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Vom Windpark zum Atomkraftwerk: Bundeskanzlerin auf Sommerreise

Von Sebastian Bronst.

Hamburg > Der Streit über die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken sorgte auch während des kurzen Sommerurlaubs von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für Unruhe in der Koalition. Mit ihrer heute beginnenden „Energiereise“ will Merkel nun demonstrieren, dass sich das Energiekonzept der Bundesregierung nicht auf die Atomkraft beschränkt. Besuche bei Wind- und Wasserkraftproduzenten, einem Biomasse-Heizkraftwerk und einem Energiespar-Haus sollen zeigen, dass die Regierung es ernst meint mit dem Ziel, den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bis 2020 auf mindestens 30 Prozent zu steigern. Dennoch berücksichtigt Merkel mit ihrem Programm auch die klassischen Energielieferanten Kohle und Atomkraft:

WINDENERGIE:

Zunächst besucht Merkel heute den Windpark Ravensberg/Krempin in Mecklenburg-Vorpommern sowie den Windanlagenbauer Nordex in Rostock. In der Windfarm etwa 30 Kilometer nordöstlich von Wismar stehen unter anderem drei Groß-Windräder der neuen Generation, die leistungsfähiger sind als frühere Modelle. Nach dem Willen der Bundesregierung soll die Windkraft 2050 die Hälfte der deutschen Stromproduktion abdecken. Das lässt sich nicht allein mit dem Bau neuer Windparks erreichen. Ebenso wichtig ist der platzsparende Ersatz alter Windräder durch effizientere neuere Anlagen.

ATOMKRAFT:

Am Donnerstag kommender Woche besichtigt Merkel das Atomkraftwerk Emsland im niedersächsischen Lingen – dem politisch womöglich heikelsten Termin der Reise. Der Reaktor, der zu den neuesten in Deutschland zählt, gehört den Konzernen RWE und Eon. Er ging 1988 ans Netz und würde nach dem unter Rot-Grün im Jahr 2002 vereinbarten – von der jetzigen Regierung aber wieder in Frage gestellten – Atomausstieg als einer der letzten etwa 2020 abgeschaltet werden. In Lingen trifft sich Merkel auch mit den Chefs von Eon und RWE. Sie gehören zum Kreis jener vier Energiekonzerne, die Merkel jüngst in der Diskussion um längere Akw-Laufzeiten und die umstrittene Brennelementesteuer unter Druck setzten.

STEINKOHLE:

Ebenfalls am Donnerstag kommender Woche fährt die Kanzlerin weiter zur Baustelle für ein Kohlekraftwerk im nordrhein-westfälischen Lünen. Dort baut ein Stadtwerke-Verbund ein Großkraftwerk, das ab 2012 mit einer Leistung von 750 Megawatt in etwa halb so viel Strom liefern soll wie ein Atomkraftwerk. Die Bundesregierung betrachtet die wegen ihres CO2-Ausstoßes geschmähte Kohlekraft weiterhin als weltweit maßgeblichen Energielieferanten – und setzt dabei auf möglichst effiziente neue Anlagen wie die in Lünen. Zum anderen soll die Rolle der Stadtwerke als Energieversorger hervorgehoben werden. Diese hatten sich zuletzt beschwert, die Regierung rede nur mit den großen Stromkonzernen.

WASSERKRAFT:

Am Freitag kommender Woche besucht Merkel die Baustelle eines Wasserkraftwerks in Rheinfelden in Baden-Württemberg. Ab hier soll auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) an ihrer Seite sein. In Rheinfelden ersetzt der Stromkonzern EnBW für rund 400 Millionen Euro ein über 100 Jahre altes Wasserkraftwerk durch eine moderne Anlage, die in etwa viermal so viel elektrische Leistung produziert. Auch beim Thema Wasserkraft setzt die Regierung vor allem auf leistungssteigernde Nachrüstungen bestehender Anlagen.

EFFIZIENTE ENERGIENUTZUNG:

Zum Abschluss ihrer Energiereise wird die Kanzlerin am selben Tag in Darmstadt das „Plus-Energiehaus“ ansehen, einen von Studenten der dortigen Technischen Universität entwickelten Prototyp. Das preisgekrönte Haus erzeugt mehr Energie als die Bewohner verbrauchen – durch den Einsatz moderner Dämmmaterialien, durch Techniken zur hocheffizienten Wasser- sowie Strombereitstellung und den Einbau von Solarzellen.