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Die Vollbeschäftigung wird kommen – die Frage ist nur wann

Von Ralf Isermann

München > Vielleicht war Frank-Jürgen Weise sauer, weil ihm die Bundesregierung mit ihrer vorzeitigen Verkündung der Arbeitslosenzahl von unter drei Millionen in die Parade gefahren ist. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA) wies jedenfalls mit einer spitzen Bemerkung Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) zurecht, der Deutschland auf einer „Schnellstraße“ zur Vollbeschäftigung sieht. „Wenn der Herr Brüderle sich auf einer Schnellstraße befindet, sage ich nur: Vorsichtig fahren!“, sagt Weise. Dass es in Deutschland nach Jahrzehnten wieder Vollbeschäftigung geben dürfte, glaubt aber auch der zurückhaltende BA-Chef: 2020 könnte es soweit sein.

Mit einer Arbeitslosenquote von im Jahresschnitt 3,3 Prozent gab es 1980 in der damaligen Bundesrepublik zuletzt Vollbeschäftigung. Vollbeschäftigung heißt nicht, dass alle Jobsuchenden Arbeit haben. Denn Arbeitslose gibt es immer, weil es ständig Bewegung am Arbeitsmarkt gibt, etwa durch Jobwechsel. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) spricht daher von Vollbeschäftigung bei einer Arbeitslosenquote von drei bis vier Prozent.

Erste Regionen waren im Oktober aber schon im Vollbeschäftigungsbereich: So meldete Bayern eine Quote von 3,8 Prozent und kam damit als erstes Bundesland seit Ende der Wirtschaftskrise auf unter vier Prozent Arbeitslose. Doch bei genauerem Hinsehen dürfte es mit der Vollbeschäftigung noch dauern.

Deutschlandweit liegt die Arbeitslosenquote immer noch bei sieben Prozent. Und BA-Chef Weise musste einräumen, dass tatsächlich noch etwa eine Million Menschen jenseits der Arbeitsmarktstatistik im Prinzip für den Arbeitsmarkt geeignet wären – die so genannte „stille Reserve“. Dazu können Hausfrauen zählen, die arbeiten wollen, aber nicht offiziell als Jobsuchende gemeldet sind. Aber auch Hartz-IV-Empfänger in Trainingsmaßnahmen gehören dazu.

Werde die stille Reserve hinzugerechnet und auch andere Tätigkeiten, die nahe an der Arbeitslosigkeit seien wie etwa Ein-Euro-Jobs, müsse die Arbeitslosenzahl aktuell mit gut vier Millionen beziffert werden, sagt Johann Fuchs vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Dies ist zwar deutlich mehr als die nun veröffentlichten Zahlen – allerdings noch deutlich weniger als im Jahr 2005, als sich die offiziell registrierten Jobsuchenden und die stille Reserve zeitweise auf über sieben Millionen addierten.

Doch nun schwindet laut Fuchs auch die stille Reserve. Im vergangenen Jahr habe sie bei etwas über einer Million Menschen gelegen, aktuell im Bereich zwischen 900.000 und 940.000, sagt Fuchs. Auch das ist ein weiterer Schritt zur Vollbeschäftigung. Weil daneben wegen der geburtenschwachen Jahrgänge immer weniger junge Menschen auf den Arbeitsmarkt kommen, streiten die Experten inzwischen auch nicht mehr über das Ob einer Rückkehr zur Vollbeschäftigung – sondern nur noch über das Wann.

Hilmar Schneider, Arbeitsmarktdirektor des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), glaubt, dass Arbeitslosenzahl schon in zwei Jahren unter zwei Millionen fallen könnte. Die BA vollzieht angesichts der auch bei ihr wachsenden Zuversicht derzeit einen Wandel in ihrer Philosophie.

Steckte sie bis weit in die 90er Jahre viel Energie und Geld in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und zuletzt in der Krise in die Kurzarbeit, will sie sich nun stärker auf die Härtefälle am Arbeitsmarkt konzentrieren. Vor allem will sie aber auch schon in der Schulausbildung mithelfen, dass Kinder später weniger gefährdet sind, arbeitslos zu werden. „Das ist unser Meilenstein zur Vollbeschäftigung“, sagt Weise.