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Kirche als Arbeitgeber in der Kritik: Teilzeitbeschäftigungen lassen Mitarbeiter verarmen

Auf dem 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden stehen Kirche und Diakonie selbst als Arbeitgeber in der Kritik. Dort führt vor allem die hohe Zahl an Teilzeitbeschäftigungen dazu, dass Mitarbeiter von ihrem Lohn nicht leben können. So sind zwei Drittel der Beschäftigten der sächsischen Landeskirche Frauen und die meisten von ihnen sind in Beschäftigungsverhältnissen mit einem Umfang von 50 Prozent oder weniger tätig.

Dresden > Auf dem 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden stehen Kirche und Diakonie selbst als Arbeitgeber in der Kritik. Dort führt vor allem die hohe Zahl an Teilzeitbeschäftigungen dazu, dass Mitarbeiter von ihrem Lohn nicht leben können. Das wurde bei einer Diskussionsveranstaltung am 2. Juni deutlich. Nicht die Vergütung an sich sei schlecht, jedoch würden zum Beispiel Kantoren häufig in 35-Prozent-Stellen beschäftigt, sagte Sabine Koitzsch (Dresden), Vorsitzende des Verbandes kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Sachsen. Seit 1997 habe es regelmäßig Umstrukturierungen und Kürzungen in der Kirche gegeben, die in bestehende Stellen eingegriffen und Mitarbeiter unmittelbar betroffen hätten. Kantorin Sibylle Schulze (Reichenberg) sagte dazu:„Wenn man 35 Prozent angestellt ist, bedeutet das nicht, dass man 35 Prozent arbeitet.“ Kantoren, die teilzeitbeschäftigt tatsächlich eine volle Stelle ausfüllten, erlebten diese Situation auch als eine Anfrage an die Wertigkeit der eigenen Beschäftigung. Aufgrund der über den ganzen Tag verteilten beruflichen Aufgaben – von der Beerdigung am Morgen bis zu der Dienstbesprechung nach dem Chor am Abend – sei ihnen kaum eine parallele andere Beschäftigung möglich.

Vermischung von Haupt- und Ehrenamt bereitet Probleme

Nach den Worten von Oberlandeskirchenrätin Jördis Bürger (Dresden) sind zwei Drittel der Beschäftigten der sächsischen Landeskirche Frauen, und die meisten von ihnen sind in Beschäftigungsverhältnissen mit einem Umfang von 50 Prozent oder weniger tätig. Die sächsische Landeskirche hat 5.700 privatrechtlich Beschäftigte zuzüglich der etwa 700 Pfarrer und der Kirchenbeamten. In den Kirchgemeinden teilten sich häufig mehrere Inhaber eine Stelle. Konflikte entstünden auch dadurch, dass von hauptamtlichen Mitarbeitern wie selbstverständlich zugleich ein ehrenamtliches Engagement erwartet werde. Durch klare Vereinbarungen und Abgrenzung der Bereiche zu Beginn der Beschäftigung könnten hier Konfliktpotential vermieden werden. Und wo sich kirchliche Mitarbeiter auch ehrenamtlich engagierten, sollten sie eine entsprechende Anerkennung erfahren. Für die Zukunft konnte Bürger den kirchlichen Mitarbeitern keine Arbeitsplatzgarantie zusichern. Die Zahl der Gemeindemitglieder gehe in den Ortsgemeinden weiter zurück. Bürger: „Es müssen Arbeitsbedingungen angepasst werden an die demografischen und strukturellen Bedingungen.“

Sozialen Berufen fehlt gesellschaftliche Anerkennung

In der Diakonie überwiegt ebenfalls die Teilzeitarbeit. Der durchschnittliche Beschäftigungsumfang betrage 70 Prozent, sagte Friedhelm Fürst (Radebeul), kaufmännischer Vorstand der Diakonie Sachsen. Und auch in der Diakonie führe die Teilzeitbeschäftigungen dazu, dass Mitarbeiter kein existenzsicherndes Einkommen erzielten. Eine Ursache für geringe Löhne sei die fehlende gesellschaftliche Anerkennung für pflegerische und pädagogische Berufe. Fürst: „Ein Lokomotivführer mit zweijähriger Ausbildung bekommt das Doppelte dessen, was eine Erzieherin mit fünfjähriger Ausbildung und Zukunftsverantwortung für Menschen erhält.“

Diakonie: Hoher Einsatz für wenig Geld

Von einem besonderen Sparmodell in der Diakonie berichtete die Vorsitzende der Mitarbeitervertretung der Diakonie Dresden, Adriana Teuber. Ein Teil der Mitarbeiter in einfacheren Beschäftigungsverhältnissen seien in diakonische Servicegesellschaften ausgegliedert worden und erhielten dort einen noch geringeren Lohn. „Bei der Diakonie heißen Einsparungen an der Basis Ausgliederung“, sagte Teuber. Dabei würde gerade von den diakonisch Beschäftigten aufgrund der hohen Auslastung der diakonischen Einrichtungen – sie betrage zum Beispiel 99 Prozent in den Dresdener Altenheimen – ein hoher Einsatz gefordert. Manche Arbeitstage dauerten mehr als 24 Stunden. Teuber: „Es ist schwierig, für wenig Geld zu dienen.“ Ihr gefalle die Arbeit gut, aber die Bezahlung weniger. Eine Ursache für die geringen Löhne sieht Teuber in den schlechten Refinanzierungsmöglichkeiten der Träger aufgrund niedriger Pflegesätze und rückläufiger Fördermittel.

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