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Grüne Revolution auf der Danziger Werft

In den Werftanlagen von Danzig weht ein neuer Wind. Einst Wiege der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc, die den Untergang des Kommunismus einleitete, haben sich die Werften jetzt der Revolution auf dem Energiemarkt verschrieben. Einer Studie empfahl kürzlich, Polen solle lieber in einen Offshore-Windpark in der Ostsee mit einer Leistung von 5,5 Gigawatt investieren, statt bis 2020 sein erstes Atomkraftwerk mit einer Leistung von drei Gigawatt zu bauen.

Von Mary Sibierski

Danzig > In den Werftanlagen von Danzig weht ein neuer Wind. Einst Wiege der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc, die den Untergang des Kommunismus einleitete, haben sich die Werften jetzt der Revolution auf dem Energiemarkt verschrieben. Hier werden heute Türme für Windkraftanlagen gebaut. Ein ohrenbetäubender Lärm herrscht in der gigantischen Produktionshalle, die so groß wie sechs Fußballfelder ist. Wenn die Schweißer riesige Stahlzylinder zu hundert Meter hohen, 270 Tonnen schweren Türmen montieren, fliegen die Funken.

„Die Tatsache, dass Deutschland bis 2022 aus der Atomenergie aussteigen will, wird zu einem schnellen Boom der Offshore-Windparks führen“, schätzt Thomas Gaardbo, Vize-Chef von GSG Towers, der neuen Filiale der Danziger Werften, die zu 25 Prozent dem polnischen Staat und zu 75 Prozent ukrainischen Unternehmern gehört. GSG Towers produziert Türme für Windkraftanlagen an Land und vor der Küste. Im Oktober 2010 nahm die Gesellschaft die Arbeit auf und will in diesem Jahr 60 Windkraftanlagen-Türme bauen. Bis 2014 sollen 300 pro Jahr hergestellt werden.

Der Markt für Windkraft an Land sei vermutlich bald gesättigt, sagt Gaardbo. In Deutschland werde wohl alles auf Offshore-Anlagen hinauslaufen, „deshalb versuchen wir, uns auf diesem Markt zu positionieren“. Aber auch Polen ist für die Hersteller von Windkraftanlagen ein vielversprechender Markt. Das Land will seine Abhängigkeit von dem Energieträger Kohle verringern, um die von der Europäischen Union vorgegebenen Ziele für die Verringerung der klimaschädlichen Kohlenstoffdioxid-Emissionen zu erreichen. Während es in Deutschland, Dänemark, den Niederlanden, Frankreich und Spanien immer mehr Windparks gibt, sind sie in Polen noch eine Seltenheit.

„In Polen gibt es nur eine Handvoll Onshore-Windkraft-Anlagen und keine Offshore-Anlage“, sagt Grzegorz Wisniewski vom Warschauer Institut für erneuerbare Energien. Die Kapazität der polnischen Windkraftanlagen liege bei nur 1,5 Gigawatt. „Derzeit gewinnen wir 90 Prozent unserer Energie aus Kohle, jetzt prüfen wir verschiedene Möglichkeiten von der Atomenergie über Schiefergas bis zu erneuerbaren Energien“, sagt Wisniewski. „Polen hat enorme, ungenutzte Windkraft-Ressourcen“, bekräftigt er.

In einer Studie empfahl das Institut kürzlich, Polen solle lieber in einen Offshore-Windpark in der Ostsee mit einer Leistung von 5,5 Gigawatt investieren, statt bis 2020 sein erstes Atomkraftwerk mit einer Leistung von drei Gigawatt zu bauen. Der Ausbau der Windenergie könne mehr als 9000 Arbeitsplätze schaffen und Strom für 104 Euro pro Megawatt liefern, heißt es in der Studie, die Greenpeace und die deutsche Heinrich-Böll-Stiftung in Auftrag gegeben hatten.

Die kleine Gemeinde Kisielice im Norden Polens profitiert bereits ordentlich von der Windenergie, wie deren Bürgermeister Tomasz Koprowiak betont. Die 39 Windräder von Kisielice haben eine Gesamtkapazität von 64,5 Megawatt – fünf Prozent der gesamten Windenergie Polens – und liefern somit genug Strom für die 6500 Einwohner. Neun weitere Windräder gehen demnächst in Betrieb. Nach Bürgermeister Koprowiaks Vorstellungen sollen sich irgendwann 80 Windräder mit einer Gesamtkapazität von 140 Megawatt in seiner Gemeinde drehen. Proteste gegen die Windräder hat es nach seinen Angaben nie gegeben.

„Wenn wir das ganze Geld, das in die Atomenergie gesteckt wurde, in die erneuerbaren Energien – Wind, Biogas, Sonne, Kraft-Wärme-Pumpen – investieren, sind Atomkraftwerke nicht mehr wirklich notwendig“, ist der Bürgermeister überzeugt.

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