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Wüstenstrom-Projekt Desertec plant Anlage in Tunesien

Frankfurt am Main > Das Wüstenstrom-Projekt Desertec plant trotz der jüngsten Unruhen in der arabischen Welt, dort den Bau von Solarkraftwerken voranzutreiben. Die erste solarthermische Anlage soll in Marokko entstehen, als zweites könnte Tunesien folgen, erklärten die Verantwortlichen der Desertec-Stiftung am Montag in Frankfurt am Main. Wichtige Fragen bleiben derzeit aber noch unbeantwortet.

Ende 2012 würden die Ausschreibungen für das erste Desertec-Solarkraftwerk in Marokko erfolgen, sagte Stiftungsvorstand Thiemo Gropp. Ab etwa 2015 könne dann der Bau der Anlage beginnen. Sie soll nach den Plänen des Konsortiums Desertec Industrial Initiative (DII) eine Leistung von 500 Megawattstunden aufbringen. Derzeit seien jedoch noch „regulatorische, politische und Finanzierungsfragen zu klären“, sagte Gropp.

Es handelt sich dabei um grundsätzliche Fragen, die Desertec nicht nur für Marokko, sondern auch für mögliche weitere Standorte noch nicht beantwortet hat. So sei etwa noch nicht festgelegt, wie viel Prozent des Solarstroms nach Europa exportiert werden soll. „Es gibt keine Verträge, die genau beschreiben, wie viel Energie nach Europa kommt“, sagte Gropp. Entsprechend bleibt auch noch offen, wie viel Geld Europa in den Aufbau von Desertec-Kraftwerken stecken wird.

Aus der rund zwei Milliarden Euro teuren Pilotanlage in Marokko sollen laut DII zunächst 80 Prozent des Stroms ins Ausland fließen, 20 Prozent sollen dem marokkanischen Energiemarkt bleiben. Abgesegnet sind diese Pläne von den dortigen Verantwortlichen jedoch noch nicht.

Nach Marokko plant Desertec den Angaben zufolge ein Engagement in Tunesien. In der vergangenen Woche hätten deshalb Vertreter des Konsortiums in verschiedenen Ministerien der dortigen Übergangsregierung vorgesprochen, sagte der Koordinator für wissenschaftliche Zusammenarbeit bei Desertec, der Tunesier Mouldi Miled. „In Tunesien haben wir unglücklicherweise – oder vielleicht auch glücklicherweise – kein Öl“, sagte Miled, „wir brauchen neue Energien.“

Einen steigenden Energiebedarf sehen Experten auch für Ägypten. Bis zum Jahr 2022 werde sich der Strombedarf des Nilstaates verdoppeln, erklärte der stellvertretende Aufsichtsrat-Chef der Desertec-Stiftung, der Ägypter Hani El Nokraschy. Um diesen Bedarf zu decken, „bietet sich das, was im Überfluss vorhanden ist: die Sonne“.

Sowohl Tunesien als auch Ägypten hoffen, durch den Bau der Wüstenstrom-Anlagen nicht nur mehr saubere Energie zu gewinnen – denn auch nach den Revolutionen in beiden Staaten ist die Arbeitslosigkeit groß. „Wir brauchen Industrie, Firmen, die von außerhalb kommen und investieren. Dafür brauchen wir Energie“, sagte der ägyptische Desertec-Koordinator Mohamed Aly El Hamamsy. Wichtig sei nur, sagte Tunesier Miled, dass die örtlichen Arbeiter und Firmen mit einbezogen würden. Unumstritten seien Riesenprojekte wie Desertec in Nordafrika nämlich nicht.

Desertec war Ende 2009 an den Start gegangen und gilt als das derzeit ehrgeizigste Infrastrukturprojekt der Welt mit Investitionen in Höhe von 400 Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2050 sollen in Nordafrika und im Nahen Osten große Solar-Kraftwerke und Windparks entstehen, um einen großen Teil des örtlichen und 15 Prozent des europäischen Stromverbrauchs zu decken.