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Studie: Ein Viertel steigt vom Niedriglöhner zum Normalverdiener auf

Der Niedriglohnsektor bietet einer Studie zufolge Arbeitnehmern auch eine Aufstiegschance: Knapp ein Viertel der Geringverdiener wechsle jährlich in einen besser bezahlten Job, ergab eine am Dienstag vorgestellte Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Der Deutsche Gewerkschaftsbund hingegen kritisierte, der Niedriglohn-Sektor sei für Millionen Menschen eine „Armutsfalle“.

Berlin > Der Niedriglohnsektor bietet einer Studie zufolge Arbeitnehmern auch eine Aufstiegschance: Knapp ein Viertel der Geringverdiener wechsle jährlich in einen besser bezahlten Job, ergab eine am Dienstag vorgestellte Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Der Deutsche Gewerkschaftsbund hingegen kritisierte, der Niedriglohn-Sektor sei für Millionen Menschen eine „Armutsfalle“.

Laut der IW-Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) waren die meisten Menschen, die neu in den Niedriglohn-Sektor eintreten, im Jahr zuvor noch Normalverdiener: 42,6 Prozent der Niedriglöhner kommen laut Studie aus einem normalen Job. Knapp ein Drittel (28,9 Prozent) war zuvor arbeitslos gemeldet oder anderweitig nicht erwerbstätig. Dies zeige, dass Niedriglöhne „für viele Menschen vor allem eines“ seien – „Einstiegslöhne“, erklärte INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr.

Aus der Studie lässt sich allerdings nicht herauslesen, ob tatsächlich diejenigen in normale Arbeitsverhältnisse aufsteigen, die zuvor arbeitslos waren, wie Studienautor Holger Schäfer vom IW sagte. „Wir wissen nicht, ob es die Gleichen sind, die vorher arbeitslos waren.“ Die Interpretation der INSM sei daher „vielleicht ein bisschen zugespitzt, man kann sie aber durchaus ziehen“, sagte er der Nachrichtenagentur AFP – denn die Aufstiegschancen aus der Arbeitslosigkeit in den Niedriglohn-Sektor seien gut, und ebenso die Chancen eines Aufstiegs aus einem Niedriglohn-Job in ein normales Arbeitsverhältnis.

Die Studie zeigt allerdings auch, dass Menschen mit Arbeitsmarkt-Erfahrung deutlich höhere Chancen haben aufzusteigen als Menschen, die arbeitslos waren. Sehr hoch sind die Aufstiegschancen bei Menschen mit hohem Bildungsabschluss. Enthalten in den Zahlen sind auch beispielsweise Studenten, die während ihres Studiums als Niedriglöhner jobben – und nach Studienabschluss eine normale Stelle antreten. Laut DGB haben 70 Prozent der Niedriglohn-Verdiener eine abgeschlossene Berufsausbildung und sieben Prozent sogar einen Hochschulabschluss.

Pellengahr wandte sich als Konsequenz aus der Studie gegen die Einführung von Mindestlöhnen: „Mindestlöhne verhindern nicht nur den Einstieg in den Arbeitsmarkt, sondern auch den finanziellen wie sozialen Aufstieg“, erklärte der INSM-Geschäftsführer. Auch dies lässt sich allerdings nicht aus der Studie erkennen. Studienautor Schäfers betonte, es gebe eine Vielzahl von Faktoren, die sich auf Beschäftigung auswirkten – der Niedriglohn-Sektor „wird gebraucht und ist deshalb erhaltenswert“ sagte er mit Blick auf die Aufstiegschancen. Es gebe aber kein „Paralleluniversum“, in dem die Auswirkungen von Mindestlöhnen auf die Beschäftigung getestet werden könnten.

Der DGB kritisierte, die INSM habe sich „endgültig selbst als neoliberale PR-Abteilung der Arbeitgeberverbände diskreditiert“. Der Niedriglohn-Sektor sei in den vergangenen Jahren auf über 22 Prozent der Beschäftigten angewachsen, erklärte Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. 40 Prozent dieser Niedriglöhner hätten nur ein Einkommen unter der Armuts-Lohngrenze. 2,1 Millionen Menschen bekämen für ihre Arbeit pro Stunde weniger als sechs Euro. Zur Ausbreitung von Armutslöhnen hätten vor allem der fehlende gesetzliche Mindestlohn, Minijobs und Leiharbeit beigetragen. Selbst laut IW-Studie hätten 75 Prozent der Arbeitnehmer keine Chance, der Armutsfalle zu entkommen.