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Das ist ja wohl ein Gipfel!

„… aber wir sind mit der Bahn gekommen.“ So oder ähnlich rechtfertigen häufig viele der Teilnehmer an CSR-Konferenzen ihre Anwesenheit. Denn natürlich wird durch ihre Reise CO2 emittiert. Viele Konferenzveranstalter kompensieren mittlerweile die Emissionen durch den Kauf von Emissionszertifikaten. Mit dem Geld werden dann andernorts Klimaschutzprojekte finanziert. Auf diese Weise wird die Konferenz klimaneutral veranstaltet.

Aber was wäre, wenn es gar nichts zu kompensieren gäbe, weil niemand gereist wäre? Und die Konferenz trotzdem stattgefunden hätte – am Computer? Oder ist es dann gar keine echte Konferenz, weil niemand sich wirklich verpflichtet, anwesend zu sein? B.A.U.M. e. V. hat dieses Experiment gewagt und am 23. Oktober 2009 den ersten Online-Nachhaltigkeitsgipfel veranstaltet. Über seine Erfahrungen sprachen wir mit Professor Dr. Maximilian Gege, dem Vorsitzenden von B.A.U.M. e. V.

Wann haben Sie das erste Mal darüber nachgedacht, eine Online-Konferenz zu veranstalten?

Ich bin da ehrlich gesagt zufällig hineingeschlittert. Gabriela Ender, die Gründerin von OpenSpace-Online®, der Technologie, die wir für die Konferenz genutzt haben, ist mit mir in Kontakt getreten. Ich gebe zu, dass ich erst Bedenken hatte, ob so etwas funktioniert und ob wir genug Leute finden, die bereit sind, drei Stunden intensiv online zu diskutieren. Aber ich fand die Idee so spannend, dass ich es unbedingt ausprobieren wollte.

Welche Aufgaben mussten in der Vorbereitung auf die Konferenz gestemmt werden?

Im Wesentlichen hatten wir zwei Aufgaben. Zunächst galt es, Teilnehmer für die Konferenz zu gewinnen. Wir haben sowohl über E-Mail als auch über „echte“ Briefe Personen angeschrieben, die für einen Nachhaltigkeitsgipfel in Frage kommen. Die zweite wichtige Aufgabe – und die habe ich persönlich unterschätzt – ist die Formulierung des Themas. Diese Aufgabe ist ungemein wichtig und hat mehr Zeit und Denkaufwand in Anspruch genommen, als ich vorher dachte. Denn das Thema allein muss so spannend sein, dass die Teilnehmer darüber diskutieren oder andere Gedanken dazu hören wollen! Anders als bei einer realen Konferenz gibt es keine namhaften Redner oder prominente Vorstände, die locken.

Offensichtlich war das Thema spannend genug, denn es haben sich 60 Teilnehmer angemeldet. Aus welchen Bereichen kamen sie?

Das war eine bunte und interessante Mischung über alle Stakeholdergruppen. Unternehmensvertreter aus Großunternehmen, Nachhaltigkeitsbeauftragte, Mittelständler, einige NGOs und Politiker waren vertreten – deutschlandweit.

Muss man eigentlich sehr technikaffin sein, um an einer Online-Konferenz teilnehmen zu können?

Nein, die Technik ist sehr einfach. Jeder, der in der Lage ist, eine E-Mail zu schreiben, kann an einer Online-Konferenz teilnehmen. Vor der Konferenz lädt sich jeder Teilnehmer die Konferenzsoftware herunter und wählt sich über das Internet auf den Konferenzserver ein. Dort wird er von einem virtuellen Begleiter geleitet.

Können Sie das genauer erklären? Was ist ein virtueller Begleiter?

Der virtuelle Begleiter wird von der Software gesteuert und führt die Teilnehmer – farblich abgesetzt von den anderen Beiträgen – durch die Konferenz. Er gibt Anweisungen wie: „Bitte geben Sie jetzt Ihre Themen ein“ oder entlässt die Teilnehmer in die Kaffeepause. Er ist dabei ausdrücklich ein Begleiter und kein Moderator, d. h. er gibt keinen inhaltlichen Input. Die Themenfindung und die Diskussion finden ausschließlich durch die Teilnehmer statt. Und das macht aus meiner Sicht genau den Reiz aus! Dadurch entwickelt eine Online-Konferenz eine ganz andere Dynamik als beispielsweise eine Podiumsdiskussion auf einer Realkonferenz.

Sie sagten eben, dass die Teilnehmer aufgefordert werden, ihre Themen einzugeben. Was geschieht, wenn zehn oder mehr Themen eingegeben werden?

Wie verfolge ich als Teilnehmer diese zehn Themen gleichzeitig?

Das tun Sie nicht. Sie entscheiden sich für einen Workshop, für den dann auf Ihrem Computer ein großes Fenster geöffnet wird und in dem Sie quasi wie bei einem Chat mit den anderen Teilnehmern diskutieren. Die anderen neun Themen sehen Sie unten in einer Leiste. Wenn Sie das Gefühl haben, zu Ihrem Workshopthema nichts Neues mehr beitragen zu können und auch nichts Neues mehr zu erfahren, wechseln Sie den Workshop. Hier haben Sie den Vorteil gegenüber einer realen Konferenz, dass Sie nachlesen können, was bisher diskutiert wurde. So hat man die Möglichkeit, nachträglich auf Augenhöhe in die Diskussion einzusteigen. Und aus meiner Sicht ist es wirklich genial, dass man sofort nach Beendigung der Konferenz eine Dokumentation erhält. Mit den Kontaktdaten der anderen Teilnehmer und den Diskussionen aus allen anderen Workshops. So habe ich die Möglichkeit, auch im Nachhinein an den anderen Workshops teilzunehmen.

Wie war die Resonanz der Teilnehmer?

Ausgesprochen gut! Es gab keine negativen Stimmen. Uns sind während der Konferenz nur zehn Leute abgesprungen – und das, obwohl die Konferenz an einem Freitagnachmittag stattfand und bis 17.30 Uhr ging. Das kenne ich von Realkonferenzen häufig anders, wenn sich so langsam die Reihen leeren, weil die Leute ihren Zug bekommen wollen, damit sie pünktlich ins Wochenende starten können.

Wie ist Ihr Eindruck von der Konferenz? Ist sie eine Alternative zur Realkonferenz oder wird sie diese sogar über kurz oder lang ersetzen?

Die Online-Konferenz ist eine sehr gute und innovative Alternative zur Realkonferenz. Trotzdem wird sie diese nicht ersetzen. Es gibt Gelegenheiten, da will man sich persönlich sehen, Kontakte intensivieren und ein Thema im Anschluss gemeinsam bei einem Glas Wein vertiefen. Aber sie wird sich durchsetzen, wenn man – und ich setze das jetzt ganz bewusst mal in Anführungszeichen – „nur“ über Inhalte diskutieren will. Denn sie ist ein sehr faires Verfahren. Keiner kann durch Aussehen oder Habitus punkten, sondern nur durch den Input, den er oder sie beiträgt. Und denken Sie an internationale Konferenzen! Wie einfach kann man so beispielsweise mit Persönlichkeiten aus Australien, Südamerika, Afrika, Asien, Nordamerika und Europa gemeinsam über ein Thema diskutieren, ohne dass ein immenser organisatorischer Aufwand, Zeit-, Reisekosten und Emissionen entstehen?

Ist eine weitere Konferenz geplant?

Ja, auf jeden Fall noch in diesem Jahr.

Was werden Sie beim nächsten Mal anders machen?

Gar nichts! Jedenfalls nichts in Bezug auf die Konferenz selbst. Es hat alles geklappt wie am Schnürchen. Es gab keine Pannen und wie gesagt: Der Zufriedenheitspegel war sehr hoch. Insgesamt würde ich aber die Ergebnisse stärker „ausschlachten“ wollen und so im Nachhinein inhaltlich mehr erreichen. Zum Beispiel, indem man im Anschluss Forderungen ableitet und diese gezielt an die Politik, den BDI, die Handelskammern oder die NGOs stellt. Es waren durchweg hochkarätige Teilnehmer dabei, die sehr ernsthaft miteinander diskutiert haben. Dadurch wurden Ergebnisse erarbeitet, die nicht einfach in der Schublade vor sich hin schmoren sollten. Damit sollte man intensiv arbeiten!

Haben Sie ausgerechnet, wie viel CO2 vermieden wurde?

Erfahrungswerte legen zugrunde, dass bei derartigen Veranstaltungen etwa 40 Prozent der Teilnehmer mit dem PKW, 40 Prozent mit der Bahn und 20 Prozent mit dem Flugzeug anreisen. Wäre dies auch bei unserer Konferenz der Fall gewesen, hätten wir allein durch die Vermeidung der Reisen bereits 27,17 Tonnen CO2 vermieden, fast drei Mal so viel, wie ein Bundesbürger jährlich im Durchschnitt verbraucht.

Herr Professor Gege, vielen Dank für das informative Gespräch.

Zur Person

Professor Dr. Maximilian Gege ist Gründer und Vorstandsvorsitzender von B.A.U.M. e.V. Der Bundesdeutsche Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management e. V. ist mit über 500 Mitgliedern die größte Umweltinitiative der Wirtschaft in Europa. Darüber hinaus ist Professor Dr. Maximilian Gege beratend in zahlreiche Gremien tätig. Für herausragende praktische Leistungen wurde er von UNEP in die Global 500 Roll of Honour aufgenommen.

Interview: anke.doebler@kirchhoff.de