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Stromautobahnen für den Abschied von der Atomkraft

Von Sebastian Bronst

Hamburg > Die befürchtete Reaktorkatastrophe von Fukushima hat die deutsche Diskussion um einen Ausstieg aus der Atomkraft und den möglichst schnellen Übergang zum Zeitalter der erneuerbaren Energieträger neu entfacht. Nach dem Energiekonzept der Bundesregierung sollen bis 2050 ohnehin 80 Prozent der Stromerzeugung aus alternativen Quellen gedeckt werden. Damit dies gelingen kann, müssen aber noch eine Reihe drängender Probleme gelöst werden:

Aufbau sogenannter Stromautobahnen

Der Anteil von Strom aus alternativen Quellen lässt sich nur steigern, wenn das Stromnetz darauf zugeschnitten ist. Bisher lagen Kraftwerke meist dicht bei den Verbrauchern in Ballungs- und Industriezentren, die sich vor allem im Süden und Westen des Landes befinden. Windparks liegen weit davon entfernt, etwa an Küsten. Ein wichtiger Punkt ist daher der Bau von Nord-Süd-Trassen. Erst diese „Stromautobahnen“ können Windstrom, dem in Deutschland die Schlüsselstellung unter den regenerativer Energien zukommt, ins Landesinnere transportieren.

Die Bundesregierung hat in ihrem Energiekonzept deshalb für 2011 ein Konzept „Zielnetz 2050“ angekündigt, das neue milliardenschwere Infrastrukturprojekte für den Netzumbau enthalten soll. Experten mahnten allerdings, der Bau neuer Hochspannungsleitungen könne auf Widerstand in der Bevölkerung stoßen. Hinzu kommt, dass der Ausbau eines funktionierenden Netzes für Ökostrom nicht an Ländergrenzen haltmacht. Für eine zukunftsträchtige Versorgung wäre ein europaweites Verbundsystem hilfreich, in dem Solarstrom aus dem Süden mit solchem aus skandinavischen Wasserkraftwerken oder deutschen Windanlagen zirkuliert.

Schaffung intelligenter Netze und Strommärkte

Die Stromnetze müssen nicht nur ausgebaut, sondern technisch auch besser auf die Einspeisung dezentraler, alternativer Stromquellen vorbereitet werden. Ein Problem: Stromversorger sichern sich auf dem sogenannten Regelstrommarkt ihren Grundbedarf vertraglich gern im Voraus, was Strom etwa aus Atomkraftwerken mit gut berechenbarer konstanter Leistung begünstigt. Die Stromerzeugung aus Wind- oder Sonnenenergie schwankt jedoch kurzfristig, was das vorherige Festlegen auf in bestimmten Zeitabschnitten zu liefernde Strommengen bislang schwierig macht.

Nach dem Willen der Bundesregierung sollen daher neue finanzielle Anreize geschaffen werden, um die Ökostrom-Produzenten zu technischen Innovationen zu motivieren. Neben der festen Vergütung nach dem Energieeinspeisegesetz könnten diese eine „Marktprämie“ erhalten, wenn sie ihren Strom je nach Nachfragelage kurzfristig anbieten können. Das zusätzliche Geld könnte sie dazu verleiten, mit den Netzbetreibern Ideen für die Energie-Zwischenspeicherung zu entwickeln und das Einspeisen der erneuerbaren Energien künftig berechenbarer zu machen.

Das zielt auf den Aufbau sogenannter intelligenter Netze („Smart Grids“), in denen die verschiedenen Typen von Öko-Kraftwerken so zusammengeschaltet werden, dass sie sich gegenseitig ergänzen und Versorgungsengpässe vermieden werden. So könnten überschüssige Energiemengen aus den Spitzenlastzeiten von Windparks dazu genutzt werden, Wasser in die Stauseen von Pumpspeicherkraftwerken zu pumpen, um sie auf diese Weise später abrufen zu können. Viele dezentrale Stromeinspeiser stellen auch höhere Anforderungen an das Netzmanagement, um Spannungsschwankungen und andere Probleme zu vermeiden.

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