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CSR türkischer Unternehmen in Deutschland

Sie gehören zur deutschen Unternehmenslandschaft und werden doch selten wahrgenommen – türkische Unternehmen in Deutschland. Rund 80.000 davon gibt es, mit mehr als 400.000 Arbeitsplätzen und einem Jahresumsatz von fast 50. Milliarden Euro. Längst sind es nicht mehr nur die Dönerbuden an der Ecke, türkisches Unternehmertum findet nahezu in allen Branchen statt, von der Textilindustrie über den Lebensmittelhandel bis hin zur IT-Industrie. Wie steht es um die Corporate Social Responsibility dieser Firmen, finden soziale und ökologische Aspekte Berücksichtigung im Unternehmensalltag?

Köln/Berlin > Sie gehören zur deutschen Unternehmenslandschaft und werden doch selten wahrgenommen –  türkische Unternehmen in Deutschland. Rund 80.000 davon gibt es, mit mehr als 400.000 Arbeitsplätzen und einem Jahresumsatz von fast 50. Milliarden Euro. Längst sind es nicht mehr nur die Dönerbuden an der Ecke, türkisches Unternehmertum findet nahezu in allen Branchen statt, von der Textilindustrie über den Lebensmittelhandel bis hin zur IT-Industrie. Wie steht es um die Corporate Social Responsibility dieser Firmen, finden soziale und ökologische Aspekte Berücksichtigung im Unternehmensalltag? Dieser Frage ging Ahmet Ates in seiner Abschlussarbeit an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin nach und führte Gespräche mit türkischen Unternehmen und ihren Verbänden.. Sein Fazit: CSR im Sinne eines Strategiekonzepts findet bislang kaum Berücksichtigung. Gesellschaftliche Verantwortung findet wesentlich im Rahmen bürgerschaftlichen Engagements statt. „Diese Aktivitäten werden allerdings selten kommuniziert und insofern auch nicht von der Öffentlichkeit wahrgenommen“, so Ates. Großen Nachholbedarf sieht Ates dagegen im Bereich Ökologie und Naturschutz.

Die Gründe sind vielfältig und in Teilen mit denen im deutschen Mittelstand zu vergleichen. Ein wesentlicher Aspekt ist die Struktur und Historie der Unternehmen. Meist wurden sie von Migranten der ersten oder zweiten Generation gegründet, aus kleinen Betrieben aufgebaut und mit viel Fleiß zu gestandenen inhabergeführten Unternehmen ausgebaut. Das gesellschaftliche Engagement entspricht dadurch oft den Vorlieben der Inhaber, ähnlich wie in deutschen Unternehmen. „Ein Fokus liegt dabei auf den Themen Integration und Förderung der in Deutschland lebenden Türken, insbesondere der Jugendlichen“, erläutert Alper Ücok, Direktor des deutschen Büros von TÜSIAD, einem türkischen Industrieverband. „In diesen Bereichen sind die Firmen in Deutschland mit türkischer Herkunft sehr aktiv. Sie nehmen Teil an Projekten der deutschen Regierung, entwickeln aber ebenso eigene Maßnahmen“.

Dennoch fühlen sich türkische Unternehmen oft alleine gelassen, wie Ahmet Ates in seiner Untersuchung feststellte. „CSR findet einfach nicht statt, weder in den Medien noch durch Unterstützung der Verbände“, so Ates. „Der Sinn und die Vorteile einer nachhaltigen Unternehmensführung werden deshalb oft nicht verstanden“. Dies will der türkische Industrieverband ändern, Alper Ücok: „Die meisten unserer Mitglieder haben zwar ihren Stammsitz in der Türkei. Unsere CSR-Projekte und Kampagnen werden deshalb meist in der Türkei verwirklicht. Als deutsches Kontaktbüro versuchen wir aber auch unsere Mitglieder in Deutschland, bei ihrem gesellschaftlichen Engagement zu unterstützen“.

Das freiwillige gesellschaftliche Engagement ist gleichwohl unter den in Deutschland lebenden Türken verbreitet. Nach einer Untersuchung des Zentrums für Türkeistudien (ZFTI) beteiligen sich 64 Prozent der türkischstämmigen Migranten aktiv in Vereinen und Verbänden. Mehr Verständnis für ökologische Zusammenhänge versuchen Vereine wie die türkische Umweltinitiative oder die türkischsprachige Umweltgruppe Yesil Cember des BUND unter den türkischstämmigen Migranten zu entwickeln, mit zunehmendem Erfolg. Eine Notwendigkeit, die Ahmet Ates auch für die Unternehmen sieht: „Zwar ist eine grundlegende Sensibilität für die Bedeutung von Umwelt- und Naturschutz vorhanden, es fehlt aber an Wissen über die Zusammenhänge“. Aber auch auf diesem Gebiet gibt es Erfolge, beispielsweise „TEMA“ eine in Köln ansässige Stiftung für Naturschutz, von türkischen Unternehmern gegründet. Mit Konferenzen, Bildungsangeboten und Wiederaufforstungsprogrammen setzt sich die Stiftung aktiv für Umwelt- und Naturschutz ein, sowohl im nahen Deutschland als auch in der Türkei. Zum Stiftungsbeirat gehören beispielsweise große deutsch-türkische Unternehmer wie der Textilproduzent Kemal Sahin. Ein anderes Beispiel ist der türkischstämmige Unternehmer Professor Recep Keskin, er engagiert sich in der Diversity-Kampagne „Charta der Vielfalt“. Das Thema CSR ist also bei türkischstämmigen Unternehmen angekommen, wenn auch noch nicht weit verbreitet. Den größten Nachholbedarf sieht Ahmet Ates beim Umweltschutz, der Teilnahme an CSR-Netzwerken und einer Sensibilisierung von Kunden und Lieferanten. Ates: „Hier müssen die Verbände mehr Aufklärungsarbeit leisten, aber die Unternehmen müssen auch selbst aktiv werden“.

In der Türkei gewinnt das CSR in den letzten Jahren, getrieben durch die international tätigen Konzerne, zunehmend an Bedeutung. In der Breite wird CSR meist noch missverständlich mit Sponsoring und Spenden gleichgesetzt. Hauptakteure sind die großen Verbände, große Unternehmen und die türkische Kapitalmarktbehörde, die 2003 die „Corporate Governance Principles“ für den türkischen Finanzsektor eingeführt hat. Eine übergeordnete, staatliche Koordinierung oder Förderung der CSR gibt es in der Türkei noch nicht.

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