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Was kommt nach Gaddafi: Stammesfehden oder stabile Zivilgesellschaft?

Für deutsche Unternehmen ist Libyen vor allem als Öllieferant interessant. Etwa für die BASF-Tochter Wintershall, die seit fünf Jahrzehnten im Land tätig und regional nach eigenen Angaben bestens vernetzt ist. Was aber kommt nach Gaddafi? Eine stabile Zivilgesellschaft oder Stammesfehden? Was trägt zur Stabilität bei?

Berlin / Paris > Für deutsche Unternehmen ist Libyen vor allem als Öllieferant interessant. Etwa für die BASF-Tochter Wintershall. Das Unternehmen hatte vor Beginn der Kämpfe im Februar 100.000 Barrel Öl pro Tag in Libyen produziert, während der Krise würde die Förderung gestoppt. Die Wiederaufnahme der Produktion sei unter den normalen technischen Bedingungen „innerhalb von einigen Wochen“ denkbar, sagte Wintershall-Sprecher Stefan Leunig am Donnerstag im Deutschlandradio. Allerdings spielten auch externe Faktoren „eine ganz große Rolle“: Das Unternehmen brauche eine stabile Sicherheitslage im Land, und die Pipelines, die zum Hafen führen, müssten in Ordnung sein. Wie aber steht es um diese „stabile Sicherheitslage“?

Der nationale Übergangsrat, in dem sich Ende Februar die Opposition gegen den gewaltsam regierenden Gaddafi zusammengefunden hat, ist eine bunte Truppe. „Das ist nicht so etwas wie eine demokratische Übergangsregierung, die das libysche Volk vertritt, sondern eine Versammlung von Stammesfürsten, früheren Gaddafi-Funktionären und einigen Vertretern der Zivilgesellschaft“, beschreibt Jean-Yves Moisseron vom französischen Forschungsinstitut IRD den Rat. Die Mitglieder seien durch Stammesfehden und den Wettlauf um die Kontrolle der reichen Ölreserven des Landes untereinander zerstritten.

In den vergangenen 60 Jahren seien die Stammesfehden durch zwei Autoritäten kleingehalten worden: erst durch den König und danach Gaddafi. Nach dem Ende der Ära Gaddafi könnten nun alte Stammesmuster, die noch aus dem Mittelalter stammten, wieder aufbrechen. „Ich glaube nicht an eine Teilung des Landes, aber es besteht die Gefahr der regionalen Zersplitterung“, sagt Moisseron.

Olivier Pliez vom Institut CNRS warnt davor, Libyen nach dem Abtauchen des langjährigen Machthabers auf die Stämme zu reduzieren, von denen es bis zu 140 in dem Wüstenstaat gibt. „Man ist nicht mehr in einer zurückgebliebenen Beduinengesellschaft, die im Zelt wohnt“. Immerhin lebten 90 Prozent der rund sieben Millionen Libyer in Städten, mehr als ein Viertel davon in der Hauptstadt Tripolis. Außerdem habe Libyen eines der höchsten Bruttoinlandsprodukte Afrikas.

Wie Pliez sieht auch Saad Djebbar von der britischen Denkfabrik Chatham House keine Gefahr, dass das Land auseinanderbrechen könnte. „Ich denke, die Gefahr einer Teilung wird übertrieben.“ Die einzelnen Gruppen seien nicht bereit, um die Macht zu kämpfen. Unter den mit Blick auf die Fläche wenigen Einwohnern des viertgrößten Landes Afrikas gebe es viele Gemeinsamkeiten: Familienbande, Stammeskontakte oder dieselbe regionale Herkunft. Außerdem teilten die meisten Libyer dieselbe traurige Vergangenheit: „Sie sind durch 40 Jahre des Leidens, der Verfolgung und Unterdrückung unter Gaddafi miteinander verbunden.“ Auch der hohe Bildungsstand könne Konflikte verhindern. Wichtig sei nun, dass mit Hilfe des Auslands feste Übergangsstrukturen aufgebaut würden, die für die Zeit nach dem Ende des Übergangsrates tragen könnten.

Wintershall-Unternehmenssprecher Leunig zeigte sich optimistisch, dass sein Unternehmen auch nach einer Übernahme der Herrschaft durch die Aufständischen weiterhin Öl in Libyen fördern wird. Das Unternehmen sei seit mittlerweile fünf Jahrzehnten im Land und habe dort viel investiert. Wintershall habe „sehr enge Verbindungen auch insbesondere im lokalen Bereich, und wir gehören sozusagen in das Land“. Die Firma habe das technische Know-how, die Öl- und Gasproduktion weiterzuführen. Das Unternehmen fördert Öl auf Feldern rund tausend Kilometer südlich der Hauptstadt Tripolis. Dort sei es „relativ ruhig geblieben“, sagte Leunig. Die internationalen Mitarbeiter hatte das Unternehmen ausgeflogen; in Libyen verblieben 350 libysche Beschäftigte.

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