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Zehntausende kambodschanische Textilarbeiter streiken gegen Mindestlohn von 48 Euro

Seit gestern streiken zehntausende kambodschanische Textilarbeiter gegen Mindestlohn von 48 Euro; sie fordern 93 Euro. Damit setzt sich eine Streikserie in den asiatischen Billiglohnländern fort: Textilarbeiter in Bangladesch hatten im Sommer gegen einen Mindestlohn von 34 Euro gestreikt. Auch in chinesischen Fabriken hatte es Arbeitsniederlegungen gegeben. Nach Ansicht vieler Experten reichen die bestreikten Löhne nicht zur Existenzsicherung. Was aber ist ein existenzsichernder Lohn?

Phnom Penh > Die Welle von Streiks in Fabriken der asiatischen Niedriglohnländer reißt nicht ab. In Kambodscha, wo Kleidung und Sportartikel auch für deutsche Firmen wie Adidas und Puma gefertigt werden, traten am Montag zehntausende Arbeiter in den Streik, wie die kambodschanischen Gewerkschaften mitteilten. An dem Ausstand beteiligten sich demnach rund 60.000 Menschen aus 40 Fabriken. Knapp zehn Prozent der Textilfabriken des Landes sind betroffen.

Verbraucherpreise steigen deutlich

Die Arbeiter protestieren gegen eine Einigung von Regierung und Industrie, die den Mindestlohn für Textilarbeiter auf 48 Euro pro Monat festlegt. Die Gewerkschaften kritisieren, dies sei zu wenig, um in Kambodscha zu leben, und fordern einen Mindestlohn von 71 Euro. Seit der letzten Überarbeitung der Mindestlöhne im Jahr 2006 stieg der Verbraucherpreisindex in Phnom Penh um 36 Prozent an, die Preise für Lebensmittel erhöhten sich sogar um 51 Prozent.

Zieht Textilindustrie bei höheren Löhnen weiter?

Die Arbeitgeber warnten zugleich, durch die Streiks könnten dem Land große Marktanteile verloren gehen. Die Textilindustrie, die auch für andere westliche Konzerne wie Gap oder Benetton produziert, ist einer der zentralen Pfeiler der kambodschanischen Wirtschaft. Im Juli waren in Kambodscha 297.000 in der Textilindustrie und weitere 48.000 in der Schuhproduktion beschäftigt. In dem südostasiatischen Land leben mehr als 30 Prozent der 14 Millionen Einwohner von weniger als 50 Cent pro Tag.

Mindeslöhne im Vergleich

Auch in Bangladesch, einem anderen wichtigen zentralasiatischen Zulieferland der deutschen Textilindustrie, hatte es vor wenigen Wochen Massenproteste von Textilarbeitern gegeben. Dort plante die Regierung eine Anhebung der Mindestlöhne auf 34 Euro plante, die Gewerkschaften forderten 58 Euro und konnten sich teilweise durchsetzen. Auch in vielen chinesischen Fabriken, darunter bei Zulieferern japanischer Autokonzerne, war es in den vergangenen Monaten zu Streiks gekommen. In Indien beträgt der Mindestlohn 50 Euro, in Mauritius sind es 79 Euro, in Bulgarien 123 Euro, in Litauen 232 Euro und in der Türkei 285 Euro.

Was ist ein existenzsichernder Lohn?

Im August schrieb die Stiftung Warentest in ihrer Untersuchung zu Damen-T-Shirts: „Die Kostenkalkulation der meisten Anbieter ist dennoch knallhart. Deutlich mehr als den Mindestlohn zahlen wenige … Ihre Lebenskosten können die Arbeiter mit diesem Geld kaum decken.“ Diskutiert wird deshalb die Höhe existenzsichernder Löhne. Solche Löhne festzustellen ist allerdings nicht leicht: So hat in einer anderen Branche etwa Novartis die NGO Business for Social Responsibility (BSR) beauftragt, eine Methodik zur Festlegung existenzsichernder Löhne zu entwickeln.

adidas und PUMA

PUMA arbeitet mit zwölf Lieferanten in Kambodscha zusammen. Keiner davon sei derzeit von dem Streik betroffen, so das Unternehmen. PUMA weist darauf hin, dass es sich seit Januar 2010 in einem konstruktiven Dialog mit der Nicht-Regierungsorganisation Asian Floor Wage Campaign und der Fair Labor Organisation zu dem Thema existenzsichernde Löhne in PUMAs Produktionsländern befinde.
Eine Sprecherin von adidas betonte, dass ihr Unternehmen faire und konstruktive Aushandlungsprozesse über Löhne zwischen den legitimierten Vertragsparteien befürworte. adidas erwarte von seinen Zulieferern, dass mögliche Erhöhungen der gesetzlichen Mindestlöhne bzw. zwischen Vertragsparteien verabschiedete Vereinbarungen uneingeschränkt umsetzen würden. In Kambodscha lässt adidas in acht Produktionsstätten fertigen, von denen gestern zwei von dem Streik betroffen waren. Heute seien in einer dieser Produktionsstätten noch ein paar Dutzend Arbeiter an einem friedlichen Streik beteiligt gewesen, so das Unternehmen.