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Plötzlich in der Einflugschneise

Von Mechthild Henneke.

Berlin > Über dem beschaulichen Südwesten Berlins ziehen dunkle Wolken auf, seit die Deutsche Flugsicherung (DFS) Anfang September die geplanten Flugrouten für den neuen Berliner Großflughafen bekanntgab. Hier fühlten sich die Menschen bisher sicher vor dem Lärm der Maschinen, die ab 2012 auf dem neuen Airport Berlin Brandenburg International (BBI) starten und landen sollen. Ein Trugschluss. „Es gibt keine Stadt, über die der Flugverkehr so brutal gelenkt wird wie über Berlin“, sagt Marela Bone-Winkel.

Sie hat mit anderen vor ein paar Wochen die Bürgerinitiative „Keine Flugrouten über Berlin“ gegründet, die am Montag zur Demonstration im Stadtbezirk Steglitz aufruft. Wo es sonst verpönt ist, auf die Straße zu gehen, herrscht Aufruhr, der ein Jahr vor den Berliner Wahlen zum Abgeordnetenhaus Zündstoff birgt.

Die Bekanntgabe der Flugrouten hat viele Berliner völlig überrascht. „Es gab ein Beteiligungsverfahren, aber die Bürger wussten nicht, dass sie betroffen sind“, sagt Bone-Winkel. In der Tat zeigen Grafiken, dass nicht nur die Flughafen-nahen Orte wie Schönefeld oder der Stadtbezirk Neukölln stark überflogen werden sollen, sondern gleichfalls der Südwesten der Stadt und die angrenzenden Orte wie Kleinmachnow oder Teltow, in die es viele junge Familien gezogen hat.

Verantwortlich für die Flugrouten ist die Deutsche Flugsicherung. Nachdem die erste Veröffentlichung Anfang September für viel Kritik gesorgt hatte, versuchte die DFS jetzt, die Wogen zu glätten. Sie bekräftigte, dass die Routen keineswegs endgültig seien und erst kurz vor Inbetriebnahme des Flughafens am 3. Juni 2012 festgelegt würden.

Nach Auffassung der DFS wird der Flughafen BBI in Berlin sogar für weniger Fluglärm sorgen. Während das Stadtgebiet heutzutage bei Abflügen vom Flughafen Tegel in rund 2000 bis 2500 Metern Höhe überflogen wird, werde es bei den vorgestellten Abflugrouten in Zukunft in etwa 3000 Metern und höher überquert – einer Flughöhe, in der nach Expertenmeinung kein Fluglärm mehr zu hören ist.

Momentan wickelt der innerstädtische Flughafen Tegel noch rund zwei Drittel des Berliner Flugverkehrs ab, sagt der Sprecher der Berliner Flughäfen, Ralf Kunkel. Insgesamt gibt es etwa 230.000 Flüge pro Jahr. Dieselbe Zahl soll ab 2012 der neue Flughafen im Südosten der Stadt übernehmen. Die Kapazität des BBI liege bei 360.000 Flügen.

Kunkel räumt ein, dass es „Optimierungsbedarf“ bei der Planung der Flugrouten gebe. Ein komplettes Umfliegen von Berlin, wie es etwa die Bürgerinitiative von Bone-Winkel fordert, mache aber „keinen Sinn“.

Seit die Flugrouten bekannt wurden, sind die Bürgerinitiativen wie Pilze aus dem Boden geschossen. Eine Berliner Lokalzeitung hat 15 alte und neue Initiativen gegen den Fluglärm gezählt – eine Herausforderung für die Politik. Die zuständige Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) forderte jetzt von der Flugsicherung „alternative Flugrouten“ und „bessere Information für alle Beteiligten“.

Für Bone-Winkel ist das nur ein Versuch, den potenziellen Demonstranten „ein Schlaflied zu singen“. Sie nimmt Junge-Reyer nicht ab, dass sie erst kürzlich von den Flugrouten erfahren habe. „Die müssen seit dem Planfeststellungsverfahren bekannt gewesen sein“, sagt sie.

Die Brandenburger Flugroutengegner haben das Vertrauen in ihre Politiker bereits verloren. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) habe als Umweltminister 1994 Schönefeld selbst als „ungeeignet“ für den Großflughafen erklärt, sagt die Vorsitzende des Bürgervereins Berlin Brandenburg, Astrid Bothe. 2004 habe er als Ministerpräsident den Flughafen mit beschlossen.

Bothe glaubt nicht, dass sich an den Flugrouten etwas ändern wird. Sie hofft, dass wenigstens die Nachtfluggenehmigungen gestoppt werden können. Zwar ist zwischen null und fünf Uhr früh kein regulärer Flugbetrieb am BBI vorgesehen. In den zwei Stunden vor Mitternacht und zwischen fünf und sechs Uhr früh sind jedoch 87 Flüge genehmigt – das heißt: alle zwei Minuten ein Flug.

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