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Nicht alle Menschen sind Freunde des Viktoriasees

Der Viktoriasee verschmutzt. Die Zahl der Fische sinkt. Die Regierung bleibt untätig. Dagegen setzt die Nichtregierungsorganisation OSIENALA den Aufbau eigener Unternehmen. OSIENALA steht für “Freunde des Viktoriasees”. Aber das sind nicht alle Menschen.

Kisumu > Dr. Dodfrey Ogonda gehört zu den “Freunden des Viktriasees”. So heißt seine Organisation OSIENALA auf Deutsch. OSIENALA ist über die Grenzen Kenias hinaus bekannt und hat auch mit deutschen Unternehmen Projekte in Westkenia verwirklicht. Ich fahre aus dem westkenianischen Hochland in Richtung Viktoriasee, vorbei an Zuckerrohrfeldern, kokelnden Holzstapeln und Lastwagenfahrern, die ihre Fahrzeuge in den Gewässern am Straßenrand reinigen. Dodfrey Ogonda treffe ich am Stadtrand im Hotel Kisumu, ein junger Wissenschaftler, der meine Sprache versteht, weil er vier Jahre in Stuttgart studierte.

Ogonda leitet ein “gesellschaftliches Agroforstprogramm” mit dem Namen SUBA GREEN FOREST INITIATIVE. Dahinter stehen eine gut durchdachte Initiative für Menschen und Natur und ein Wandel in der Arbeitsweise der Nichtregierungsorganisation.

Nicht mehr nur Lobbyorganisation

OSIENALA wurde 1992 als eine Initiative von Wissenschaftlern und Forschern gegründet, die sich mit der Verschmutzung des Viktoriasees beschäftigten. Einer dieser fünf Gründer ist heute Exekutiv-Direktor. An Anfang der Arbeit standen die Information der Öffentlichkeit über Umweltfragen und die Forschung. OSIENALA verstand sich als Lobbyorganisation. Diese Strategie hat sich deutlich geändert. Heute sind Lobbying-Aktivitäten bei OSIENALA seltener. Im Mittelpunkt stehen stattdessen die Verbesserung der Lebenssituation der Menschen in der Region und der Kampf gegen die Armut. OSIENALA will dazu beitragen, dass Ressourcen nachhaltig eingesetzt werden.

Unternehmen gegen die Armut

So ist die gemeinnützige Organisation OSIENALA in einigen Bereichen heute erwerbswirtschaftlich tätig. Das Community-Radio kann dadurch selbständig seine Kosten decken. OSIENALA unterhält ein Restaurant und Angebote für Touristen. Zu den erwerbswirtschaftlichen Initiativen zählt die von Ogonda geleitete SUBA GREEN FOREST INITIATIVE mit dem verbundenen Unternehmen Green Forest Social Investment (GFSI) Ltd. Vier Kernbereiche kennzeichnen das Unternehmen: die Erzeugung von Holzkohle mit dem Anbau schnell wachsender Bäume (Akazien), die Extraktion von Aloe Vera, die Honigerzeugung und die Biodiesel-Produktion durch die Anpflanzung von Jatropha. Hinter dem Unternehmen steht eine besondere Idee: Die benötigten Rohmaterialien für die Produktgruppen werden von der lokalen Bevölkerung angebaut, was dieser Einkommensmöglichkeiten verschafft und zugleich neue landwirtschaftliche Techniken vermittelt. Die GFSI garantiert den Menschen einen Markt und Festpreise für die vereinbarten Produkte; diese werden sowohl regional angeboten als auch exportiert.

Landwirtschaftliche Erfolge für Kleinbauern

Damit sich die Menschen an den Programmen beteiligen, müssen sie schnell einen Erfolg sehen können. Deshalb werden Farmer, die sich zur Anpflanzung der Bäume entschließen, zugleich zur Bienenhaltung ermutigt. Während Erträge aus den Baumpflanzungen erst nach zwei bis vier Jahren erzielt werden, ist eine Honigernte deutlich schneller möglich. Die Farmer werden gruppenweise zu Schulungen eingeladen. Und ein Mikrofinanzsystem ermöglicht den Einstieg in das Produktionsprogramm, wobei die Raten für das gewährte Darlehen jeweils von den Erträgen aus der Produktion einbehalten werden.

Die Landwirtschaft dient traditionell dazu, Lebensmittel – insbesondere Mais – für den eigenen Gebrauch zu erzeugen. Viele Farmer verfügen lediglich über einen halben Hektar Ackerland, wenige über größere Flächen. Die SUBA GREEN FOREST INITIATIVE leitet Farmer dazu an, Jatropha oder Baumanpflanzungen als Hecken für ihre Grundstücke zu nutzen. Unterstützt werden sie auch darin, ihre landwirtschaftlichen Flächen zu kultivieren und einzuzäunen.

Explosiver Fischfang

Landwirtschaft am Viktoriasee? Ja, auch wenn ein großer Teil der Bevölkerung vom Fischfang, der Fischverarbeitung, dem Fischhandel und den damit verbundenen Handwerken lebt. OSIENALA hat sich immer dafür eingesetzt, die Überfischung des Viktoria-Sees zu verhindern. Die Fischereimethoden sind mitunter aggressiv: So werden Sprengsätze und Gifte eingesetzt, um die Fische zu töten und an der Wasseroberfläche einzusammeln. Das zerstört zugleich die Fischbrut. Die so gefangenen Fische werden später auf regionalen Märkten angeboten.

Viktoriasee wird Fußballplatz

Der Viktoriasee ist verschmutzt. Je nach Windrichtung und Jahreszeit werden weite Teile des Sees von einem Algenteppich bedeckt. Das sieht dann aus, als stände man vor einem riesigen Fußballplatz. Die Verschmutzung des Viktoriasees stammt nicht nur aus der Region unmittelbar um den See. Viele Gifte gelangen durch die in den See mündenden Flüsse in das Gewässer. Dabei spielt der Zuckerfarmgürtel in Westkenia eine wichtige Rolle: Zuckerfabriken leiten ihre Abwässer in die Flüsse und von den Zuckerrohrfeldern gelangen die Agrochemikalien ebenfalls nach dort. Natürlich belasten auch die Stadt Kisumu und andere Städte mit ihren Abwässern den See – und das wenig umweltbewusste Verhalten der Menschen, die ihre Fahrzeuge in den Gewässern reinigen.

Armut verhindert Umweltschutz

OSIENALA setzt auf Aufklärung zu Umweltfragen – mit Programmen in Schulen und Radios und Artikeln in Zeitungen. Umweltschädliches Verhalten ist jedoch oft armutsbedingt und durch Aufklärung alleine nicht zu verhindern. Ein Beispiel dafür ist das “Sandernten” am Nyamasaria-Fluss: Das Abschöpfen des in diesem Fluss transportierten Sandes bietet den Menschen ein geringes Einkommen, der Sand wird für die Zementherstellung benötigt. Zugleich trägt die “Sandernte” aber erheblich zur Bodenerosion entlang der Flussufer bei. Die Böden werden mit dem Fluss weggespült und verunreinigen den Viktoria-See. Den Menschen dieser Region fehlt jedoch eine Alternative für ihren Broterwerb, sodass sie auch bei aller Aufklärung diese Tätigkeit nicht beenden werden. Auch viele Abholzungen sind armutsbedingt: Die Menschen fällen Bäume, um daraus Holzkohle herzustellen und einen kleinen Verdienst zu erzielen. Durch diese illegale Praxis gegen Bäume verloren, deren Nachwachsen oft 15 Jahre dauern wird. Ich denke an die kokelnden Holzstapel an den Straßenrändern, die mir auf dem Weg nach Kisumu begegneten.

Untätige Regierung

Was leistet die Regierung, um die Situation der Menschen in der Region zu verbessern und Unternehmen zu einem nachhaltigen Engagement am Viktoriasee zu ermutigen, frage ich meinen Gesprächspartner. Dodfrey Ogonda klagt: Regierungsstellen tun sich schwer damit, Unternehmen zu einem Engagement in der Region zu ermutigen. “Kisumu does not sell.” Oft wird unternehmerisches Engagement noch behindert. So etwa in einem Fall, in dem ein Unternehmen Reparatur einer dringend benötigten Straße anbot. Die Lokalregierung erteilte die dazu erforderliche Genehmigung lange Zeit nicht, sondern forderte eine Zahlung in Höhe der selbstveranschlagten Reparaturkosten, um die Straße dann selber zu reparieren. Erst öffentliche Proteste führten zu einem Umdenken. Öffentliche Proteste sind besser als Schmiergelder.

Kein nettes Foto

Nach dem Interview fehlt mir nur noch ein nettes Foto vom Viktoriasee. Da gibt es eine bekannte Stelle am Seeufer, an der örtliche Fischer ihre Köstlichkeiten den Touristen etwas zu aufdringlich feilbieten. Von hier aus starten Rundfahrten mit dem Ruderboot und man hätte auch einen schönen Blick über das Wasser, wenn sie nicht hier ständen: Der Tanklastwagen, das Taxi und der Privat-PKW, den Hintern im See, die Besitzer mit Scheuerbürste davor. Niemand protestiert, keiner der Fischhändler fürchtet um sein Geschäft, alles scheint wie immer. Nein, nicht alle Menschen in Kisumu sind Freunde des Viktoriasees.

OSIENALA im Internet:
www.osienala.org