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Die zehn Global-Compact-Prinzipien in der Unternehmenspraxis: Novartis dokumentiert Herausforderungen

Basel > Als der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan am 31. Januar 1999 Unternehmen zu einem „Global Compact“ für eine humane Ausgestaltung der Weltwirtschaft einlud, konnte er den Erfolg dieser Initiative nicht vorhersehen. Knapp 6.000 Unternehmen weltweit haben sich inzwischen auf die Beachtung der zehn Prinzipien des United Nation Global Compact (UNGC) verpflichtet. Welche Umwandlungsprozesse und welchen Aufwand diese Verpflichtung für ein Unternehmen bedeutet, berichtete Novartis am vergangenen Freitag beim UNGC Summit in New York und legte dazu die Publikation „Novartis and the Global Compact. An inspirational guide to implementing the commitment“ vor. Das von der Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung herausgegebene Werk gibt einen praxisnahen Einblick in die mit der Umsetzung der Prinzipien verbundenen Herausforderungen. Die Unternehmensstiftung spielt in diesem Prozess eine wichtige Rolle.

Novartis gehörte bei seinem Beitritt im Juli 2000 zu den ersten Unterzeichnern des UNGC. Die Selbstverpflichtung passte gut in die damalige Situation des Unternehmens: Novartis war 1996 aus der Fusion von Sandoz und Ciba entstanden und auf der Suche nach der übergreifenden Unternehmenskultur. Der UNGC sollte dafür die Rahmenbedingungen setzen. Die Umsetzung der zehn Prinzipien erwies sich in einem Unternehmen mit etwa 100.000 Mitarbeitern, geschäftlichen Aktivitäten in 140 Ländern und rund 200.000 Zulieferern als eine große Aufgabe, die nur mit einer umfassenden Strategie gelöst werden konnte.

In einem ersten Schritt änderte das Unternehmen seinen Verhaltenskodex und versah ihn mit Bezügen zu den Prinzipien des UNGC. Zugleich dehnte Novartis seine Standards auch auf Geschäftspartner und Zulieferer aus. Zudem wurden eine Arbeitsgruppe gebildet, ein Lenkungsausschuss eingerichtet und eine Beratungs- und Informationseinheit aufgebaut. Da der UNGC Unternehmen keine detaillierten Standards vorgibt, mussten am Anfang des Prozesses die unternehmensbezogene Definition solcher Standards und der Aufbau einer Berichterstattung zu deren Umsetzung stehen. Als Beratungs- und Informationseinheit konnte das Unternehmen auf seine Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung zurückgreifen und diese als Think Tank zu Fragen der Unternehmensethik und der Corporate Social Responsibility nutzen.

Zu den ersten Aktivitäten gehörte auch eine Umfrage unter 500 Entscheidungsträgern in verschiedenen Bereichen des Unternehmens. Ergebnis: Verletzungen der UNGC-Prinzipien sahen die Befragten im eigenen Unternehmen nicht, wohl aber Handlungsbedarf bei Zulieferern und die Notwendigkeit, ‚Grauzonen‘ der Unternehmensverantwortung zu erhellen. Novartis regelte seine Lieferantenbeziehungen in einem ‚Third Party Code of Conduct‘ und schaffte damit die Grundlage, um potentiell gefährdete Zulieferer zu identifizieren und sie bei der Wahrung der Menschenrechte zu unterstützen. Zudem wurde 2005 ein ‚Business Practice Office‘ eingerichtet, das vertraulich rund um die Uhr Verstöße gegen die Prinzipien des UNGC entgegen nimmt. Zur Verankerung von Geschäftspraktiken, die sich an den UNGC-Prinzipien orientierten, wurde ein eLerning-Programm eingeführt. Bis heute wurden in diesem Programm von den Novartis-Mitarbeitern über 170.000 Kurse abgeschlossen.

Novartis trat zudem der Business Leaders Initiative on Human Rights (BLIHR) bei, die zwischen 2003 und 2009 Methoden und Werkzeuge für eine Verankerung der Menschenrechte in der Unternehmenspraxis erarbeitete. Beim näheren Hinsehen gab es auch bei Novartis in Sachen Menschenrechte Handlungsbedarf: In Taiwan wurden Bewerber mit Fragen zu ihrem Eheleben und ihrer Intimsphäre konfrontiert. In Südafrika vielen die Fahrtkostenerstattungen an die Teilnehmer klinischer Studien so großzügig aus, dass deren Teilnahme nicht mehr als freiwillig bezeichnet werden konnte. Und in Indonesien fehlte es der Personalabteilung an Sensibilität im Umgang mit den gespeicherten persönlichen Daten der Mitarbeiter.

Im Rahmen der Umsetzung der UNGC-Prinzipien verfolgt Novartis das Thema ‚existenzsichernde Löhne‘ sehr intensiv und vorbildlich: Novartis beschloss, unternehmensweit solche existenzsichernden Löhne zu zahlen. Diese liegen in einigen Ländern über den gesetzlichen Mindestlöhnen; in vielen Ländern fehlen gesetzliche Mindestlöhne ganz. Bei der Diskussion solcher existenzsichernder Löhne bezog Novartis nicht nur Entwicklungs-, sondern auch Industrieländer ein. Angesichts der Unterschiede zwischen Kontinenten und Ländern und zwischen städtischen und ländlichen Regionen und aufgrund der Schwankung etwa von Energie- und Lebensmittelpreisen erweist sich die Definition existenzsichernder Löhne als eine sehr komplexe und nie abzuschließende Aufgabe. Mit der Erarbeitung einer Methodik dazu und mit deren Umsetzung wurde die NGO Business for Social Responsibility (BSR) beauftragt. Mindestlöhne sollten für 60 Länder, in denen Novartis mit mindestens 50 Mitarbeitern tätig ist, definiert werden. Die Ergebnisse wurden in einen umfangreichen Dialogprozess eingebracht. Im Ergebnis lag der existenzsichernde Lohn beispielsweise in Indien für das Jahr 2009 allgemein bei 81.050 Indischen Rupie (INR), was etwa 1.400 Euro entspricht. In Delhi waren es aufgrund regionaler Unterschiede 101.860 INR und in Mumbai 137.580 INR.

Wer die Broschüre „Novartis and the Global Compact“ liest, dem werden die sehr komplexen Herausforderungen bei der Umsetzung der UNGC-Prinzipien bewusst. Und er stößt auf das, was Unternehmen dabei in ihren Einflusssphären verändern und gestalten können. Dabei sollen Unternehmen nicht allein stehen. „Through the compact, business can join hands with other sectors to find solutions to the poverty and social injustice that still blight our world“, schreibt Kofi Annan in seinem Vorwort zu der Publikation. Um Unternehmen neu zu einem solchen Engagement zu motivieren, verabschiedete der UNGC Summit die „New York Declaration“.

Die „New York Declaration“ im Internet:
http://www.unglobalcompact.org/docs/news_events/9.1_news_archives/2010_06_25/LeadersSummit_NY_Declaration.pdf

Foto: Forschung am Novartis Institute for BioMedical Research (NIBR) in Basel.

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