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Das Zwischenlager Gorleben und die radioaktive Strahlung

In Gorleben sorgt das Zwischenlager für Castor-Behälter für Schlagzeilen. Seit 1995 wird Atommüll ist das sogenannte Transportbehälterlager (TBL) gebracht, um dort auf eine Endlagerung zu warten. Nach Angaben des niedersächsischen Umweltministeriums könnte dieses Jahr jedoch ein gesetzlicher Strahlengrenzwert am TBL überschritten werden – was einen weiteren, für den Herbst geplanten Castortransport verhindern würde.

Von Sebastian Bronst

Hamburg > Wieder einmal ist Gorleben in den Schlagzeilen. Aber dieses Mal sorgt nicht das Erkundungsbergwerk für ein mögliches Endlager für hochradioaktiven Atommüll für Aufmerksamkeit, sondern das Zwischenlager für Castor-Behälter auf der anderen Straßenseite. Seit 1995 wird Atommüll ist das sogenannte Transportbehälterlager (TBL) gebracht, um dort auf eine Endlagerung zu warten. Nach Angaben des niedersächsischen Umweltministeriums könnte dieses Jahr jedoch ein gesetzlicher Strahlengrenzwert am TBL überschritten werden – was einen weiteren, für den Herbst geplanten Castortransport verhindern würde.

An einer Messstelle am Zaun des TBL-Lagers war bei der regelmäßigen amtlichen Strahlungsüberwachung ein Zwischenwert ermittelt worden, der hochgerechnet auf das gesamte Jahr 2011 eine Überschreitung der zulässigen Höchstdosis bedeuten würde. Erlaubt ist dort eine zusätzliche radioaktive Strahlung von 0,3 Millisievert pro Jahr, die zu der natürlichen Hintergrundstrahlung hinzukommen darf. Im ersten Halbjahr waren es aber bereits 0,27 Millisievert, sagte Umweltministeriums-Sprecherin Jutta Kremer-Heye am Freitag in Hannover.

Zum Vergleich: Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung beträgt in Deutschland pro Jahr zwei Millisievert, in etwa das Siebenfache. Rechnet man weitere typische Strahlenbelastungen dazu, etwa durch Röntgenuntersuchungen, absorbiert jeder Deutscher nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) pro Jahr statistisch bis zu vier Millisievert, also das 13-fache der am Zaun des Lagers erlaubten Zusatzdosis. Kritiker verweisen allerdings darauf, dass auch kleinste Strahlenmengen schädlich sein könnten.

Dass ein gewisses Maß an Strahlung aus dem TBL-Lager in Gorleben nach außen dringt, kommt nicht überraschend. Es ist eine rund 182 Meter lange Halle mit 50 Zentimeter dicken Stahlbetonwänden. Im Inneren stehen derzeit 102 Castoren. Die Halle soll zusätzlich zu den Wänden der Behälter die enormen Strahlungsmengen des eingeschlossenen Atommülls abfangen. In die Castoren sind unter anderem Kunststoffschichten eingearbeitet, die Neutronen absorbieren. Insgesamt bewirken diese Sicherungen eine drastische Reduzierung der Strahlung, es tritt aber ein kleiner Rest aus – und dieser könnte mit der Zeit zum Problem werden.

Denn der Neutronenbeschuss aus jedem weiteren neuen Castor-Behälter trägt zur radioaktiven Strahlung in der Umgebung bei. Nach Angaben der Gorleben-Gegner der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg war die erlaubte jährliche Zusatzbelastung am Zaun bereits 2008 zu rund Zweidrittel „ausgeschöpft“. Inzwischen sind weitere Transporte eingetroffen. In den nächsten Jahren sind mehr als 20 Lieferungen aus Wiederaufarbeitungsanlagen in Großbritannien und Frankreich geplant. Doch das geht eben nur, wenn die Strahlendosis nicht bereits über der Grenze liegt.

Wie groß der Handlungsbedarf ist, steht allerdings noch nicht fest. Das Umweltministerium in Hannover hält es nach Angaben von Kremer-Heye für denkbar, dass schon ein Verschieben der Castoren in der größtenteils leeren Halle das Problem löst. Der fragliche Messpunkt sei der, der am dichtesten am Gebäude liege, sagte sie. In der Halle selbst seien die Messergebnisse normal.

Atomkraftkritiker wie die Grünen-Europapolitikerin Rebecca Harms sehen dagegen grundsätzlichere Probleme. Möglicherweise stoße das Zwischenlager mit seiner „Leichtbauhalle“ aus den 80er Jahren an seine Grenzen, erklärte sie. Die Außenwände der in den vergangenen Jahren an niedersächsischen Atomkraftwerken eingerichteten neuen Zwischenlager blockierten Strahlung erheblich besser. Auch der Experte der Umweltschutzorganisation Greenpeace, Heinz Smital, warnte am Freitag vor weiteren Castor-Transporten nach Gorleben. Die für den Herbst geplante Lieferung aus Frankreich müsse angesichts der Situation dort in das grenznahe Zwischenlager am baden-württembergischen AKW Philippsburg gehen.