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Bisphenol A in Kassenzetteln: Wie Unternehmen auf das Risiko reagieren (sollten)

Hamburg > In einem in diesem Monat veröffentlichten Hintergrundbericht empfiehlt der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth: Herstellern und Nutzern der Chemikalie Bisphenol A sollen vorsorglich schon heute alternative Stoffe einsetzen und so Mensch und Umwelt schützen. Eine vom WDR in Auftrag gegebene Untersuchung der Kassenbons führender Supermarktketten stieß dort auf erhebliche Mengen Bisphenol A. Worum geht es in der Diskussion? CSR NEWS sprach darüber mit Manfred Krautter von dem auf Produktsicherheit spezialisierten Hamburger Beratungsunternehmen EcoAid.

CSR NEWS: Bisphenol A gehört zu den umstrittensten Chemikalien, die bei Umwelt- und Verbraucherschutzverbänden ganz oben auf der Agenda steht. Mit einer Menge von 3,8 Millionen Tonnen pro Jahr zählt es zu den am meisten produzierten Chemiegrundstoffen weltweit. Einerseits bewertet die europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA Produkte auf Bisphenol A-Basis für Verbraucher derzeit als unbedenklich. Andererseits forderte der Chef des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, Unternehmen auf, „die Verwendung bestimmter Bisphenol A-haltiger Produkte aus Vorsorgegründen zu beschränken.“ Was ist dran an der Gefährlichkeit von Bisphenol A für den Verbraucher?

Manfred Krautter: Fest steht, dass Bisphenol A die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen, beim Hautkontakt Allergien auslösen und die Augen schädigen kann. Dies ist die offizielle EU-Deklaration des Stoffs und auf diese Eigenschaften müssen auch die Hersteller hinweisen. Umstritten ist derzeit vor allem die endokrine, also hormonartige Wirkung von Bisphenol A. Mehrere neuere Studien weisen darauf hin, dass Wirkungen auch schon bei sehr niedriger Dosierung auftreten können, die 50fach unter dem derzeitigen Richtwert der EFSA liegen. Die US Food and Drug Administration (FDA) spricht nun von „Bedenken“ für einige Bevölkerungsgruppen und hat dieses Jahr ihre Bewertung bereits angepasst. Die EFSA der EU hat gleichfalls eine Neubewertung für diesen Sommer angekündigt. Weitere Studien weisen darauf hinweisen, dass Bisphenol A Verhaltensänderungen oder auch Diabetes auslösen kann. Aus Sicht des vorsogenden Verbraucherschutzes ist es also sicherlich sinnvoll, den Kontakt mit Bisphenol A so niedrig wie möglich zu halten. Das fordern Organisationen wie der BUND, der seit Jahren Bisphenol A kritisch angeht, schon länger – und nun auch das Umweltbundesamt.

CSR NEWS: In welchen Produktgruppen kommt die Chemikalie vor und wo könnte sie die Verbrauchergesundheit besonders beeinträchtigen?

Manfred Krautter: Bisphenol A wird vor allem als Zwischenprodukt in der Kunststoffproduktion verwendet. Es kann daher in Spuren in den Epoxid-Innenbeschichtungen von Dosen, in Getränkeverpackungen oder in Plastikgeschirr aus Polycarbonat enthalten sein. In verschiedenen Weich-PVC-Artikeln und Thermodruckpapieren wird Bisphenol A dagegen oftmals bewusst zugesetzt und kann dann auch in höheren Konzentrationen freigesetzt werden. Darauf weisen die Hersteller jedoch nicht hin und eine Kennzeichnungspflicht oder Grenzwerte gibt es nicht.

CSR NEWS: Die WDR-Sendung „Markt“ hat am 7. Juni einen Bisphenol A-Test veröffentlicht und in Kassenbons von fünf der sechs führenden deutschen Supermarktketten den Stoff gleich im Prozentbereich gefunden. Wie kommt er in das Papier?

Manfred Krautter: Bisphenol A steckt in recht hohen Konzentrationen in der thermosensiblen Oberfläche vieler dieser Spezialpapiere. Beim Erhitzen –Thermodrucker arbeiten mit etwa 160 Grad – regiert ein kleiner Teil des Bisphenol A mit anderen Inhaltsstoffen so dass ein schwarzer Farbstoff entsteht. Der größte Teil aber verbleibt unverändert im bedruckten Papier. Kritisch sehe ich vor allem, dass beim Anfassen der Kassenbons ein direkter Hautkontakt mit Bisphenol A besteht und der Stoff über die Haut aufgenommen werden kann. Das betrifft sowohl die Kassiererinnen als auch die Verbraucher. Außerdem ist eine Belastung der Innenraumluft denkbar. Die Supermarktketten haben das Risiko wohl erkannt und alle außer „Real“ haben gegenüber dem WDR angekündigt, eine Umstellung vornehmen zu wollen. Grundsätzlich wäre aber ein Grenzwert für Bisphenol A in Konsumprodukten wünschenswert.

CSR NEWS: REWE war nicht betroffen, was ist bei REWE-Papieren anders?

Manfred Krautter: EcoAid unterstützt die REWE Group im Bereich der Produktsicherheit und Nachhaltigkeitsoptimierung. Wir haben REWE bereits Ende 2009 über den Einsatz von Bisphenol A in Thermodruckpapieren und mögliche Risiken informiert. Die REWE Group hat dann ihre Lieferanten konsultiert, eine Bewertung vorgenommen und zeitnah mit der Umstellung auf Bisphenol A-freie Papiere begonnen. Die REWE Group hat also schon gehandelt, bevor Behörden wie jetzt das Umweltbundesamt oder Umweltorganisationen sich zu Wort meldeten – das finde ich sehr positiv.

CSR NEWS: Die benutzten Thermodruck-Papiere gelangen in der Regel ins Altpapier. Sind Recyclingpapiere daher auch mit Bisphenol A belastet?

Manfred Krautter: Beim Papierrecycling wird ein Teil des Bisphenol A gemeinsam mit der Tinte entfernt, ein Teil gelangt ins Abwasser und ein Teil bleibt im Recyclingpapier. So wurde in Recycling-Toilettenpapier bis zu 46 Milligramm pro Kilogramm Bisphenol A nachgewiesen. Gewässer werden mit Bisphenol A aus dem Kläranlagen-Ablauf belastet und über die Klärschlämme kann es auf unsere Felder gelangen – das alles kann niemanden freuen. Eine Untersuchung der TU Dresden kommt zum Ergebnis ‚BPA-haltiges Thermopapier ist Sonderabfall und sollte aus dem Papierkreislauf ausgeschleust werden‘. Damit die Verbraucher, die Umwelt und das eigentlich sehr umweltfreundliche Papierrecycling nicht gefährdet werden, sollte man diesen Rat rasch beherzigen.

CSR NEWS: Welche Alternativen gibt es und wie sicher sind diese?

Manfred Krautter: Einige Hersteller bieten bereits Bisphenol A-freie Papiere an. Zum Teil wird dabei Bisphenol S eingesetzt, über das aber wenige Daten vorliegen. Andere Alternativen wie mikroverkapselte Farbstoffe sind im Kommen. Ich gehe davon aus, dass die Hersteller bald weitere optimierte Papiere anbieten werden. Wir prüfen derzeit verschiedene Angebote auf ihre Eignung.

CSR NEWS: Was empfehlen Sie Unternehmen, die mit Thermopapieren zu tun haben?

Manfred Krautter: Im Einzelhandel ist man jetzt auf dem richtigen Weg. Nun müssen auch andere Branchen wie die Banken, die Bahn, Fluggesellschaften, Ticket-Verkäufer, Faxpapier- und Etikettenhersteller oder Restaurants zusehen, dass auch sie ihre Thermodrucker auf verträgliche Papiere umstellen.

CSR NEWS: Vielen Dank!

Das Hintergrundpapier des Umweltbundesamtes im Internet:
http://www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/3782.pdf