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Schmutzige Schokolade: die ARD berichtete gestern über Kindersklaven an der Elfenbeinküste

Hamburg > Überraschenderweise beginnt die Recherche des dänischen Journalisten Miki Mistrati von Bastard TV in Köln auf der Internationalen Süßwarenmesse: Einer Messe, die auch Corporate Social Responsibility zu einem ihrer zentralen Themen wählte. Diese Seite der Messe kommt in dem gestern Nacht in der ARD ausgestrahlten Beitrag “Schmutzige Schokolade” allerdings nicht vor. Die Messe bildet lediglich den filmischen Einstieg für die Information: Der größte Teil der Schokolade kommt von der Elfenbeinküste. Kinderarbeit? Dazu wissen die in Köln interviewten Vertreter der Branche nichts zu sagen. Der Zuhörer erfährt vom 2001 unterzeichneten „Harkin-Engel-Protokoll“, einer freiwilligen Selbstverpflichtung von Industrie und Handel zur Überwindung von Kinderarbeit, Kinderhandel und Zwangsarbeit auf den Kakaofarmen. Wurden diese Ziele erreicht und wurden sie ernsthaft angestrebt?

Beides bezweifelt Mistrati. Mit seinem Team reist er nach Westafrika und dreht in Mali und an der Elfenbeinküste. Sein Bericht zeigt Jungen im Alter von zehn bis zwölf Jahren, die auf den Kakaoplantagen der Elfenbeinküste arbeiten. Und er zeigt Bilder von Kindern in der Grenzregion nach Mali, die für die Arbeit auf den Kakaoplantagen über die Grenze geschafft werden. Der “Kauf” eines solchen Kindersklaven kostet 230 Euro, so ein Plantagenbesitzer, der seine Hilfe beim Kauf anbietet.

Mistrati beklagt aber nicht nur die Zustände an der Elfenbeinküste. Er beklagt auch das Verhalten von Handel und Industrie. Er habe Nestlé, Cargill, Mars, KRAFT und ADM angefragt, seine Ergebnisse vorstellen wollen und keine Reaktionen erhalten, sagt der Filmemacher. Letztlich habe er nur die schriftliche Stellungnahme eines internationalen Verbandes erhalten, der Verantwortung zurück weist. Sein Fazit: Kinderarbeit und Kindersklaverei werden von der Schokoladenindustrie zumindest geduldet, denn diese unternimmt viel zu wenig dagegen.

Einige Filmszenen werfen beim Betrachter die Frage auf, ob alle Aufnahmen und Interviews echt sind. Mistrati ist immer genau im richtigen Moment am richtigen Ort. Zweifel an der Filmqualität will Barbara Biemann vom Programmbereich Kultur und Dokumentation des Norddeutschen Rundfunks nicht gelten lassen. Es sei eine internationale Koproduktion gewesen, eine investigative Recherche, für deren Qualität auch der NDR stehe. Die späte Sendezeit um 23.30 Uhr? Leider gibt es wenige Sendeplätze für dieses Format, beklagt Biemann. Und das Dialogangebot hätten Verbände und Unternehmen nicht genutzt.

Wenig gesprächsbereit zeigen sich Verbände und Unternehmen bei dieser Nachrecherche jedoch nicht. Nach Überzeugung von Dr. Torben Erbrath vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie e.V. adressiert der Film lediglich einen Teil der Probleme, und zwar nicht einmal den größten. Die Arbeit von Kindern aus der Elfenbeinküste selbst sei zahlenmäßig die viel größere Herausforderung, der sich die Süßwarenindustrie auch stelle. Veränderungen gingen schrittweise voran und natürlich trage die Süßwarenindustrie Verantwortung für ihre Supply Chain.

Achim Drewes von Nestlé Deutschland beteiligt sich an der von CSR NEWS angestoßenen Online-Diskussion zum Thema „Kinderarbeit auf Kakaoplantagen“. Sein Statement beleuchtet einen Aspekt des Problems: “ Eine fragmentierte Lieferkette mit lokalen Aufkäufern und Zwischenhändlern führt zu Verlusten an Wertschöpfung für die Bauern selber und zu Intransparenz für die Schokoladenhersteller. Natürlich kann man gegen diese Situation etwas unternehmen – und das erfordert tatsächlich einen langen Atem und erhebliche Investitionen. Die Organisationen der Kakaobranche arbeiten daran, ebenso einzelne Unternehmen in ihrer eigenen Lieferkette. Nestlé zum Beispiel hat die Risiken für die eigene Rohstoffversorgung erkannt und 2009 den ‚Nestlé Cocoa Plan‘ aufgelegt, mit einem Investitionsvolumen von über 100 Mio CHF über einen Zeitraum von 10 Jahren. Ziel ist es, die Versorgung mit hochwertigem Kakao zu sichern und gleichzeitig die Lebenssituation der Bauern nachhaltig zu verbessern“, so Drewes in seinem Beitrag.

Wer sich gestern zu später Stunde den Beitrag „Schmutzige Schokolade“ ansah, bleibt mit manchen Fragen zurück: Warum engagieren sich Regierungsstellen der Elfenbeinküste nicht selbst wirkungsvoller gegen Kinderhandel und Kinderarbeit, die auch nach nationalen Gesetzen verboten sind? Welche gesellschaftlichen Ursachen bewirken dieses Problem und erhalten es aufrecht? Und warum gelingt es selbst großen Unternehmen nicht, ihre Zulieferketten in den Griff zu bekommen? Ursachen und Zusammenhänge sind jedenfalls breiter, als es in dem Beitrag zu erkennen ist. Unternehmensvertreter leugnen das Problem nicht, sie könnten jedoch transparenter zu den Herausforderungen in ihrer Supply Chain informieren – und zu dem, was sie dagegen setzen. Letztlich braucht ein solches internationales Problem eine Allianz von Akteuren aus Gesellschaft, Politik und Unternehmen, die gemeinsam einen Beitrag dazu leisten, dass Kinder nicht auf hunderte von Kilometern von ihrer Heimat entfernten Plantagen arbeiten müssen.

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