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Migration und Gewalt: Wie Integration gelingen kann

Dormagen > Ist das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen (nur) Philanthropie oder Teil ihrer Corporate Social Responsibility? Unternehmerische Entscheidungen haben unsere Gesellschaft mitgestaltet. Das wird an wenigen Stellen so deutlich wie bei dem Thema Arbeitsmigration: Ein Fünftel der deutschen Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund. Ende 1955 wurden aufgrund des Arbeitskräftebedarfs in der Industrie, im Bausektor und in der Landwirtschaft die ersten Anwerbungen beschlossen. Knapp 2,6 Millionen Arbeitsmigranten kamen bis zum Anwerbestopp im Jahr 1973 nach Deutschland, viele davon aus Italien, Spanien, dem ehemaligen Jugoslawien, Griechenland, Portugal und der Türkei.

In den 70er und 80er Jahren holten immer mehr Gastarbeiter ihre Familien nach Deutschland. Dadurch wurde auch die Bevölkerung im Dormagener Stadtteil Hackenbroich internationaler, hier stieg insbesondere der Anteil der türkischen Bevölkerung. Für die türkischen Kinder und Jugendlichen mit ihren am Anfang geringen Deutschkenntnissen gestaltete sich die Integration nicht von alleine. Das Fußballspielen auf den Grünflächen ihrer Siedlungen wurde für sie zu einem Ventil – und für manche Anwohner und Hausverwalter zu einem Ärgernis. Später verlagerte sich das Fußballspiel in einen Wald am Siedlungsrand und zog ständig weitere Jugendliche an. Die jungen türkischen Fußballer schlossen sich dann als dritte Mannschaft der TuS Germania Hackenbroich an, erhielten hier aber wenig Spielzeiten und die Integration in den Verein gestaltete sich schwierig. 1989 gründeten die jungen Fußballer schließlich ihren eigenen Verein: die Türkische Jugend und Sportvereinigung Dormagen.

Gürkan Bora ist 42 Jahre alt, Betriebsmeister bei Bayer MaterialScience, er engagiert sich als stellvertretender Vorsitzender im Integrationsrat der Stadt Dormagen und leitet bei der Türkischen Jugend die Abteilung Mädchenfußball. Sein Engagement ermöglichte dem Verein eine Förderung durch die Bayer Cares Foundation für ein Projekt, dass man hier nicht so schnell erwarten würde: Gewaltprävention für Mädchen.

Die Türkische Jugend Dormagen ist der größte türkische Mädchenfußballverein in Deutschland. Wobei das Attribut „türkisch“ die Realität nur noch teilweise abbildet: Unter den jungen Frauen sind Migrantinnen aus Polen, Spanien und anderen Ländern, junge Russlanddeutsche und auch Mädchen mit ausschließlich deutscher Familientradition. „Unsere Amtssprache ist deutsch“, versichert Gürkan Bora. Er selber lebt als Türke in zweiter Generation in Deutschland, liebt seine deutsche und seine türkische Heimat, feiert Weihnachten und das Ende der Fastenzeit und hat eine Zweitwohnung in Istanbul. Seine jungen Fußballerinnen leben bereits in dritter Generation in Deutschland. Für eine erfolgreiche Integration in die deutsche Gesellschaft sind nach Boras Erfahrungen die soziale Schicht und der finanzielle Staus einer Familie entscheidender als deren Religion oder ethnische Herkunft. Unterschichtkinder tun sich schwerer. Sie fördert die Türkische Jugend Dormagen dadurch, dass Kinder von Harz-IV-Empfängern vom Vereinsbeitrag freigestellt werden. Der Verein will sich für junge Leute aus unterschiedlichen Schichten öffnen. Den Erfolg misst Bora daran, dass seine Mädchen Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien besuchen. Dieser vielseitige Ansatz für Integration findet Anerkennung: Vor zwei Jahren erhielt die Türkische Jugend Dormagen den Integrationspreis des Deutschen Fußballbundes in der Kategorie Vereine.

In seinem Verein begann Gürkan Bora im letzten September ein Gewaltpräventionsprojekt für Mädchen. Die Gewaltschwelle liegt bei Mädchen niedriger als bei Jungen, hat Bora beobachtet. Im Konflikt wird sich an den Haaren gezogen und es setzt Ohrfeigen. Die Gewaltbereitschaft mag auch etwas mit der unbefriedigenden Lebenssituation mancher Mädchen zu tun haben, die ihre Freizeit am Bahnhof oder an der Bushaltestelle verbringen und dort „abhängen“. Sie kommen oft mit 13 oder 14 Jahren in den Verein, Fußball wird zur wichtigen Abwechslung in der Freizeitgestaltung, manche bleiben bis in die Damenmannschaft dabei oder lassen sich als Trainerinnen gewinnen. Mit dem Anti-Aggressions-Training will Bora Problemen von morgen zuvorkommen.

Fünf Mädchen sind aktuell in dem Programm dabei. Aufhänger sind Diskussionsrunden, zu denen Bora nach den Spielen einlädt. Dort werden Konfliktsituationen nachgespielt und mit einer von der Bayer-Stiftung finanzierten Videokamera aufgezeichnet. Bora bringt als Trainer Brisanz in diese Spielsituationen ein und oft genug wird aus dem Spiel so Ernst und Mädchen reagieren laut, emotional heftig und aggressiv. Wenn sich die Gruppe eine Woche später das Video ansieht, ist das für manche Mädchen ein – heilsamer – Schock. Sie haben sich selbst nie so aggressiv wahrgenommen. Gemeinsam wird dann über einfache Techniken gesprochen, wie solche Ausbrüche verhindert werden können: tief Durchatmen, die Auge schließen und dann erst reagieren. Aber auch die innere Einstellung der Mädchen muss sich verändern. Viele haben das Gefühl, alle seien gegen sie – Lehrer, Klassenkameraden und selbst die Eltern. Sie brauchen positive Erfahrungen, um Selbstvertrauen aufbauen und sich auf ein Team einlassen zu können. Auch das will der Sportverein vermitteln.

Die Förderung durch die Bayer Cares Foundation hat sich für Bora auch deshalb gelohnt, weil es seinem Verein zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft hat. Danach gab es viele interessierte Anrufe. Mit dadurch entstand eine Stelle für den 1-Euro-Job, den der Verein jetzt anbieten kann. Eine wichtige Unterstützung, denn das Engagement von Gürkan Bora und seinen Kollegen geschieht ausschließlich ehrenamtlich.

Der Verein im Internet:
www.tj-dormagen.de

Foto: Gürkan Bora (vorne) und sein Team.

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