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Gewissen ist eine bagatellisierende Kategorie: Kirche diskutiert Markt und Moral

Remscheid > „Der Markt hat so viel Moral wie ein Rennfahrer beim Überholen in der Linkskurve: Er muss da durch und kann nicht nach links und nicht nach rechts sehen“, sagte der Vorstand der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, Dr. Uwe Becker, am 29. Oktober in Remscheid. Becker nahm an einer Podiumsdiskussion beim Jahresempfang des evangelischen Kirchenkreises Lennep zum Thema „Markt ohne Moral – Braucht die Wirtschaft neue Werte?“ teil. Moral sei eine individualethische Kategorie; Wirtschaft aber funktioniere anders, was schon eine kriegsähnliche Sprache mit Begriffen wie „Übernahmeschlacht“ zeige. Becker wandte sich auch dagegen, Manager und Verantwortungsträger auf ihr Gewissen hin anzusprechen. Das Gewissen sein eine „bagatellisierende Kategorie“, theologisch gehe es um die Frage nach Schuld oder nach Recht und Unrecht. Becker forderte ein stärkeres staatliches Engagement zur Schaffung von mehr Verteilungsgerechtigkeit, damit die Gesellschaft nicht weiter auseinander drifte.

In Wirtschaft eingeschmuggelte Politik richtet Schaden an

Gegen ein stärkeres politisches Engagement in der Wirtschaft sprach sich der Unternehmer Dr. Manfred Diederichs von der Remscheider Dirostahl – Karl Diederichs KG aus. In den USA sei die „Politik, die sich in die Wirtschaft eingeschmuggelt habe“, Auslöser der Finanzkrise gewesen. „Jeder, der im eigenen Haus wohnt, ist ein ruhiger Bürger“, hätte die Devise gelautet. Die USA hätten versucht, eine mangelnde Sozialpolitik durch Wirtschaftspolitik zu ersetzen. In Bezug auf das Thema „Markt und Moral“ sagte Diederichs, viele moralische Handlungen eines Kaufmanns entsprächen dem gesunden Menschenverstand und dabei etwa der Absicht, Kundenvertrauen nicht zu zerstören.

Kunden gegen Sponsoring

Als dritter Diskussionsteilnehmer berichtete Jörg Koch to Krax von der Sparkasse Remscheid aus seinen Erfahrungen mit dem gesellschaftlichen Sponsoring, für das er verantwortlich zeichnet. Er werde von Kunden angesprochen und aufgefordert: Zahlt lieber höhere Zinsen oder gewährt günstigere Kredite, als das Geld in gesellschaftliche Projekte zu investieren.

Als Gastgeber bezog Superintendent Hartmut Demski die Kirche mit in die Diskussion über Markt und Moral ein. „Wir sind als Kirche auch Dienstleister in und an der Gesellschaft“, sagte Demski. Die Kirche schulde es aber ihrem Auftrag, gelegentlich „aus der Rolle zu fallen“ und die Überzeugungen zu diskutieren, die in der Gesellschaft gelten.

Foto: Podiumsdiskussion mit (von links nach rechts) Dr. Uwe Becker, Moderator Frank Wiebe (Handelsblatt), Jörg Koch to Krax und Dr. Manfred Diederichs