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Nachhaltigkeit der Begriff des 21. Jahrhunderts: das Interview mit Dr. Volker Hauff

Köln > Kaum jemand hat die Entwicklung der Nachhaltigkeitsdiskussion in Deutschland so verfolgt und mitgeprägt wie Dr. Volker Hauff. Der SPD-Politiker und ehemalige Bundesminister gehörte in den 80er Jahren der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung – besser bekannt unter der Bezeichnung „Brundtland-Kommission“ – an. Den Rat für Nachhaltige Entwicklung leitete Hauff seit dessen erster Einberufung durch die Bundesregierung im September 2001. Diese Aufgabe legt er nun in jüngere Hände. Mit Dr. Volker Hauff sprach CSR NEWS über die Entwicklung der Nachhaltigkeitsdiskussion in Deutschland.

CSR NEWS: Herr Dr. Hauff, seit Ihrer Mitarbeit in der sogenannten Brundtland-Kommission in den 80er Jahren beschäftigen Sie sich mit dem Thema Nachhaltigkeit. Haben Sie mit einem solchen Bedeutungszuwachs dieses Themas gerechnet?

Dr. Volker Hauff: Als 1987 der Bericht der Brundtland-Kommission veröffentlicht wurde, hätte ich nicht gedacht, dass wir etwa 25 Jahre später soweit würden, wie wir heute sind. Damals war Nachhaltigkeit ein Nischenbegriff und nur Randgruppen bekannt. Heute berichten 27 von 30 DAX-Unternehmen öffentlich über ihre gesellschaftliche Verantwortung und ihr nachhaltiges Engagement. In einem großen DAX-Unternehmen ist die Position des Nachhaltigkeitsbeauftragten bereits im Vorstand verankert. Der Begriff ist weit in das öffentliche Bewusstsein eingedrungen, ich halte Nachhaltigkeit für den entscheidenden Begriff des 21. Jahrhunderts. Vielleicht ist er vergleichbar mit dem Begriff der sozialen Marktwirtschaft im vergangenen Jahrhundert. Vor knapp über 100 Jahren bewegten Krankenversicherung, Rentenversicherung, Versammlungsfreiheit und Steuergerechtigkeit als sozialpolitische Gerechtigkeitsthemen die Menschen. Unsere heutige Frage lautet: Wie sieht eine gerechte Welt aus, die international organisiert ist und die Lebensgrundlagen der kommenden Generation berücksichtigt? Nachhaltigkeit ist der Schwesterbegriff der Globalisierung. Ohne Nachhaltigkeitsorientierung werden wir scheitern.

Verwässert der Nachhaltigkeitsbegriff durch die Breite der aktuellen Diskussion?

Der Begriff der Nachhaltigkeit stammt aus der Forstwirtschaft und ist etwa 250 Jahre alt. Gemeint war damit, nur so viel Holz zu schlagen, wie wieder nachwächst. Wiederentdeckt hat ihn die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland in dem unter ihrem Vorsitz 1987 veröffentlichten Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Ich selbst war damals für die Bundesrepublik Deutschland Mitglied in dieser Kommission. Darin bildet der Nachhaltigkeitsbegriff – auf Englisch Sustainability – den roten Faden. Und dort findet sich auch die bis heute bekannteste Nachhaltigkeitsdefinition: ‚Nachhaltig ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.‘

Was hat den sogenannten Brundtland-Bericht so besonders gemacht und was hat er bewirkt?

Neu in dem Bericht war, dass zwei scheinbare Gegensätze zusammengedacht wurden: Entwicklung und ökologische Verantwortung. Die Klammer bildet dabei der Begriff der Nachhaltigkeit. Der Bericht löste eine breite internationale Diskussion aus, die insbesondere von den Vereinten Nationen aufgegriffen wurde. Daraus entwickelte sich 1992 die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro. In Deutschland diskutierte die Bundesregierung 2001 eine Nachhaltigkeitsstrategie mit inhaltlichen Fixpunkten und berief im selben Jahr den Rat für Nachhaltige Entwicklung. Ein Jahr später verabschiedete die Bundesregierung ihre Strategie für eine Nachhaltige Entwicklung unter dem Titel „Perspektiven für Deutschland“. Zur Umsetzung der Strategie wurde ein Staatssekretärsausschuss gegründet. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung sollte die Meinungsbildung außerhalb der Regierung beleben undWirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft an einen Tisch bringen.

Seit dessen Einberufung bis in dieses Jahr hinein hatten Sie den Vorsitz im Rat für Nachhaltige Entwicklung inne. Neun Jahre Nachhaltigkeitsrat – wo stehen wir heute?

Wenn die nachhaltige Zukunftsorientierung eine Vierundzwanzigstundenaufgabe ist, dann haben wir jetzt die erste Stunde hinter uns. Am Anfang müssen die Weichen richtig gestellt werden. Damit haben wir begonnen, und diese verantwortungsvolle Aufgabe übergebe ich jetzt in andere Hände.
Um eine unabhängige Einschätzung zur deutschen Nachhaltigkeitsstrategien und zum Grad ihrer Umsetzung zu erhalten, haben wir der Regierung die Durchführung eines Peer Review durch internationale Experten empfohlen. Die Bundesregierung ist unserem Vorschlag gefolgt; sieben internationale Experten haben diesen Peer Review erstellt. Ihr Fazit: Unser Land sei in Sachen Nachhaltigkeit führend gewesen und nun im Begriff zurückzufallen. Uns fehlt ein umfassender und ausreichend zukunftsorientierter Ansatz, heißt es in dem im November 2009 an die Bundeskanzlerin übergebenen Bericht „Sustainability Made in Germany“. Der Bericht plädiert für eine „Nachhaltigkeitsvision 2050“, Deutschland braucht eine klare und langfristige Nachhaltigkeitsplanung.

Teilen Sie die Auffassung, dass unserem Land eine langfristigere Nachhaltigkeitsstrategie braucht?

Die jetzige Zeit ruft nach Orientierung. Ein bloßes Weiterwurschteln hilft nicht. Wohin sollen sich Deutschland und Europa entwickeln? Die Schwierigkeiten sind nicht zu übersehen. Und der Regierung fehlt es an Mut, Visionen zu entwickeln.
Nehmen Sie zum Beispiel die eMobility. Dieses Thema hat die Regierung viel zu sehr der Automobilindustrie überlassen und andere Akteure – etwa den öffentlichen Verkehr – übersehen. Das war eine zu starke Orientierung an Lobbygruppen. Im Sinne der Nachhaltigkeit müssen wir aber ein Silo-Denken überwinden, wir brauchen branchenübergreifende Formen der Zusammenarbeit. Oder nehmen Sie ein anderes aktuelles Thema: CO2 als Rohstoff. Wir müssen davon wegkommen, CO2 nur als Abfall zu betrachten. Lösungen hierzu erfordern eine Kooperation von Wirtschaft und Regierung. Ich sehe Parallelen zur Geschichte des Teers, der vor über hundert Jahren auch nur als Abfallprodukt wahrgenommen wurde.

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung soll alle Nachhaltigkeitsakteure ansprechen und einbeziehen. Sind Sie mit dem Engagement von Wirtschaft und Zivilgesellschaft zufrieden?

Der Anteil von Politik, Zivilgesellschaft, Unternehmen und Wissenschaft an der Nachhaltigkeitsdiskussion hat sich in den zurückliegenden Jahren grundlegend gewandelt. In den 80er Jahren trieb die Zivilgesellschaft die Diskussion voran, Politik und Wissenschaft hinkten hinterher und die Wirtschaft verhielt sich ablehnend. Heute ist dagegen die Wirtschaft der Innovationstreiber. NGOs sind auch sehr engagiert. Die Wissenschaft war lange Zeit zurückhaltend und spielte keine große Rolle. Das ändert sich im Augenblick wieder.

Für die Wirtschaft gilt: Nachhaltigkeit ist eine Führungsaufgabe und verlangt ein klares Bekenntnis. Dabei geht es nicht um Nettigkeiten und Spenden für Sportvereine, auch nicht um Fahrräder für Südafrika. Es geht um die Kernkompetenzen und die Kernverantwortung der Unternehmen für ihre Dienstleistungen, Verfahren und Produkte. Daran muss sich Nachhaltigkeit messen lassen. Es geht um Wertschöpfungsketten und um neue Geschäftsmodelle. Dass Unternehmen mit solchen Geschäftsmodellen erfolgreich sein können, demonstriert zum Beispiel die Deutsche Bahn: Deren Endkunden können heute Bahnkarten lösen, die eine CO2-neutrale Fahrt garantieren. Damit gewinnt sie nicht nur einzelne Kunden, sondern große Unternehmen wie BMW und SAP haben für ihre Dienstreisen auf ein CO2-neutrales Bahnkontingent umgeschwenkt.

Wer anderen Nachhaltigkeit verordnen will, sollte mit gutem Beispiel vorangehen. Wird das Einkaufsverhalten der öffentlichen Hand nachhaltiger werden?

Im Deutschen Städtetag, auf Konferenzen, in den Länderministerien und auf Staatssekretärsebene gibt es dazu eine breite Diskussion. Das ist wichtig, denn die Beschaffungspolitik der öffentlichen Hand macht rund 40 Prozent des Bruttosozialproduktes aus. Dieser Markt darf nicht nach dem Motto „Geiz ist geil“ organisiert werden. Die Öffentliche Hand muss mit gutem Beispiel voran gehen, wenn sie Industrie und Handeln in die Pflicht nehmen will. Die jüngsten Änderungen in den Beschaffungsrichtlinien ermöglichen die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien und gehen in die richtige Richtung.

Vielen Dank für das Gespräch!

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