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Nachhaltiger Fischfang: Kontroverse um MSC-Siegel

Deutsche essen immer mehr Fisch. Dass viele Anbieter dafür Nachhaltigkeitszertifikate vorlegen können, steigert den Appetit. Jetzt kritisiert ein Beitrag im Wissenschaftsmagazin nature das wichtigste Zertifikat: den MSC. Der Standard hat erheblich an Qualität eingebüßt, sagen die Autoren. Falsch, der MSC trägt erheblich zu mehr Nachhaltigkeit in der Fischerei bei, sagt ein deutscher Meeresforscher.

Rostock > Der Pro-Kopf-Verbrauch an Fisch und Meeresfrüchten verzeichnet in Deutschland einen leichten Zuwachs. Im vergangenen Jahr kamen davon pro Person 15,7 kg Fanggewicht auf den Tisch; im Jahr 2008 waren es 15,5 kg. Nach Überzeugung des Fisch-Informationszentrum e. V. liegt diese Steigerung auch daran, dass die Fischwirtschaft und der Lebensmitteleinzelhandel dem Verbraucher immer mehr Informationen über den Fang und die Herkunft der Seafooderzeugnisse zur Verfügung stellen und zertifizierte Produkte anbieten.

Marine Stewardship Council (MSC)

Das wichtigste Nachhaltigkeitszertifikat stammt von dem Marine Stewardship Council (MSC). Über 90 Fischgründe und rund sieben Prozent der jährlich angelandeten Fischerträge sind nach den Regeln des MSC zertifiziert und können das blaue MSC-Logo erhalten; 118 weitere Fischgründe befinden sich im Bewertungsprozess. Die seit 1999 unabhängige NGO will einen Beitrag dazu leisten, Ökologie und Ökonomie in Einklang zu bringen und die Meere zu schonen. Dass der MSC diesem Ziel heute noch gerecht wird, bezweifeln der Meeresbiologe Daniel Pauly und einige seiner Kollegen in einem Beitrag für die September-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins nature:

nature-Beitrag kritisiert den MSC

Die Kritik im nature-Beitrag setzt an unterschiedlichen Themen an. Zertifizierer könnten „ein Auge zudrücken“, weil sich so ihre Chancen auf weitere Aufträge verbesserten. Die größte der zertifizierten Fischereien, die 2005 zertifizierte Alaska Seelachs-Fischerei, weise trotz MSC eine deutliche Reduzierung des Fischbestandes auf. Zudem könnten in den MSC auch Fischereien aufgenommen werden, die ihre Nachhaltigkeit erst noch unter Beweis stellen müssten. Kritisiert werden von den Autoren auch der Fang von arktischem Krill, weil daraus Fischmehl hergestellt wird, und der Einsatz von Grundschleppnetzen in zertifizierten Fischereien. Über die Hälfte der in Europa und den USA verzehrten Fische stamme aus Entwicklungsländer, und diese seien in dem dreizehnköpfigen Vorstand des MSC überhaupt nicht vertreten.

Deutscher Meeresforscher verteidigt MSC

Die in dem nature-Beitrag geäußerte und in deutschen Medien wiedergegebene Kritik am MSC will der deutsche Meeresforscher Dr. Christopher Zimmermann so nicht stehenlassen. Zimmermann ist am bundeseigenen Institut für Ostseefischerei in Rostock tätig und davon überzeugt, dass die Nahrungsmittelressourcen der Meere verantwortlich genutzt werden können – und dass der MCS dazu einen wichtigen Beitrag leistet. Den nature-Autoren hält er vor, bei einigen ihrer Thesen unwissenschaftlich zu argumentieren und an anderen Stellen wissenschaftliche und ethische Fragestellungen zu vermischen.

Bestandsschwankungen beim Alaska Seelachs

Dass der Bestand des Alaska Seelachs in größeren Zeitabständen erheblich schwanke, habe eine natürliche Ursache und sei seit langem bekannt. Es sei gerade ein entscheidender Vorteil des MSC, auf solche Schwankungen schnell reagieren zu können. Hier sieht Zimmermann den entscheidenden Vorteil des MSC: Der Marine Stewardship Council nutze die Kräfte des Marktes und könne damit viel schneller auf neue Erkenntnisse und Entwicklungen reagieren, als dies durch politische Entscheidungsprozesse möglich sei. Als Wissenschaftler an einem Bundesinstitut hat Zimmermann leidvoll erfahren, wie langwierig Gesetzgebungsverfahren sein und wie dabei wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert werden können.

Wissenschaft und Ethik

Auch die Grundschleppnetzfischerei will Zimmermann nicht grundsätzlich verdammen. Es komme auf das konkrete Einsatzgebiet der Grundschleppnetze an. Am Ausgang des Ärmelkanals etwa werde der Boden sowieso mehrmals am Tag durch die Strömung umgepflügt, und in manchen Regionen könnte durch die Grundschleppnetze der Beifang an Seevögeln und Seesäugern deutlich reduziert werden. Nicht vermischen will der deutsche Experte wissenschaftliche und ethische Fragestellungen. Es sei eine ethische Frage, ob Krill als Fischmehl verfüttert werden dürfe. Wissenschaftlich könne man sagen, dass die Population des Krill nicht gefährdet werde.

Fischfang in Entwicklungsländern

Dass die Hälfte der angebotenen Fische aus Entwicklungsländern stamme, kann Zimmermann zumindest für Europa nicht bestätigen. Ein erheblicher Teil der in Afrika und Asien gefangenen Fische werde dort auf lokalen Märkten angeboten. Käufer in diesen Regionen zeigten kein Interesse an Nachhaltigkeitsthemen, weshalb der MSC zu diesen Märkten keinen Zugang fände.

Fischereien auf dem Weg in die Nachhaltigkeit begleiten

Zimmermann findet es richtig, dass der MSC Fischereien auf dem Weg in die Nachhaltigkeit begleitet und mit seinem Siegel so starke Anreize für eine Entwicklung „in die richtige Richtung“ schaffe. Die Fischereien hätten einen genauen Plan über den Weg in ein nachhaltiges Bestandsmanagement vorzulegen, dessen Umsetzung jährlich überprüft werde. Wer keine Fortschritte zeige, der bekommt das Siegel aberkannt. „Der MSC hat eine große Leistung vollbracht und viele Fischereien in die richtige Richtung geführt“, so sieht es Zimmermann. Und der MSC sei ein lernendes Verfahren, das sich auch in Zukunft auf Veränderungen und Entwicklungen einstellen könne.

Herkunftsangaben auf Fischverpackungen

Das ist für den deutschen Verbraucher wichtig zu wissen, denn andere Nachhaltigkeitssiegel – etwa „Friends of the Sea“ – spielen hierzulande nur eine Nebenrolle. Einen weiteren Weg zu mehr Nachhaltigkeit sieht deshalb Dr. Matthias Keller vom Hamburger Fisch-Informationszentrum: Die Hersteller sollen die Fanggebiete ihrer Fische auf den Packungen genau bezeichnen. Der Verbrauchr könne dann auf den Websites www.fischverband.de und fischbestaende.portal-fischerei.de erkennen, wie es um die entsprechenden Fischbestände stehe. Freilich der kompliziertere Weg, auch wenn die Websites innerhalb der nächsten zwei Jahren rund 130 Fischarten verzeichnen sollen.

Damit dem deutschen Verbraucher der Fisch schmeckt, muss er auf einen nachhaltigen Fischfang vertrauen können. Bis zum Jahr 2014 will die Fischwirtschaft den Konsum auf 17,5 kg pro Person ausbauen. Dazu soll auch das Angebot an Produkten aus zertifizierten Fischereien und Aquakulturen erweitert werden -ohne dass die Qualität der Zertifikate leidet.

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