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Gestank nach faulen Eiern: Algenpest vergiftet Strandurlaub in der Bretagne

Die Reiseführer schwärmen von einer bezaubernden Dünenlandschaft, türkisfarbenem Wasser und malerischen Steinhäuschen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus an der Bucht von Saint-Brieuc im Norden der Bretagne. 36 tote Wildschweine wurden dort im Juli am Sandstrand gefunden, mitten im nach faulen Eiern stinkenden, grün-braunen Algenschlamm. Dass die Faulgase lebensgefährlich sein können, hatte im August 2009 ein Regierungsgutachten bestätigt.

Von Christine Longin

Paris > Die Reiseführer schwärmen von einer bezaubernden Dünenlandschaft, türkisfarbenem Wasser und malerischen Steinhäuschen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus an der Bucht von Saint-Brieuc im Norden der Bretagne. 36 tote Wildschweine wurden dort im Juli am Sandstrand gefunden, mitten im nach faulen Eiern stinkenden, grün-braunen Algenschlamm. Die Faulgase, die die Algen beim Vermodern absondern, waren wahrscheinlich für den Tod der Borstentiere verantwortlich, in fünf von sechs untersuchten Kadavern wurde den Behörden zufolge Schwefelwasserstoff nachgewiesen.

„Wir wissen, dass das von den Algen kommt“, sagt der Sprecher der Umweltorganisation France Nature Environnement (FNE), Benoît Hartmann, am Dienstag im Radiosender Europe 1. „Wir müssen aufhören, den Kopf in den Sand zu stecken“, ergänzt er mit einem Seitenhieb auf die Behörden, die immer noch keine klare Verbindungen zwischen dem „grünen Gift“ und dem Tod der Wildschweine ziehen wollen. Schließlich seien die Algen, von denen dieses Jahr bereits fast 32.000 Tonnen mit Traktoren von den Stränden weggekarrt wurden, auch für Menschen schädlich.

Vor zwei Jahren starb ein Arbeiter, der beim Abtransport der Algen geholfen hatte, an einem Herzstillstand, der möglicherweise durch die giftigen Gase ausgelöst wurde. Außerdem erstickte ein Pferd an den fauligen Dämpfen am Strand, der Reiter wurde von Spaziergängern bewusstlos aufgefunden. Dass die Faulgase lebensgefährlich sein können, hatte im August 2009 ein Regierungsgutachten bestätigt. An einigen Strandabschnitten wurde laut Umweltministerium das Doppelte einer tödlichen Dosis Schwefelwasserstoff gemessen.

Im Frühjahr 2010 legte die Regierung dann einen 134 Millionen Euro teuren Aktionsplan auf, der Kompostieranlagen für die Algen und einen sparsameren Einsatz von Dünger in der Landwirtschaft vorsah – für Umweltschützer der Hauptgrund für die „Killeralgen“. Dennoch gelangen weiterhin jährlich rund 70.000 Tonnen Nitrat ins Meer, wie die Umweltpartei Europe Ecologie im vergangenen Herbst mitteilte. „Das landwirtschaftliche Modell muss sich auf alle Fälle ändern“, fordert Hartmann. Neben Düngemitteln sind es vor allem die Fäkalien aus der intensiv betriebenen Schweinezucht, die die Umweltschützer für das enorme Algenwachstum verantwortlich machen.

Doch Präsident Nicolas Sarkozy kam den gescholtenen Landwirten Anfang Juli zu Hilfe. „Es ist absurd, Schuldige auszumachen, mit dem Finger auf die Landwirte zu zeigen, die schon große Fortschritte in dieser Sache gemacht haben“, sagte er bei einem Treffen zur Algenpest. Die Landwirtschaft ist der stärkste Industriezweig in der Bretagne – noch deutlich vor dem Tourismus, der laut dem bretonischen Tourismusverband CRT acht Prozent der regionalen Wirtschaft ausmacht und 51.000 Menschen Arbeit gibt.

Die Umweltorganisation FNE schreckt nicht vor drastischen Aktionen zurück, um auf die grüne Gefahr aufmerksam zu machen. Im vergangenen Jahr stellten die Umweltschützer am Rande der Landwirtschaftsmesse eine Plakatkampagne vor, auf der ein spielendes Kind auf einem algenverseuchten Strand zu sehen ist. Damit es nicht so weit kommt, sperrten die Behörden dieses Jahr bereits mehrere Strände.

Kein Wunder, dass kaum eines der französischen Regierungsmitglieder, die am Montag ihre Sommerferien begannen, seinen Urlaub in der Bretagne verbringen will. Lediglich Haushaltsministerin Valérie Pécresse entschied sich für La Baule in der Südbretagne, immerhin drei Autostunden von der Algenbucht von Saint-Brieuc entfernt.