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In die Verlängerung: Der deutsche Fußball sucht den nachhaltigen Erfolg

CSR ist „in“, Fußball ebenso. Gehört beides deshalb zusammen? Philanthropisches Engagement findet sich im Fußball häufig, echte Nachhaltigkeitskonzepte sucht man vergebens. Doch es gibt Ausnahmen. Wie steht es in einem der öffentlichkeitswirksamsten Wirtschaftszweige – dem deutschen Profifußball – um die Corporate Social Responsibility?

Von Thomas Feldhaus (CSR MAGAZIN)

Als im vergangenen Jahr die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent beendet war, zogen die Verantwortlichen ein positives Fazit. Für Joseph Blatter, Präsident des Weltfußballverbandes FIFA, war die WM in Südafrika „nachhaltige“ Chefsache. Vier Wochen Fußball sollten einen Schub für den ganzen Kontinent auslösen. Wie sieht die Bilanz aus, abseits sportlicher und wirtschaftlicher Erfolge?

Unzählige sozial motivierte Projekte wurden im Umfeld der WM durchgeführt. Beispielsweise „20 Zentren für 2010“, das im Rahmen der FIFA-Initiative „Football for hope“ Gesundheits-, Bildungs- und Fussballzentren in ganz Afrika eingerichtet hat. Sie werden lokal betrieben und sollen auf eigenen Füßen stehen. „In Afrika mit Afrika gewinnen“ war ein weiteres 50 Millionen Euro schweres Projekt der FIFA, das gleichzeitig mit der WM-Vergabe aus der Taufe gehoben wurde. Es sollten grüne Spiele sein, dafür wurden umfangreiche Maßnahmen für die Bereiche, Energie, Wasser und Abfall entwickelt.

WM in Südafrika mit Schattenseiten

Die andere Seite: Wer mit der FIFA ins Geschäft kommt, hat klare Regeln zu befolgen. So galt auch für Südafrika: WM-Zuschlag nur bei kompletter Steuerbefreiung. Die Ansprüche an Stadien, die Infrastruktur und die Sicherheit waren hoch. Bis zu 40 Milliarden Euro musste die Regierung in Kapstadt dafür aufbringen und gleichzeitig auf Steuereinnahmen in Millionenhöhe verzichten. Etwa fünf Milliarden Euro bleiben an den südafrikanischen Steuerzahlern hängen, zahlreiche Familien wurden zwangsumgesiedelt, die ärmere Bevölkerung profitierte nicht von der WM – weder wirtschaftlich noch als Zuschauer. Der verursachte CO2-Ausstoß war nach Angaben des südafrikanischen Umweltministeriums mit 2,75 Millionen Tonnen um das Sechsfache höher als bei der WM 2006 in Deutschland.

Milliardengeschäft Spielbetrieb

Corporate Social Responsibility (CSR) steht für verantwortliches Handeln im Kerngeschäft. Das ist im Fußball der Spielbetrieb. Diesem widmen sich die 6,75 Millionen Mitglieder im Deutschen Fußball-Bund (DFB). In den 36 Mannschaften der 1. und 2. Bundesliga kicken die Profis. Dazu kommen Millionen Fans in den Stadien und vor den TV-Geräten. Etwa fünf Milliarden Euro Wertschöpfung werden jährlich durch den deutschen Profifußball erzeugt, 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Staat profitiert mit rund 1,5 Milliarden Euro Einnahmen. Vier deutsche Klubs gehören zu den 20 reichsten in Europa. Primus Bayern München führt mit 323 Millionen Euro Jahresumsatz das deutsche Ranking an. Fußball ist ein Business auf dem Niveau mittelständischer Unternehmen.

DFB wird nachhaltiger

Nicht verwunderlich, dass CSR als Business Case zum Thema wird. „Es ist eine Frage der Vermittlung“, sagt Dr. Alexandra Hildebrandt, die als Nachhaltigkeits-Expertin dem neu geschaffenen DFB-Expertenrat angehört. „Der Begriff CSR wird nicht überall fruchten. Beim DFB wird deshalb auch durchgängig von Nachhaltigkeit gesprochen“, so Hildebrandt, “Je konkreter das Thema heruntergebrochen wird, desto leichter ist es zu verankern.“ In der Tat variiert die Definition von CSR stark. Häufig sind nur karitative Maßnahmen gemeint. Verantwortung in ihrem Umfeld nehmen zwar alle Vereine wahr, oft aber in einem philanthropischen Sinn. Die Klubs müssen einen Spagat zwischen Gemeinwohl und Gewinnorientierung vollbringen.
Die Beziehung zu den Fans steht an erster Stelle, gemeinsam mit der Nachwuchsförderung – und zwar nicht nur auf dem Fußballplatz. Um der Gewalt in den Stadien zu begegnen, setzen die Vereine auf Fanbeauftragte. Immer wieder werden sie aus der Politik aufgefordert, sich an den Kosten für Polizeieinsätze zu beteiligen. Quer durch die Liga wird diese Forderung zurückgewiesen.

„Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit“ heißt das Nachhaltigkeitsprogramm des DFB. Dafür hat er externe Spezialisten als Mitglieder einer gleichnamigen Kommission gewonnen. Die Themen reichen von Klimaschutz über Korruption, soziale Verantwortung bis hin zu Integration und Prävention. Ziel ist die Koordinierung der nachhaltigkeitsbezogenen Aktivitäten im Profi- und Amateur-Fußball. Über eine Arbeitsgruppe sind auch die Sponsoren eingebunden. Rainer Hink, zuständiger DFB-Direktor: „In Zusammenarbeit mit den zuständigen Abteilungen der Unternehmen findet ein regelmäßiger Austausch statt“. Die Ergebnisse erscheinen 2013 in einem Nachhaltigkeitsbericht.

Das Engagement der Clubs

Einen wichtigen Schritt auf diesem Weg ist der HSV bereits gegangen. Als erster Profiklub hat der Verein ein CSR-Konzept verabschiedet und einen Bericht dazu vorgelegt. Für Katja Kraus, Vorstandsmitglied des HSV, eine logische Konsequenz aus den täglichen Erfahrungen. Kraus, früher selbst aktive Spielerin: „In unserer täglichen Arbeit wird uns immer wieder bewusst, wie weitreichend der HSV in all seinen Facetten und auch durch das Handeln Einzelner wahrgenommen wird. Diese Verantwortung nehmen wir an.“ Das will auch der Nachbarverein FC St. Pauli. Im Rahmen eines Workshops mit Fans und Mitgliedern wurden Leitlinien erarbeitet, die Grundlage eines CSR-Konzepts werden können. „Wir haben das auf der Agenda“, so Sprecher Josip Grbavac, „aber nicht mit höchster Priorität“. Zusammen mit der Deutschen Sporthochschule in Köln erarbeitet Werder Bremen sein CSR-Programm. Jan Kremer, Mitarbeiter am Institut für Sportökonomie: „Grundlage für dieses Pilotprojekt war eine Studie in den fünf wichtigsten europäischen Profiligen“. Das vom Institut entwickelte Evaluationsmodell soll die CSR-Aktivitäten von Profiklubs mess- und steuerbar machen. Das Werder-Modell könnte Schule machen, andere Vereine zeigen Interesse. Gleichwohl steckt CSR im Fußball noch in den Kinderschuhen. „Es verbreitet sich nur sehr langsam“, so Kremer, „allerdings wird das Thema zunehmend von den Sponsoren getrieben“.

Klimaneutral in der Liga

Das zeigt sich am Beispiel FSV Mainz 05, dem ersten klimaneutralen Verein der Bundesliga. „Vermeiden, Vermindern, Kompensieren“, bringt Mainz05-Sprecher Tobias Sparwasser das Konzept auf einen Nenner. In Zusammenarbeit mit dem Sponsor ENTEGA und dem Ökoinstitut Darmstadt wurden alle klimarelevanten Bereiche analysiert. Wo keine CO2-Reduzierung möglich ist, wird in einem Aufforstungsprojekt kompensiert. „Ohne ENTEGA wären wir das Thema Klimaschutz anders angegangen“, gibt Sparwasser zu. Er sieht den Verein allerdings nicht als ökologischen Vorzeigebetrieb: „Wir bleiben ein Fußballverein, das ist unser Geschäft“. Eine im Profifußball weit verbreitete Antwort, die auf ein Missverständnis des CSR-Begriffs schließen lässt. Dennoch, die Sensibilisierung hat begonnen, Nachhaltigkeit wird den deutschen Fußball in Zukunft begleiten. Die Baustellen sind zahlreich: Fair gehandelte Sportartikel, verantwortungsvolle Rekrutierung junger Spieler aus Entwicklungsländern oder die Berücksichtigung von Umweltgesichtspunkten bei der Lizenzierung für die Profiliga spielen noch keine Rolle. Ein Ausblick: In diesem Jahr findet die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Deutschland statt. Sie soll grün werden.

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