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Virtuelles Wasser: Chancen und Probleme eines Wasserfußabdrucks

Jeder Deutsche verbraucht pro Tag im Durchschnitt 130 Liter Wasser. Im internationalen Vergleich ein guter Wert. Legt man allerdings das Konzept des „Virtuellen Wassers“ zugrunde, steigt der Verbrauch nach Berechnungen des WWF auf einen durchschnittlichen Verbrauch von über 4000 Litern pro Person von denen mehr als die Hälfte importiert wurde. Ist diese Form des Wasserhandels problematisch und brauchen wir neben dem CO2 Fußabdruck auch einen Wasserfußabdruck?

Hamburg > Jeder Deutsche verbraucht pro Tag im Durchschnitt 130 Liter Wasser. Im internationalen Vergleich ein guter Wert. Legt man allerdings das Konzept des „Virtuellen Wassers“ zugrunde, steigt der Verbrauch nach Berechnungen des WWF auf einen durchschnittlichen Verbrauch von über 4000 Litern pro Person von denen mehr als die Hälfte importiert wurde. Sogenanntes „virtuelles Wasser“ berücksichtigt den Wasserverbrauch zur Herstellung von Gütern, die an einem anderen Ort auf der Welt produziert und beispielsweise in Deutschland konsumiert werden. In einem aktuellen Aufsatz im „Wirtschaftsdienst – Zeitschrift für Wirtschaftspolitik“ geht Prof. Erik Gawel und Volkswirtin Kristina Bernsen der Frage nach: Ist diese Form des Wasserhandels problematisch und brauchen wir neben dem CO2 Fußabdruck auch einen Wasserfußabdruck?

Wird das Konzept des „Virtuellen Wassers“ für die ökologische Betrachtung eines Produktes berücksichtigt, entpuppt sich der Welthandel als Handel mit virtuellem Wasser. Der größte Wasserverbraucher ist die Landwirtschaft, ihr Anteil liegt bei etwa 70 Prozent des weltweit entnommenen Wassers. Dafür sind neben der steigenden Weltbevölkerung vor allem die sich ändernden Ernährungsgewohnheiten verantwortlich, beispielsweise der zunehmende Fleischkonsum – für ein Kilo Rindfleisch werden 14.000 Liter Wasser verbraucht. Dabei wird der größte Teil des Wassers nicht in wasserreichen Regionen entnommen, sondern oft in Gegenden, in denen Wasser ein kostbares und knappes Gut ist. Die Menge an Wasser, die im Exportland aufgewendet wird, wird im Importland eingespart – es entsteht der Handel mit virtuellem Wasser.

Das Konzept, in den 1990er Jahren von dem britischen Wissenschaftler John Anthony Allan entwickelt, hat inzwischen weltweit Berücksichtigung gefunden und wird zunehmend auch von Unternehmen bei der Analyse der Produktionsketten angewendet. Gawel fragt nun: Ist der Handel mit virtuellem Wasser wirklich problematisch und ist eine Regulierung im Interesse von Umweltschutz und fairem Konsum notwendig? Tatsächlich wird der globale Handel mit virtuellem Wasser oftmals problematisiert, sei es im Sinne einer Abhängigkeit von den Hauptexporteuren virtuellen Wassers oder durch die Externalisierung des heimischen Wasserverbrauchs in andere Länder, angetrieben vom eigenen Konsum mit Auswirkungen auf Umwelt und Bevölkerung in den betroffenen Regionen. Dem schließt sich die Vorstellung eines gerechten Wasserverbrauchs an. Danach dürfe eine Nation nicht mehr Wasser verbrauchen, als das Produkt aus Bevölkerungszahl und global durchschnittlichem Wasserkonsum. Gawel kritisiert: „In dieser Wahrnehmung ist Wasser keine lokale Ressource mehr, sondern wird zu einem globalen öffentlichen Gut“. Im Sinne einer globalen Gerechtigkeit und möglicher geopolitischer Folgen müsste eine Regulierung den virtuellen Wasserströmen von wasserreichen in wasserarme Regionen den Vorzug geben. Die möglichen Regulierungen reichen von internationalen Verträgen über grenzüberschreitende Wassersteuern bis hin zum Wasserfußabdruck als Kaufregulativ für die Konsumenten. Für Gawel sind derartige Vorstellungen allerdings mit der ökonomischen Handels- und Ressourcentheorie nicht vereinbar. Er hält die Souveränität der Staaten über den Umgang mit den nationalen Ressourcen für den entscheidenden Faktor im internationalen Handel und für die Mehrung des Wohlstands in den Regionen. Zudem ist die Tatsache, dass ein Wasserfußabdruck auf reinen Volumenangaben basiert, eine der gravierendsten Schwächen des Konzepts. Der Verbrauch von Wasser hat in unterschiedlichen Regionen vollkommen unterschiedliche Auswirkungen. Was in einem Land zu gravierenden Umweltauswirkungen führen kann, ist in einem anderen Land durchaus nachhaltig. Generelle Aussagen über wünschenswerte virtuelle Wasserströme liefern demnach weder Informationen über die Nachhaltigkeit der Wassernutzung im Exportland, noch die Wertschätzung für das betreffende Gut im Importland. Für Gawel werden die methodischen Schwächen schließlich auch im Vergleich zum CO2-Fußabdruck deutlich. Während der CO2-Fußabdruck die weltweit zu gleichen Klimaeffekten führende Treibhausgasbelastung anzeigt, fasst der Wasserfußabdruck völlig ungleichartige Wassernutzungen und ihre ökologischen Auswirkungen in einem Wert zusammen. Gawel: „Das Konzept des virtuellen Wassers bleibt wohl eher ein akademisches Glasperlenspiel; als Richtschnur für eine globale Wasser-Governance taugt es jedenfalls nicht und kann – wie alle reinen Mengenkonzepte der Umweltpolitik – zu bedenklichen Desorientierungen führen“.