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Deutsche mögen nachhaltig bewirtschafteten Fisch – aber nicht zu teuer

Ob Delfine in einem Fangnetz für Thunfische verenden, ob Pflanzen am Meeresgrund mit schweren Schleppnetzen verwüstet werden oder ganze Fischarten aussterben, darüber bestimmen die Verbraucher mit. Immer mehr Anbieter setzen auf nachhaltige Fischerei, aber auch in Deutschland darf das gute Gewissen die Verbraucher offenbar nicht zu viel kosten.

Von Phillipp Saure

Brüssel > Ob Delfine in einem Fangnetz für Thunfische verenden, ob Pflanzen am Meeresgrund mit schweren Schleppnetzen verwüstet werden oder ganze Fischarten aussterben, darüber bestimmen die Verbraucher mit. Denn immer mehr Anbieter setzen heute auf nachhaltige Fischerei, die Umwelt und Ressourcen schont. Allerdings hat sich der Trend weltweit noch nicht durchgesetzt, wie auf der von Dienstag bis Donnerstag in Brüssel abgehaltenen Fachmesse European Seafood deutlich wird. Und auch in Deutschland darf das gute Gewissen die Verbraucher offenbar nicht zu viel kosten.

140 Millionen Tonnen Fisch und andere Meerestiere werden pro Jahr gefangen oder in Aquakulturen gezüchtet, weist der Welt-Ozean-Bericht (World Ocean Review) aus. Mit der Folge, dass viele Bestände heute „als überfischt oder zusammengebrochen gelten“, schreiben die Autoren, zu denen Wissenschaftler der Kieler Christian-Albrechts-Universität sowie des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften zählen.

Das könne nicht so weitergehen, denn „man gräbt sich ja die eigene Existenz ab“, sagt der Bremerhavener Delikatessenhändler Frank Klintworth. Deshalb setze seine Firma zumindest für einen Teil der von Matjes bis Räucherlachs reichenden Produktpalette auf nachhaltige Fischerei und lasse sich das mit dem Nachhaltigkeitssiegel MSC („Marine Stewardship Council“) zertifizieren. Im Einzelhandel und in der Systemgastronomie steige der Trend zu zertifizierter Ware, meint Klintworth.

Das Siegel zieht bei den Konsumenten, meint Barbara Riechers-Kuhlmann, Chefin von Bremerhavens Fischereihafen-Betriebsgesellschaft: „Es ist ein wichtiges Verkaufsargument.“ Und die Hamburger Händlerin Melanie Riedel glaubt, dass die Verbraucher durch Fälle wie die Berichte der in Fischnetzen verendeten Delfine sensibilisiert werden und die Supermärkte darauf reagieren: „Es ist ein immer größeres Thema.“

Allerdings nicht überall. Deutschland und Großbritannien sind bei zertifizierter Ware vergleichsweise weit, hat der Däne Sören T. Mattesen festgestellt. Frankreich hinke etwas hinterher, und schon in Spanien sehe er „kein besonderes Verlangen“ mehr, sagt Mattesen. Und ein Spanier isst laut Welt-Ozean-Bericht mit gut 42 Kilo im Jahr so viel Fisch wie drei Deutsche.

In der größten Fischfangnation der Welt, in China, sind Zertifizierungs-Prozesse für Nachhaltigkeit genau dann ein Thema, „wenn Sie nach Europa exportieren wollen“, bemerkt Lawrence Qu vom Fischerei-Konzern Zhangzidao. Allerdings sei dafür mehrere Monate im Jahr das Fischen gleich ganz verboten, damit sich die Bestände erholen. „Und es funktioniert“, sagt Qu.

Dass mit einfachen Methoden viel möglich ist, davon will WWF-Experte Axel Hein in Brüssel überzeugen. Er hat als Anschauungsmaterial einen nach innen gebogenen Angelhaken dabei – die Krümmung verhindert, dass Meeresschildkröten ihn schlucken. Und sogenannte Sortiergitter in Netzen könnten denjenigen Fisch-Arten einen Notausgang gewähren, die der Fischer gar nicht an Bord hieven will. Denn ungewollter Beifang ist ein Hauptproblem in den Augen des Umweltschützers: „Für ein Kilo Seezunge beispielsweise werden bis zu 15 Kilo Beifang mitgefangen. Der wird sterbend oder tot wieder über Bord geworfen.“

Doch neue Methoden, Zertifizierung und Öffentlichkeitsarbeit kosten Geld – den Aufwand für nachhaltige Fischerei könnte letztlich der Verbraucher zahlen. Und die Deutschen sind zwar sehr bewusst beim Einkaufen, doch ebenso preisbewusst, urteilt die Bremerhavenerin Riechers-Kuhlmann. Auch die Hamburger Einkäuferin Riedel warnt, der Preisunterschied zum herkömmlich gefangenen Fisch „darf nicht zu groß sein“.

Zuchtlachs aus Chile und Aal sind tabu
Tipps von Umweltschützern für den Fischkauf

Während auf der Brüsseler Fischmesse hunderte Arten von Meerestieren angepriesen werden, raten die Umweltschützer vom WWF von einer ganzen Reihe von Fischarten weiterhin ab. Entweder weil die Bestände überfischt sind, oder weil der Fang andere schädliche Folgen für die Umwelt birgt. Verbraucher sollten dann auf andere Arten ausweichen, zum Beispiel den Klassiker Nordsee-Hering.

Welchen Fisch kann ich bedenkenlos kaufen?

Ohne Gewissensbisse können Verbraucher laut WWF außer zum Nordsee-Hering beispielsweise zur Makrele aus dem Nordatlantik greifen. Seelachs aus dem Nordostatlantik ist ebenfalls in Ordnung, sofern er nicht aus den Gewässern um die Färöer-Inseln oder Island stammt. Auch Lachs und Forelle aus kontrollierter Öko-Aufzucht sind in den Augen der Umweltschützer unbedenklich. Grundsätzlich sind alle Meerestiere aus Öko-Aquakulturen in der Regel unproblematisch. Bedenkenlos verzehrt werden kann auch Kabeljau (Dorsch) aus einer Reihe von Fanggebieten, darunter der östlichen Ostsee.

Bei welchen Arten sollten Verbraucher vorsichtig sein?

Bei Krabben und Garnelen heißt es: genau hinschauen. Nordseegarnelen kommen laut WWF wegen der kleinmaschigen Netze mit viel Beifang an Bord. Dieser besteht auch aus Jungfischen wie Schollen und Seezungen oder Seesternen. Im Fall der Eismeergarnele seien die Bestände bis zur biologischen Grenze befischt. Darüber hinaus rät der WWF bei in der Ostsee mit Stellnetzen gefangener Scholle zur Zurückhaltung. Das Gleiche gilt derzeit für den immer beliebter gewordenen Pangasius. Bislang gingen von der Zucht im Hauptexportland Vietnam viele Umweltrisiken aus, etwa durch ins Wasser gekippte Medikamente. Allerdings sei Vietnam dabei, auf nachhaltigeres Wirtschaften umzustellen.

Worauf sollten Verbraucher an der Fischtheke verzichten?

Ganz gemieden werden sollten zum Beispiel Rotbarsch aus Kanada, Dorade aus dem Mittelmeer sowie Zuchtlachs aus Chile und Atlantischer Lachs. Akut bedroht ist laut WWF der für Sushi beliebte Rote Thun. Auch Hummer aus den USA sei tabu, da sich hier oft kleinere Wale in den Hummerkörben verfingen und ertränken. Von Aal rät der WWF grundsätzlich ab, da der Bestand „auf einem kritischen Tiefstand“ sei.

Wo kann ich dann überhaupt noch Fisch kaufen?

Bioläden sind immer eine gute Wahl, denn sie bieten nur Fisch an, dessen Kauf vertretbar ist. Dafür ist die Auswahl oft gering. Die großen Supermarktketten können daher eine Alternative sein. Hier müssen Verbraucher laut WWF dann genau hinsehen. Einen Hinweis auf nachhaltig gefangenen Fisch gibt das MSC-Siegel: ein weißer Fisch auf blauem Grund mit dem Schriftzug „Marine Stewardship Council“. Für Zuchtfisch, also Fisch aus Aquakulturen, gelten Ökosiegel wie „Bioland“ und „Naturland“ als verlässlich.

Informationen zum Fischkauf im Internet: