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Von der Berichtspflicht bis zum CSR-Minister: Wie Europas Regierungen Unternehmensverantwortungen stärken

In den letzten zehn Jahren fand die Corporate Social Responsibility (CSR) europaweit viel Aufmerksamkeit. Neben Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft erkannte auch die Politik deren Potenzial für das Allgemeinwohl. Die Zahl der öffentlichen CSR-Initiativen nahm zu und mit ihr die Vielfalt an Wegen, CSR zu fördern und bisweilen zu fordern. Welche Ausprägungen nahm die CSR-Politik in den verschiedenen Ländern Europas an?

Von Thomas Hajduk und Jutta Knopf

Europäische CSR-Konzepte unterscheiden sich abhängig von den sozio-ökonomischen und kulturellen Voraussetzungen eines Landes. Zwar können sich alle europäischen Staaten auf die CSR-Definition der Europäischen Kommission berufen, wonach „Unternehmen auf freiwillige[r] Basis soziale und ökologische Belange in ihre Unternehmenstätigkeit und in ihre Beziehungen zu den Stakeholdern“ integrieren. Die Praxis der europäischen CSR-Politik kennt jedoch sehr unterschiedliche Wege, CSR zu fördern und zugleich an die spezifischen Interessen des Landes zu koppeln.

Die Vielfalt der CSR-Ansätze wird bei einem Blick auf Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Polen und Spanien deutlich. Die Traditionen, an die CSR in diesen Ländern anknüpft, unterscheiden sich stark – und mit ihnen die an Organisationen gestellten Anforderungen.

Beispielhafter Aktionsplan

Dänemark gehört zur Gruppe erfolgreicher skandinavischer Exportländer. 2008 veröffentlichte es einen CSR-Aktionsplan, der in seiner Mischung aus verschiedenen Instrumenten, einem „smart mix“, als beispielhaft gilt. Dabei setzt Dänemark auf ein CSR-Konzept, das primär von den Unternehmen selbst vorangetrieben wird und ihnen Wettbewerbsvorteile auf dem Weltmarkt verschaffen soll. Inhaltlich orientiert sich dieses Konzept an international anerkannten Standards wie den OECD Leitsätzen und den Prinzipien des UN Global Compact. Trotz seiner unternehmensfreundlichen Ausrichtung ist Dänemarks CSR-Politik keinesfalls beliebig: Neben dem Angebot an Informationen und praktischen Werkzeugen für die Einführung von CSR-Standards besteht seit 2009 eine Berichtspflicht für die 1.100 größten und für alle staatlichen Unternehmen.

Verpflichtende Lösungen

Frankreich zeichnet sich durch eine staatszentrierte Tradition aus – auch was dessen Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen betrifft. Charakteristisch für die französische CSR-Politik sind die führende Rolle des Staates, verpflichtende Lösungen und die Einbeziehung von Stakeholdern. Deutlich wird das etwa an dem Umweltgipfel Grenelle („Grenelle de l’environnement“), der 2007 vom Premierminister einberufen wurde und die Basis für die französische CSR-Politik legte. Über 40 Vertreter aller gesellschaftlichen Gruppen diskutierten dort in sechs thematischen Gruppen Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung. Dieser und weiteren Konsultationen folgten Nachhaltigkeitsstrategien und sogenannte „Grenelle Gesetze“, die Berichtspflichten erweiterten oder die nachhaltige öffentliche Beschaffung stärkten.

Ambitionierter Climate Change Act

Großbritannien dagegen setzt traditionell auf unternehmerisches und zivilgesellschaftliches Engagement für das öffentliche Wohl. In den frühen 2000er Jahren erregte das Land mit seiner offensiven CSR-Politik Aufsehen, etwa mit dem berühmten „CSR-Minister“. In den letzten Jahren ist es stiller um die CSR-Politik geworden, die gegenwärtig von der neuen britischen Regierung geprüft wird. Seit 2008 steht der Kampf gegen den Klimawandel und das systemische Leitbild der „low carbon economy“ auf der Prioritätenliste der Regierung ganz oben. Denn der im selben Jahr erlassene „Climate Change Act“ gibt ambitionierte CO2-Einsparziele vor – bis 2050 soll 80 Prozent weniger CO2 gegenüber 1990 emittiert werden. Das lässt sich nur mit aktiver Beteiligung der Wirtschaft erreichen. Deshalb fördert die britische Regierung einerseits Ökoeffizienz und nachhaltige Innovation von Unternehmen, fordert andererseits aber Emissionsberichte und den Kauf von Emissionszertifikaten.

CSR-Profil in Arbeit

Polen ist der größte Mitgliedsstaat im Osten Europas. Seit seiner Aufnahme in die EU und insbesondere in den letzten Jahren hat es eine beachtliche ökonomische Entwicklung erfahren. Hatte CSR in Polen wie in anderen osteuropäischen Ländern lange Zeit eine eher geringe Rolle gespielt, so wurde das Thema infolge zunehmender ausländischer Direktinvestitionen immer wichtiger. Als Reaktion auf die steigende Bedeutung von CSR wurde 2009 ein CSR-Beratungsgremium des Premierministers geschaffen. Es soll ein polnisches CSR-Profil herausarbeiten und Initiativen koordinieren und so CSR auf nationaler Ebene fördern. Schwerpunkte sind dabei Socially Responsible Investment, CSR und Bildung sowie nachhaltiger Konsum.

Gesetzliche Pflicht zur Verbreitung von CSR

Auch Spanien ist seit seinem EU-Beitritt 1986 wirtschaftlich stark gewachsen. Heute betreibt es eine aktive CSR-Politik, die kürzlich in das „Gesetz für eine nachhaltige Wirtschaft“ mündete. Das im Februar vom Parlament gebilligte Gesetz verpflichtet die Regierung, insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen Anreize zur Einführung von CSR anzubieten. Zusätzlich soll die Regierung weitreichende Kennzahlen für die Selbsteinschätzung der Unternehmen definieren (etwa zu Corporate Governance, kommunalem Engagement, Menschenrechten sowie der Gleichberechtigung von Mann und Frau) und international akzeptierte Berichtsformate vorgeben. Damit ist Spanien das weltweit erste Land, das sich gesetzlich dazu verpflichtet, die Verbreitung von CSR zu fördern.

Diese Beispiele sind Momentaufnahmen eines dynamischen Politikfelds. Die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise und Entwicklungen auf internationaler Ebene wie etwa die Verabschiedung der „CSR-Norm“ ISO 26000 oder des UN Human Rights Framework bestimmen die CSR-Agenda vieler EU-Staaten. So ist mit weiteren Initiativen zu rechnen – bei den Themen Lieferkettenmanagement und Menschenrechte, bei der CSR-Berichterstattung und in Bezug auf branchenspezifische CSR-Ansätze.

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