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Mikrofinanz ist mehr als Kreditvergabe – Yunus nach politischen Verwicklungen abgesetzt

Bonn > Der als ein Begründer der Mikrofinanzbewegung geltende Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus (Dhaka/Bangladesch) ist gestern als Generaldirektor der von ihm gegründeten Grameen Bank abgesetzt worden. Die Premierministerin von Bangladesch, Sheik Hasina, hatte Mikrofinanzinstitutionen zuvor als „Blutsauger der Armen“ bezeichnet, Yunus selbst wurde nach örtlichen Zeitungsberichten Vetternwirtschaft vorgeworfen. Yunus ist internationaler Schirmherr des Hilfswerks Opportunity International (Köln). Nach Einschätzung von dessen Vorstand Stefan Knüppel wurde Yunus Opfer politischer Verwicklungen in seinem Land. So lief im Zusammenhang mit seiner Kritik an der Geldgier der politischen Führung in Bangladesch ein Verleumdungsverfahren gegen ihn. Opportunity International hatte für den 2. März gemeinsam mit der ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit (Mainz) zu einem Fachgespräch nach Bonn eingeladen, das die wachsende internationale Kritik am Mikrofinanzsystem beleuchten sollte. Mikrofinanzinstitute wollen wirtschaftlich armen Menschen in Afrika, Asien und Osteuropa den Zugang zu einem eigenen Gewerbe und damit zu einem Einkommen ermöglichen, indem sie ihnen kleine Kredite mit kurzen Laufzeiten anbieten. Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, Zinswucher zu betreiben.

Mikrokredite boomen

„Mikrofinanz gibt es nicht erst seit dreißig Jahren und das System scheint Bestand zu haben“, sagte die Entwicklungshilfeexpertin Prof. Gertrud Buchenrieder von der Universität der Bundeswehr (München). Die Kapitalvergabe durch Mikrokreditinstitute weise sein 2004 eine jährliche Wachstumsrate von 30 Prozent aus. Dass durch Mikrokredite die Lebensbedingungen armer Menschen verbessert werden konnten, sei teilweise wissenschaftlich belegt. Das Konzept bediene außerdem sehr gut das „Mantra der Hilfe zur Selbsthilfe“. Buchenrieder: „Aus dem Hilfebedürftigen wird in diesem Konzept ein mündiger Kunde.“

Ursachen der Auswüchse

In der Konkurrenz verschiedener Mikrofinanzinstitute und einem dadurch ausgelösten Verdrängungswettbewerb, in Kreditvergaben ohne eine Prüfung von Sicherheiten und der parallelen Verschuldung von Kreditnehmern bei mehreren Instituten sieht Mathias Mogge (Bonn), Vorstand Programme und Projekte der Welthungerhilfe, Ursachen der aktuellen Probleme. Ein übertriebenes Wachstum der Mikrokreditinstitute habe zu Ungleichgewichten geführt; unter den in Afrika und Asien vorherrschenden Bedingungen hätte die Entwicklung der Führungsstrukturen mit der Entwicklung des Kreditvolumens nicht Schritt gehalten, ergänzte der Mikrofinanzexperte Oliver Schmidt von der Moon University (Fort Portal, Uganda). Auch der als „Gesicht“ der Mikrofinanzbewegung geltende Muhammad Yunus habe „der Selbstüberhöhung nicht deutlich widersprochen“. Yunus habe Arme zu Unternehmern machen und sie dadurch aus der Armut befreien wollen. Aber nicht jeder Mensch eigne sich zum Unternehmer, und zudem würden die Menschen erleben: „Das beste Haus im Dorf hat der Regierungsbeamte.“ Nach wie vor sei der Bedarf an Mikrofinanzdienstleistungen jedoch hoch.

Mikrofinanz ist mehr als Kreditvergabe

Mikrofinanzinstitute sollten nicht nur Kredite vergeben, sondern einer ganzheitlichen Betrachtung der Armutsprobleme wieder den Vorrang einräumen. Wie Opportunity International-Vorstand Stefan Knüppel weiter sagte, seien die Förderung von Vermarktungschancen und die Unterstützung beim Aufbau von Vermarktungsgenossenschaften wichtige Aufgaben. Auch das Mikrosparen und der Abschluss von Mikroversicherungen sollten ermöglicht werden. Zudem gebe es für den Mikrokreditbereich zu wenig staatliche Regulierungen und es fehle ein effektiver Verbraucherschutz. Nicht jeder Interessent dürfe einen Mikrokredit erhalten, die Kernfrage laute: „Wer kann mit einem Kredit etwas Gutes anfangen?“ Keinesfalls dürfe bei der Mikrokreditvergabe auf Schulungen und andere begleitende Maßnahmen verzichtet werden – auch wenn sie Geld kosteten.

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