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Zukunft verantworten

Unternehmen sollten über Visionen für unsere Gesellschaft nachdenken und reden. Der Blick auf die Schadensvermeidung ist zu wenig.

Von Achim Halfmann (CSR MAGAZIN)

Selten haben sich die Welt und die Wahrnehmung von Chancen und Risiken so schnell verändert wie in diesen Tagen. Die politischen Umbrüche in Nordafrika und die Katastrophe in Japan verdeutlichen: Wir alle wissen nicht, wie unsere Welt morgen aussehen wird. Aber wir wissen: Unternehmen tragen für die Gestaltung der Zukunft eine große Mit-Verantwortung. Sind sie dafür gerüstet?

Viele Unternehmen sind es nicht! Denn sie besitzen wohl Vermeidungsstrategien – wollen etwa nicht als „Umweltsünder“ auffallen -, aber keine positiven Zukunftsvisionen. Oder es sind solche Visionen, die sich deutlich nur auf die Ausweitung des eigenen Geschäftsfelds beziehen. Welche Auswirkungen unternehmerische Entscheidungen auf die Umwelt haben können, führte im vergangenen Jahr BP beim Untergang der Ölplattform „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko vor. Und nun die viel größere Katastrophe beim japanischen Energieerzeuger Tepco: Die Tokyo Electric Power Company stand über Jahre hinweg wegen einer intransparenten Informationspolitik und der Vernachlässigung der Sicherheit in der Kritik. Dass Unternehmen außer der Umwelt auch für die Gestaltung gesellschaftlicher Systeme eine Verantwortung tragen, zeigt die Situation in Nordafrika. Ohne lukrative Geschäfte mit dem Westen wären manche arabischen Herrscherdynastien wohl bereits vor Jahren am Ende gewesen. Andererseits haben die durch Unternehmen gestalteten modernen Kommunikationsformen die Organisation der Oppositionsproteste ermöglicht und zur Ablösung von Regimen beigetragen.

Unternehmen können einen Beitrag zur Stabilisierung oder Destabilisierung von Gewaltherrschern oder Demokratien leisten, sie können die Umwelt schonen oder zerstören. Sie handeln dabei nie alleine, sondern immer in Abhängigkeit von Politik und Zivilgesellschaft: Dort werden Themen gepuscht oder vernachlässigt und Gesetze und Kontrollinstanzen geschaffen oder nicht. Aber: Unternehmen sind nicht nur fremdgesteuert, sondern selbst verantwortlich für ihren Beitrag zu Zukunft der Gesellschaft.

Unternehmen gestalten Zukunft

Deshalb brauchen Unternehmen eine Vision, und zwar nicht nur in Bezug auf ihren betriebswirtschaftlichen Erfolg. Unternehmen brauchen eine Vorstellung davon, wie sie sich die Zukunft unserer Gesellschaft vorstellen. Denn kleine, mittlere und große Unternehmen gestalten diese Zukunft mit. Für große Entscheidungen über Produktionsstandorten gilt ebenso wie für kleine Entscheidungen, etwa die Wahl eines Stromanbieters: Die Orientierung an der Kosten-Nutzen-Maximierung reicht nicht. Der kritische Blick der Öffentlichkeit gilt nicht nur dem, was Unternehmen erwirtschaften. Immer stärker rückt die Frage in den Mittelpunkt, was Unternehmen bewirken.

Wer in geschäftlichen Beziehungen zu Tunesien oder Ägypten steht, der muss sich fragen lassen, ob er die zuvor herrschenden Clans bereicherte. Wie gehen saubere Geschäfte mit autoritären Staaten? Eine wirtschaftliche Isolation würde vor allem die Bevölkerung treffen, weniger die Machthaber. Das Beispiel zeigt: Eine einfache Lösung gibt es nicht, vielleicht nicht einmal eine nur saubere. Das gilt auch für Umweltthemen: Der Ausstieg aus der Atomenergie bindet kurz- und mittelfristig stärker an den Kohlestrom. Was zählt sind langfristige Strategien. Zukunft lässt sich nicht an einem Tag gestalten, aber langfristiges Engagement bieten Chancen.

Zukunftsbekenntnisse gefragt

Dass Unternehmen Zukunft gestalten, wird durchaus kritisch diskutiert. Schließlich sind sie mächtige, aber demokratisch nicht legitimierte Akteure. Ein Grund dafür, warum Transparenz und Dialog für Unternehmen besonders wichtig sind: Sie verschaffen ihnen Akzeptanz und bewahren sie davor, in ihren Möglichkeiten überschätzt zu werden. Wer Dialog anbietet, braucht einen eigenen Standpunkt, der Dialog über die Zukunft setzt eine eigene Zukunftsvorstellung voraus. Unternehmen brauchen also Visionen – und dann Antworten auf ganz konkrete Fragen: Welchen Beitrag will unser Unternehmen mit seinen Produkten und Dienstleistungen, seinen Handelsbeziehungen und Produktionsstandorten, seinem Mitarbeiterstab und seiner Unternehmenskultur für die Zukunft der Gesellschaft leisten? Zukunftsvisionen könnten beispielsweise lauten:

    • Wir stehen für eine offene und demokratische Gesellschaft, die jedem Menschen Beteiligungschancen eröffnet.
    • Wir stehen für eine Energieversorgung, die sicher ist und nicht zulasten zukünftiger Generationen geschieht.

An solchen Zielvorstellungen lassen sich unternehmerische Entscheidungen messen. Denn durch seine Beschäftigungs- und Ausbildungspolitik trägt ein Unternehmen zu gesellschaftlichen Beteiligungschancen bei – und durch die Wahl des Stromanbieters zur Zukunft der Energieversorgung. Weil Unternehmen Zukunft gestalten, sollten sie auch Zukunft denken und darüber reden.

Einen Einstieg in das Thema „unternehmerische Zukunftsvisionen“ gibt die folgende Checkliste:

Checkliste „Unternehmen – Gesellschaft – Zukunft“

Diese Übersicht bietet eine Orientierung zu unternehmensrelevanten Verantwortungsthemen mit Zukunftsbezug. Alle angesprochenen Bereiche sind im Zusammenhang mit der Corporate Social Responsibility (CSR) eines Unternehmens zu beachten. Mit dieser ersten Ausgabe des CSR MAGAZIN stellen wir damit zugleich Themenbereiche vor, die uns in der Zukunft beschäftigen werden.

Beschäftigung

    • Welchen Menschen ermöglicht unser Unternehmen Zugang zum Arbeitsleben? Welche schließen wir aus?
    • Welchen Einfluss haben Arbeitsplatz- und Arbeitszeitgestaltung auf das Leben der Mitarbeiter in Familie und Gesellschaft?
    • Wie verändert die Mitarbeit in unserem Unternehmen Menschen?

Produkte und Dienstleistungen

    • Wie verändert der Nutzen unserer Produkte und Dienstleistungen unsere Kunden und die Gesellschaft?
    • Welche unerwünschten Nebenwirkungen rufen sie hervor?
    • Welche (knappen) Ressourcen werden für ihre Herstellung verbraucht?

Marketing

    • Welche Bedürfnisse adressiert oder weckt unser Marketing?
    • Welche Ideale werden transportiert?
    • Wie sähe ein verantwortungsvoller Konsum unserer Produkte und Dienstleistungen aus und wie fördert oder behindert diesen das Marketing?

Unternehmensstandort

    • Wie profitieren die Menschen am Unternehmensstandort vom Unternehmen? Womit belastet sie unser Unternehmen?
    • Wie stark bindet sich unser Unternehmen an seinen Standort bzw. seine Standorte?
    • Welche Standortfaktoren sind für unser Unternehmen wichtig und wie fördert es diese?

Zulieferkette

    • Aus welchen Ländern stammen unsere Zulieferteile?
    • Mit welchen Auswirkungen auf Arbeitnehmer und Umwelt werden sie hergestellt?
    • Welchen Einfluss über unsere Zulieferer auf ihr Umfeld aus?
    • Welchen Einfluss übt unser Unternehmen auf die Zulieferer aus?

Dialog

    • Wer ist von den Aktivitäten unseres Unternehmens betroffen?
    • Wer fragt danach, was wir tun?
    • Welche Nichtregierungsorganisationen beschäftigen sich mit Themen, die mit unserem Unternehmen verbunden werden?
    • Welche für unser Unternehmen wichtigen Themen werden derzeit öffentlich diskutiert?
    • Mit welchem Selbstbild tritt unser Unternehmen an die Öffentlichkeit? Für welche Werte steht es?

Verankerung der Verantwortungsdiskussion im Unternehmen
Wer diskutiert in unserem Unternehmen Verantwortungsfragen:

    • die Eigentümer?
    • die Leitungsebene?
    • die Mitarbeiterschaft?
    • Welchen Input braucht unser Unternehmen:
    • zu den für uns wichtigen Themen?
    • zum Prozess der Verantwortungsdiskussion?
    • Wo, wie und an wen kommunizieren wir unser Bekenntnis zu einer verantwortungsvollen Unternehmensführung?

Zukunft
Welche (großen) gesellschaftlichen Zukunftsthemen besitzen einen Bezug zu unserem Unternehmen? Einige Beispiele:

    • Bildung
    • Demografieentwicklung
    • Einwanderung
    • Energiesicherheit
    • Forschung
    • Gerechte Ressourcenverteilung
    • Gesundheit
    • Globalisierung und ihre Folgen
    • Klima und Klimawandel
    • Kommunikation und Information
    • Lebensmittelversorgung
    • Mobilität
    • Ressourcenknappheit
    • Sicherheit
    • Umweltverschmutzung
    • Verstädterung
    • Wasserversorgung
    • Mit welchen externen Betroffenen / Experten kann unser Unternehmen seine Verantwortung zu relevanten Themenfeldern diskutieren?
    • Welche Zukunftserwartungen hat unser Unternehmen in ausgewählten Themenfeldern und welchen Beitrag kann es selbst dazu leisten?