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Netzr@ife: Schüler trainieren Senioren

München > Wer gestern Nachmittag in das Klassenzimmer im 1. Stock der Sabel-Realschule im Münchener Zentrum blickte, erlebte eine Überraschung: Zwölf Realschüler der 9. Klasse saßen dort an Computerarbeitsplätzen – und leiteten 13 Senioren im Umgang mit dem Internet an. Die erste Einheit einer sechsteiligen Bildungsveranstaltung für Senioren hatte begonnen – und die Lehrer in diesem Kurs sind etwa 15-jährige Schüler. Ein ausgebuchter Kurs, lebendig diskutierende Senioren und Jugendliche und zufriedene Veranstalter: der Start in den dritten Kurs zum Thema „Netzr@ife“ ist gelungen.

Die Idee wirkt überzeugend: Senioren in sechs Münchener Stadtteilen sollen für eine moderne Kommunikationskultur begeistert und im Umgang mit dem Medium Internet geschult werden. Partner dazu ist das Alten- und Service Zentrum (ASZ) mit seinen Einrichtungen in den sechs Stadtteilen. Aber auch die beteiligten Schüler profitieren von dem Projekt: Sie erwerben Sozialkompetenz und zudem ein Net-comp@ss-Zertifikat, das sie als PC-Experten ausweist und ihre Bewerbungsunterlagen ergänzt. Derzeit sind etwa 60 Schüler und 90 Senioren in das Projekt eingebunden – und knapp 20 ehrenamtlich engagierte Unternehmensmitarbeiter, insbesondere von der Managementberatung Accenture. Freiwillige Mitarbeiter von Accenture haben Computerarbeitsplätze installiert, die Öffentlichkeitsarbeit und den Aufbau der Webseite unterstützt und bei der Erarbeitung des Sozial-und Technikpatenkonzeptes geholfen. Das Projekt „Netzr@ife“ will auch die Zusammenarbeit von Schule, Zivilgesellschaft und Unternehmen fördern. So hat das Unternehmen Nokia Siemens Networks sechs ASZs mit jeweils zwei PC-Arbeitsplätzen ausgestattet.

Said Köse vom Cafe Netzwerk bereitete die Schüler der Sabel-Realschule im Rahmen einer Projektwoche auf ihrer Lehrertätigkeit vor. Schwierigkeiten, eine ausreichende Anzahl von Schülern für diese Idee zu gewinnen, gab es nicht. Die Schüler lernten, Vorurteile gegenüber älteren Menschen abzubauen, eigene Lücken im Wissen über PC und Internet zu erkennen und zu schließen und methodische und didaktische Schritte für die Vermittlung ihres Wissens zu gehen. Das bringt den mitwirkenden Schülern viel – und nicht zuletzt den Senioren. „Wir wollen die letzte Offline-Community online bringen“, sagt Köse. Der Wissensstand über den Umgang mit dem Medium Internet sei unter Senioren sehr unterschiedlich. Manche seien erfahren und regelmäßig im Internet unterwegs, andere hielten noch nie eine Maus in der Hand, berichtet Köse. In dem Kurs geht es den Senioren jetzt wie sonst ihren jugendlichen Lehrern: Sie wurden herausgefordert, nun auch bis zur nächsten Unterrichtseinheit in der kommenden Woche täglich zu üben und das Gelernte in die Praxis umzusetzen.

Auch Tine von Tein von der auf Corporate-Citizenship-Förderung spezialisierten Münchener Agentur askandact?! ist mit dem Projektstart zufrieden. Die Agentur koordiniert das Projekt, das sie gemeinsam mit Nokia Siemens Networks initiiert hat und für das sie noch weitere Förderer sucht. In der Sabel-Realschule ist nun nicht nur dieser Kurs ausgebucht, sondern es gibt auch bereits zahlreiche Anmeldungen für den nächsten Kurs nach den Sommerferien. Für viele Senioren sind die – wenn auch geringen – Kursgebühren der Volkshochschule eine echte Hürde, und Zuhause stoßen sie mit ihren Fragen auf eher ungeduldige Enkel, weiß Tine von Tein. So schafft das Projekt „Netzr@ife“ eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten – und wird möglicherweise zu einem Modell für ähnliche Projekte in anderen Städten.

Das Projekt im Internet:
www.netzreife.de

Foto: Schülerin und Lehrer engagiert beim Kursstart an der Sabel-Realschule

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