergrund kommt eine Billigung der Arbeit von METROs Führungsriege nicht in Frage“, sagt Humbert. Ein Blick in die von Oxfam vorgelegte Studie lohnt sich, denn sie offenbart grundlegende Herausforderungen einer Gesellschaft im Umbruch:

Indien hat seine wirtschaftspolitische Isolation bereits vor vielen Jahren aufgegeben und konkurriert in vielen (Dienstleistungs-) Branchen erfolgreich mit China und anderen asiatischen Staaten um den Status des Exportweltmeisters. Vergleichsweise strengen Regulierungen ist jedoch nach wie vor der für den Subkontinent so wichtige Lebensmittelmarkt ausgesetzt. Über 600.000 Menschen leben direkt oder indirekt von der Landwirtschaft, die eine Bevölkerung von etwa 1,2 Milliarden Menschen versorgen muss. Indische Konsumenten geben die Hälfte ihres Geldes für Lebensmittel aus, davon etwa 90 Prozent für Frischwaren. Der Lebensmitteleinzelhandel liegt zu 92,5 Prozent in den Händen von Straßenhändlern, sogenannten „Kiranas“. Das verschafft diesen Menschen Arbeit, birgt allerdings auch eine Vielzahl von Qualitätsrisiken [wie der Verfasser dieses Beitrags am eigenen Leib erfahren hat]. Nach Metro-Schätzungen verderben heute noch zwischen 25 und 40 Prozent der landwirtschaftlichen Produkte in der Lieferkette, da moderne Kühlaggregate und andere technische Hilfsmittel fehlen. METRO ist mit seinen Cash & Carry Großmärkten bisher in den Ballungsräumen Bangalore, Mumbai, Kalkutta und Hyderabad vertreten.

Eine Besonderheit ist auch der Lebensmittelzwischenhandel, der im südindischen Bundesstaat Karnataka mit seiner Landeshauptstadt Bangalore über sogenannte APMC-Märkte stattfindet. Diese Märkte sind den APMCs (Agricultural Produce Marketing Commitee), also staatlichen Agrarmarktkomitees, unterstellt. Die Komitees setzen Mindeststützpreise fest und behalten fünf bis sechs Prozent Kommission auf die verkaufte Ware ein. Und sie beschäftigen Mitarbeiter, die in der modernen freien Marktwirtschaft keinen Platz finden, Analphabeten etwa, stellt Oxfam fest. Das Problem: METRO zahlt den Landwirten offensichtlich bessere Preise, die in der vorgelegten Studie befragten Bäuerinnen und Bauern zeigten sich mit den Metro-Preisen zufrieden.

An dieser Stelle setzt die zweite Herausforderung an, auf das der Oxfam-Bericht hinweist: die Situation in der indischen Landwirtschaft. Hier sind Tagelöhner und Wanderarbeiter zu Tagessätzen zwischen 1,70 Euro und 3,40 Euro pro Tag tätig. Manche Frauen erreichen nur einen Tageslohn von 0,85 Euro. Das reicht nicht, um die Familie zu ernähren. Und das passt nicht mit der Corporate Social Responsibility eines Welthandelsunternehmens wie der METRO zusammen, findet Oxfam – obwohl die METRO anerkannter Weise höhere Preise zahlt als die von staatlichen Komitees verantworteten Märkte.

Bedroht sieht der Bericht auch die Zukunft der Straßenhändler, denn die Metro verkaufe nicht nur an Unternehmen, sondern auch an Endabnehmer. Und Oxfam kritisiert die Behinderung gewerkschaftlicher Tätigkeit.

Die Lebensmittelversorgung in einem modernen Indien wird sich weg von den Straßenhändlern und hin zu professionellen Ladenketten bewegen. Im Interesse der Lebensmittelsicherheit und der Versorgung insbesondere in den Ballungszentren des Subkontinents ist das zu begrüßen. Damit verbunden stellt sich allerdings die Frage, was aus den Millionen einkommensschwacher und insbesondere ungebildeter Menschen werden wird, die jetzt mit kleinen Dienstleistungen mehr schlecht als recht leben können.

Die METRO selbst betont, in die Zukunft der indischen Landwirtschaft zu investieren. So seien von METRO Cash & Carry allein im Bundesstaat Karnataka 18.000 Schafzüchter in einem Partnerschaftsprogramm mit der Landesregierung qualifiziert worden und man habe sich an der Entwicklung und dem Bau eines modernen Fischannahmezentrums beteiligt, leiste also Unterstützung beim Aufbau einer modernen Landwirtschaft. Für die Mitarbeiter habe das Unternehmen Standards eingeführt, „die teilweise deutlich über den marktüblichen Standards liegen“, so ein METRO-Sprecher. Krankenversicherung, subventioniertes Essen und die Gestellung von Arbeitskleidung seien Beispiele dafür. Mit den Gewerkschaften arbeite man zusammen.

Klar erscheint jedenfalls: Damit die Bevölkerungsgruppen mit einem geringen Zugang zu Bildungsangeboten von dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandlungsprozess profitieren und nicht im Abseits landen, braucht es das gemeinsame Engagement von Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Unter diesem Gesichtspunkt ist es zu begrüßen, dass sich auch die indische Öffentlichkeit verstärkt solchen Themen zuwendet.

Der Oxfam-Bericht im Internet:
www.oxfam.de/publikationen/metro-indien-studie