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Auswirkungen eines Atomausstiegs auf Strompreise umstritten

Berlin > Der mögliche frühere Ausstieg Deutschlands aus der Atomkraft könnte nach Meinung einiger Experten zu höheren Strompreisen für Verbraucher führen. Preissteigerungen um mehr als zehn Prozent seien denkbar, warnte der Energieexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), Manuel Frondel. Andere Experten widersprachen diesen Horrorszenarien und gehen von allenfalls minimalen Änderungen aus.

Sollte die die sogenannte Stromgrundlast in Deutschland künftig nur noch von Stein- und Braunkohle gedeckt werden, werde der Strompreis pro Kilowattstunde um bis zu drei Cent steigen, sagte RWI-Experte Frondel der „Bild“-Zeitung vom Mittwoch. Derzeit kostet die Kilowattstunde im Durchschnitt rund 23 Cent. Nach Ansicht des Direktors des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, könnten die ohnehin steigenden Strompreise durch einen schnellen Atomausstieg noch schneller in die Höhe klettern.

Der Energieexperte Uwe Leprich von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) des Saarlandes hingegen sieht kaum Auswirkungen eines schnelleren Atomausstiegs auf den Strompreis. Zwar müssten unter Umständen in geringem Rahmen teure Kohlekraftwerke mehr Strom produzieren, dieser Effekt wäre aber „ziemlich marginal“, sagte Leprich am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP. An der Energiebörse steige Strompreis dadurch – wenn überhaupt – um gerade einmal um 0,2 bis 0,5 Cent pro Kilowattstunde. Auch die Auswirkungen womöglich teurerer Verschmutzungsrechte für die Betreiber der Kohlemeiler seien gering.

Ulrich Matthes vom Öko-Institut in Freiburg geht von einem ähnlichen minimalen Preisanstieg aus. Letztlich lägen solche Effekte aber „unter der Nachweisgrenze“ – denn die Preisschwankungen seien sowieso hoch, betonte er. Hinzu komme, dass es in Deutschland „massivste Überkapazitäten“ bei Strom gebe, die bislang exportiert würden. Seiner Schätzung nach könnten hierzulande bis zu 14 Kraftwerke problemlos wegfallen.

Auf Verbraucher hätten heute höhere Preise an der Strombörse zunächst keine Auswirkungen, betonte HTW-Experte Leprich. „Der Strom von heute wurde schon vor zwei bis drei Jahren an der Börse eingekauft“, sagte er. Auch der Ausbau der bislang noch teureren erneuerbaren Energien mache Strom nicht unbedingt teurer. Zwar könne die Ökostrom-Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien unter Umständen noch leicht steigen. Allerdings mache der Ökostrom die Energie an der Börse selbst günstiger.

Auf die Stromkonzerne selbst dürften durch einen früheren Ausstieg allerdings Belastungen zukommen – oder zumindest die Gewinne schrumpfen. „Für die Betreiber würden Zusatzgewinne wegfallen, die durch den Weiterbetrieb der Atomkraftwerke entstehen“, sagte die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, der AFP. Auch der Analyst Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck betonte: „Die Akw sind alle abgeschrieben und sind reine Profitbringer.“

Als Reaktion auf die drohende Atomkatastrophe in Japan hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die von der schwarz-gelben Koalition erst kürzlich beschlossene Laufzeitverlängerung für drei Monate ausgesetzt. Die sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke sollen während dieses Moratoriums vorübergehend stillgelegt werden. Auch ein generell früherer Atomausstieg ist nun wieder denkbar.