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Verlieren CSR-Experten an Bedeutung? Perspektiven einer Profession

Hückeswagen > CSR-Experten werden in Unternehmen an Bedeutung verlieren, weil CSR-Wissen verstärkt in andere Berufsfelder einfließt und Verantwortungsfragen dezentral organisiert werden. Diese These stellte CSR NEWS in der XING-Gruppe für CSR-Experten „CSR Professional“ zur Diskussion. Ohne Zweifel ist es das Ziel der Diskussion über die gesellschaftliche Unternehmensverantwortung, diese in alle Unternehmensbereiche und -prozesse zu integrieren. Werden CSR-Experten damit überflüssig? Sind sie erfolgreich, wenn sie sich selbst überflüssig machen? „Aufgabe von CSR-Experten sollte es sein, ihr Wissen multiplizierbar zu machen. Das wäre nachhaltig“, betont etwa die Unternehmensberaterin Tanja Wolf.

CSR-Stabsstellen zukünftig überflüssig

Noch haben deutsche Unternehmen einen erheblichen Nachholbedarf in Bezug auf die Verankerung von CSR im Kerngeschäft. „Ist jedoch Nachhaltigkeit in das Wirtschaften eines Unternehmens integriert, dann bedarf es keinen CSR-Experten mehr als Stabsstelle irgendwo. Dann sind die Aufgaben eines CSR-Managers in jede Stelle integriert“, betont Bernhard Colsman (BearingPoint). Dazu gebe es keine Alternative, denn Nachhaltigkeit sei der Innovations- und Wachstumsmotor für Unternehmen.

Und Wolfgang Thiele (Grid International Deutschland) ist überzeugt: „CSR wird solange nicht funktionieren, solange es ‚Expertenwissen‘ bleibt. Dann kann man es an CSR-Beauftragte delegieren, die Broschüren entwickeln, vielleicht auch Veranstaltungen durchführen, mehr Relevanz hat es dann nicht.“ CSR müsse in den Köpfen der Führungskräfte und durch entsprechendes Vorleben in den Köpfen aller Mitarbeiter verankert werden. Einen Trost hat Thiele für die CSR-Consultants: „Da die Menschen Fehler machen, oder auf Druck entgegen ihren Werten handeln (siehe Love Parade in Duisburg) wird die Aufgabe für die Berater bleiben.“

Eine zunehmende Integration von CSR in unternehmerische Kernprozesse sieht auch Jan Krcek (München): „Ein Beispiel hierfür ist sicherlich die Tendenz in der Finanzberichterstattung, dass Geschäfts- und Nachhaltigkeitsberichte zusammenwachsen, wie es ja in manchen Ländern bereits gesetzliche Vorschrift ist.“ Das werde CSR-Experten nicht überflüssig machen, aber ihre Rolle verändern: „Die Kompetenz eines guten CSR-Experten liegt meines Erachtens schon heute darin, eine Schnittstellenfunktion zwischen verschiedensten Akteuren und Ebenen mit sehr ganzheitlicher Perspektive einzunehmen – sei es zwischen Abteilungen, zwischen Unternehmensbereichen, zwischen Stakeholdern, zwischen Kulturen etc.“

Einen „persönlichen Arbeitsauftrag“ sieht Karsten Tappe (Ketchum Pleon GmbH) in der These. „Wenn das erklärte Ziel Nachhaltigkeit ist und wir diese als 360-Grad-Ansatz auffassen (was wir wohl tun), wäre es im Grunde doch nur wünschenswert, wenn wir einmal melden könnten: Mission accomplished; und uns dann einem neuen Betätigungsfeld zuwenden würden.“ Angesichts organisationeller Verharrungsmomente und einer fehlenden Binnenkultur der Nachhaltigkeit brauche diese Entwicklung aber noch einiges an Zeit und eine andere Organisationskultur. „CSR-Verantwortliche sollten nicht nur via Normen, Standards, Programme, Zielerreichungsgrade etc. argumentieren, sondern auch kulturell – idealiter über einen entsprechenden Ordnungsrahmen abgesichert (der nicht per Geschäftsführungs-/Vorstandsbeschluss verfügt werden kann)“, so Tappe.

Unternehmen sind auf CSR-Experten angewiesen

Gar nicht einverstanden mit der These ist Dagmar Hotze (greenIMMO): „Mehr denn je sind Unternehmen darauf angewiesen, CSR-Spezialisten in ihr Unternehmen zu holen, um Prozessabläufe auf CSR-Kriterien zu untersuchen, zu optimieren und Anregungen für eine entsprechende Anpassung zu geben.“ Diese Experten könnten als Teamleader das Nachhaltigkeitsengagement aller Abteilungen zusammenführen.

Auf jeden Fall ist es noch ein weiter Weg bis dahin, dass CSR fest in allen Unternehmensbereichen verankert ist. Aneed Ashraf (Duisburg) sieht, „dass der Bedarf nachwievor enorm hoch ist.“ Begriffe wie CSR und Nachhaltigkeit würden sehr inflationär benutzt. Nicht alle Unternehmen werden sich diesem Prozess stellen. „Wenn die CSR zu aufwändig wird, werfen viele das Handtuch“, hat Marcos Vizcaino (NBI) beobachtet.

Mit der Einstellung eines CSR-Experten und dem Aufbau einer Nachhaltigkeitsabteilung haben Unternehmen keineswegs bereits 80 Prozent der CSR-Implementierung geschafft sind, betont Nancy Daiss (SanLucar Fruit S.L.). Zwar könne in der Anfangsphase die Einstellung eines Experten für ein Unternehmen von Vorteil und den Mitarbeitern verdeutlichen: „es ist uns ernst“. Dieser CSR-Experte müsse dann analysieren, an welchem Punkt der CSR-Implementierung das Unternehmen steht, und seine koordinierende Aufgabe in einem abteilungsübergreifendes Team wahrnehmen. „Ein CSR-Experte sollte somit ein guter Kommunikator sein und einen globalen Überblick über das Unternehmen und seine Tätigkeit haben“, so Nancy Daiss.

Profession gestaltet eigene Zukunft mit

Die CSR-Profession gestaltet ihre eigene Zukunft mit, ist Tobias Bielenstein (Bielenstein Consulting) überzeugt: „Arbeiten wir professionell genug? Schaffen wir es, CSR als relevanten Teil der Gesamtstrategie von Unternehmen langfristig und auf breiter Front zu etablieren? Haben wir dazu das nötige Fingerspitzengefühl, das Gehör und nicht zuletzt die Macht im Unternehmen, um sinnvolle CSR Positionen zu etablieren? Dann ist der in der These formulierte Widerspruch gar keiner: CSR Wissen wird in andere Berufsfelder einfließen und dezentraler organisiert sein, ohne dass die Bedeutung von CSR-Experten abnimmt!“

Und Uwe Kleinert (Coca-Cola Deutschland) sieht einen wachsenden Bedarf an CSR-Experten und macht sich mittelfristig keine Sorgen um seinen Job und den seiner Kollegen: „Ich glaube, dass es noch nicht so viele CSR-Fachleute gibt, dass dieser wachsende Bedarf schon befriedigt werden kann.“

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