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Haniel: Unternehmen im Wandel trifft Stadtteil im Wandel

Duisburg > Das Programm RUHR.2010 zeigt das Ruhrgebiet als Europas Kulturhauptstadt in einem neuen Licht und in seinem ganzen Facettenreichtum. Das geschieht etwa über die „Local Heroes“ – Städte, die wöchentlich wechselnd als „lokale Helden“ vorgestellt werden. Eine der Ruhrgebietsstädte wurde in diesem Sommer zu einem „traurigen Helden“: Duisburg. Von der Katastrophe bei der Loveparade betroffen war eine Stadt, die in den letzten 30 Jahren einen tiefgreifenden Strukturwandel durchlebte und damit noch nicht am Ziel angekommen ist. Wohl kaum ein Unternehmen ist so mit der Region und der Stadt Duisburg verbunden wie die Unternehmensgruppe Haniel. Dem Unternehmen gelang der Umbau schneller als seiner Heimatregion; es blieb durchgehend auf Wachstumskurs. Haniel ist als Hauptsponsor an der RUHR.2010 beteiligt und auch sonst vielseitig in der Region engagiert. Dieser Einsatz hat eine Geschichte. Und diese Geschichte beschreibt anschaulich die wechselnden Herausforderungen an ein Unternehmen, das sich verantwortlich für seine Region engagiert.

Ruhrort. In dem Namen dieses Stadtteils schwingt eine wechselhafte Industriegeschichte mit. Rhein und Ruhr fließen an dieser Stelle zusammen. Bereits 1665 entstand hier eine Schiffergilde, deren Mitglieder ihr Geld als Kohlehändler in den rheinaufwärts gelegenen Städten verdienten. Im Jahr 1716 wurde der erste größere Hafen in Betrieb genommen, der etwa 50 Jahre später durch die preußische Regierung ausgebaut wurde. Seit dem Jahr 1905 gehören Hafen und Stadtteil zu Duisburg. Unter der Marke „duisport“ steht der Hafen vor derselben Herausforderung wie die Region: Den Strukturwandel zu schaffen.

In Ruhrort erbaut Franz Haniels Großvater Jan Willem Noot 1756 das „Packhaus“ und betreibt dort ein Lagerhaltungsgeschäft für Kolonialwaren. 1802 wird Franz Haniel Teilhaber dieses Unternehmens. Daneben baut er eine Kohlehandlung und eine Reederei auf. 1821 errichtet Franz Haniel einen ersten mit Koks befeuerten Hochofen. Und 1828 eröffnet er in Ruhrort eine Dampfschiffwerft. Die Geschichte des Unternehmens Franz Haniel verbindet sich von da an mit der Geschichte von Ruhrort und dem Ruhrgebiet. Die Förderung von Kohle und die Stahlproduktion bescherten dem Hafen einen regen Ausbau. 1829 verlässt das erste Dampfschiff auf dem Rhein die Hanielwerft. 1833 steigt Haniel als Pionier in den Bergbau ein, 1847 gründet er die heute weltbekannte Zeche Zollverein. Dort gelang ihm als erster, die mächtige Mergelgesteinsschicht zu durchbrechen und so die tiefliegende Hochofenkohle zu fördern. Als nach dem Tod Haniels im Jahr 1868 dessen Sohn Hugo die Geschäftsleitung übernimmt, hat allein der zu einem großen Teil der Familie Haniel gehörende Bergbau- und Hüttenbetrieb Gutehoffnungshütte 18.000 Mitarbeiter. Als 1905 Ruhrort nach Duisburg eingemeindet wird, ist Haniel bereits in der Welt aktiv. So baut im selben Jahr die Gutehoffnungshütte das Schwimmdock Tsingtau in China. Anfang des 20. Jahrhunderts steigt die Familie Haniel in die stahlverarbeitende Industrie, den Maschinenbau und in das Ölgeschäft ein.

In den 1960er Jahren und damit rechtzeitig beginnt das Unternehmen einen substantiellen Umbau: Zechen, das Tankstellennetz und schrittweise auch die Anteile an der Gutehoffnungshütte werden verkauft. Dafür steigt Haniel in den Pharmahandel, in Transport und Lagerung von Industrieabfällen und bei der Groß- und Einzelhandelskette Metro ein. Im Jahr 2000 verkauft das Unternehmen mit der Schifffahrt schließlich den letzten Traditionsbereich aus seinem Portfolio.

Heute gehören fünf Geschäftsbereiche zur Haniel-Gruppe: als 100%-Töchter die ELG mit Recycling und Rohstoffhandel und der Berufskleidungsspezialist CWS-boco International, als Mehrheitsbeteiligungen der Pharmahändler Celesio sowie der B2B-Versandhandel Takkt und als Minderheitsbeteiligung mit gut 34% die Metro Group. Von den weltweit (ohne Metro) weit über 50.000 Beschäftigten sind in der in Ruhrort beheimateten Holding nur noch rund 160 Mitarbeiter sowie weitere 140 in der Verwaltungsgesellschaft beschäftigt.

In den 1980er Jahren gerät die Eisen- und Stahlindustrie in die Krise. Sterbende Stahlwerke, Leerstände und verfallende Viertel prägen Duisburgs Bild in der Öffentlichkeit. Tausende von Arbeitsplätzen gehen verloren – und Aufträge für die Schiffer in Duisburgs Häfen. Duisburg und sein Stadtteil Ruhrort arbeiten am Strukturwandel. Ruhrort wird besonders hart getroffen: Der Stadtteil lebt von den Schiffern, bietet ihnen Übernachtungsstätten, Einkaufsmöglichkeiten, Dienstleistungen oder Kneipen. Dann bleiben viele Schiffer aus.

Heute werden in Duisburgs Häfen mehr Stückgüter verschifft als die Massegüter Kohle und Stahl. In der Hafenregion gibt es moderne Industrieanlagen, Wohnungen und Restaurants. Der Strukturwandel greift, ist aber keineswegs abgeschlossen. So hat Haniel gemeinsam mit dem Duisburger Stadtentwicklungsdezernat den „Masterplan Ruhrort“ in Auftrag gegeben. Es geht um attraktive Wohn-, Freizeit- und Kulturangebote, um Verkehrsführung und Infrastruktur, um die Nutzung von brachliegenden Gebäuden oder Flächen wie der Mercatorinsel, die als attraktive Open-Air-Arena umgestaltet werden soll. Zudem investiert das Unternehmen selbst rund 30 Millionen Euro in den Ausbau des Stadtteils. Damit wurden u.a. das historische 1000-Fenster-Haus renoviert, ein Business- und ein Medical-Center sowie ein öffentliches Parkhaus errichtet und der Horstmann-Stift – ein Seniorenheim mit integrativem Kindergarten – geschaffen.

Ein Unternehmen, das den Strukturwandel gemeistert hat, bleibt seiner Region treu und unterstützt mit seiner Erfahrung den Strukturwandel dort. Ein Blick in die Geschichte zeigt die tiefen Wurzeln des Engagements von Haniel für seine Heimatregion. Und es zeigt, wie sich die Bedeutung eines Unternehmens für die Gesellschaft mit den Jahren wandelt. Franz Haniel und seine Nachkommen zählen im 19. Jahrhundert zu den typischen Vertretern des Rheinischen Kapitalismus, der eine Vielzahl sozialstaatlicher Einrichtungen hervorbringt. Beispiele dazu finden sich in der Haniel-Geschichte reichlich:

In Hungersnöten der Jahre 1845 und 1846 errichtet Haniel mit Geschäftspartnern in Oberhausen eine „Speiseanstalt“ und erteilt Brot, Mehl und Früchte zu ermäßigten Preisen.

Die später in dem „Unterstützungsverein der Aufseher, Meister und Arbeiter“ zusammen gefassten Unterstützungskassen entstehen in der Zeit zwischen 1837 und 1848 in den zu Haniel gehörenden Unternehmen. Sie bieten – nach Zugehörigkeit und Rang gestaffelt – kostenlose ärztliche Behandlung, Medikamente, ein Krankengeld, ein Witwengeld, Schuldgeld für Waisen und Kinder gering verdienender Arbeiter sowie ein Pensions- und Invalidengeld. Im Revolutionsjahr 1948 beschießen Schiffszieher die Seitenradschleppdampfer von Haniel. Sie haben Schiffe bis dahin mit ihren Pferden gezogen und wurden durch die Dampfer arbeitslos. Der Unterstützungsverein existiert bis zum Jahr 1883, als die gesetzliche Krankenversicherung eingeführt wird. 1884 folgt die gesetzliche Unfallversicherung und 1889 die gesetzliche Rentenversicherung und lösen die unternehmerische Eigeninitiative ab

Damit 1857 in Ruhrort eine „Höhere Bürgerschule“ errichtet werden konnte, stiftet Franz Haniel 5.000 Taler für deren Bau. Ein „Haniel’scher Stipendienfonds“ ermöglicht später jährlich zehn Kindern den Besuch dieser Schule. Im Jahr 1878 übernimmt die Gutehoffnungshütte von der Stadt Oberhausen eine „Kinderbewahranstalt“, die sich allerdings kaum mit dem 1840 durch Fröbel im thüringischen Blankenburg gestifteten ersten deutschen Kindergarten vergleichen lässt: In Oberhausen ist eine pensionierte Volksschullehrerin für 60 bis 90 Kinder verantwortlich.

1862 wird in Ruhrort das Hanielstift eröffnet. Das Unternehmerehepaar Franz und Friederike Haniel stiften dieses einzige Krankenhaus am Ort anlässlich ihrer goldenen Hochzeit 1856. Im Hanielstift sind Diakonissen tätig. Sie pflegen mittellose Kranke, Pflegebedürftige und Alte, später – offensichtlich wegen ihrer guten Erfolge – auch wohlhabende Bürger.

Aktiv werden die Unternehmen der Familie Haniel auch im Bau von Arbeiterwohnungen. So ergab 1909 eine Zählung aller Wohnungen im Besitz der Haniel-Zeche Rheinpreussen insgesamt 3.768 Wohneinheiten.

Im 19. Jahrhundert richtet sich gesellschaftliches Unternehmensengagement auf die soziale Absicherung der Menschen im Unternehmen und in seinem Umfeld. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird diese Aufgabe zunehmend vom Staat übernommen. Zwei Jahrhunderte später ist es der Strukturwandel, in den sich ein Unternehmen mit seinen Erfahrungen, seinem Management-Know-How und seinem Kapital einbringt. Daneben sind es innovative Ansätze in den Bereichen Bildung, Jugend und Familie, für die das Unternehmen steht: Die mit 45 Millionen Euro ausgestattete Haniel Stiftung führt mehrere eigene Stipendienprogramme durch. Das Aletta Haniel-Programm fördert leistungsschwache Schüler in den Klassen 8 und 9. Und in der Initiative FaiR – Familie in Ruhrort – bringt Haniel die unterschiedlichen Gruppen und Einrichtungen des Stadtteils zusammen, um so gemeinsam Familien zu entlasten und junge Menschen aus schwierigem Umfeld in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stärken.

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Foto: Das historische Packhaus

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