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Unternehmen brauchen Vertrauen – aber nicht zu viel davon

„Die öffentliche Meinung über Unternehmen geht zunehmend ins Negative.“ Ein großer Teil der Bevölkerung ist überzeugt, dass Unternehmen ihre Überschüsse auf Kosten der Gesellschaft erwirtschafteten. Wie gewinnen Unternehmen Vertrauen? Wie viel Vertrauen dürfen Sie erhalten?

Elmshorn > „Die öffentliche Meinung über Unternehmen geht zunehmend ins Negative.“ Ein großer Teil der Bevölkerung sei überzeugt, dass Unternehmen ihre Überschüsse auf Kosten der Gesellschaft erwirtschafteten. In dieser Situation seien Vertrauen, Verantwortung und wechselseitig gewinnbringende Kooperationen wichtige Bedingungen für einen langfristigen Unternehmenserfolg. Das sagte Nick Lin-Hi, Juniorprofessor für Corporate Social Responsibility an der Universität Mannheim, am 9. April auf der Jahrestagung des Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik in Elmshorn. Unternehmen müssten sich Vertrauen erarbeiten, indem sie ihre Zusagen einhalten. Lin-Hi: „Vertrauen ist nicht etwas, das wie Manna vom Himmel fällt, sondern spiegelt Erfahrungen der Vergangenheit wieder.“ Unternehmen sollten deshalb realistische Ziele und den Weg dahin definieren. Angesichts kostengünstiger und permanent verfügbarer Informationen dürfte jedenfalls kein Unternehmen damit rechnen, dass seine Verfehlungen unaufgedeckt blieben. Wenn Unternehmen Vertrauen verspielen, bedeute dies für sie einen betriebswirtschaftlichen Schaden. Lin-Hi: „Wenn ich ein schlechtes Image habe, bekomme ich schlechte Mitarbeiter.“ Dass CSR in vielen Unternehmen kommunikationsgetrieben und nicht strategiegetrieben sei, werde langfristig manches Vertrauen zerstören.

Vertrauen kann auch schaden

Vor zu viel Vertrauen warnte Olaf J. Schumann, Leiter des Stiftungslehrstuhls für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Universität Kassel. Vertrauen sei höchstens in zweiter Linie eine ethische Kategorie. „Vertrauen hat auch viel mit Klugheit zu tun.“ Es sei schlicht dumm, Vertrauen zu enttäuschen und damit Kundenbeziehungen zu zerstören, so Schumann. Zuviel Vertrauen könne Kooperationen sogar stören, denn „Vertrauen kann Verantwortungsübernahme behindern.“ So hätten Privatanleger manchen ihrer Bankberater in der Zeit vor der Finanzkrise besser nicht vertraut. Die Bedeutung von Vertrauen wird nach Schumanns Überzeugung tendenziell überschätzt. Vertrauen sei keine Voraussetzung für Verantwortung. Diese erfolge vielmehr durch eine Zuschreibung auf der Grundlage ethischer Kriterien wie etwa der Menschenrechte. Die freiwillige Verantwortungsübernahme durch Unternehmen brauche gesellschaftliche Rahmenbedingungen: „Unternehmen brauchen eine Infrastruktur, die diese Freiwilligkeit organisiert.“ Dazu gehörten unternehmensethische Standards, Initiativen wie der Global Compact oder die CSR-Strategie der Bundesregierung. Und: „Verantwortung kann nicht gegeneinander ausgetauscht werden.“ Wenn ein Unternehmen etwa Menschenrechte verletze, helfe es auch nicht, wenn dieses Unternehmen irgendwo ein Museum errichte.

Foto: (von links) Olaf J. Schumann, Nick Lin-Hi

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