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“Eigentum verpflichtet“ – zur Gründung von Stiftungen?

Warum gründen Unternehmer oder Unternehmen Stiftungen? Wollen sie die Gesellschaft an ihrem Erfolg teilhaben lassen, ihr gesellschaftliches Umfeld mitgestalten oder in ihrem geschäftlichen Umfeld Verantwortung übernehmen Im deutschen Grundgesetz, Artikel 14, heißt es knapp und trocken: „Eigentum verpflichtet“. Wozu Eigentum, also Reichtum, verpflichtet, sagt das Gesetz allerdings nicht.

Von Sandra Goetz

Deswegen gibt es, wie meist in solchen Fällen, eine Menge kluger Abhandlungen zahlreicher kluger Experten dazu. Nur selten eine klare Antwort, möchte man auf den ersten Blick meinen. Ohne sich tief in der Historie zu verästeln, lässt sich kurz und bündig sagen, dass wir es hier mit einem kulturellen Erbe zu tun haben. Schon zu biblischen Zeiten ging mit dem Recht auf Besitz die grundsätzliche Verpflichtung einher, für die schwächeren Glieder der Gesellschaft zu sorgen. Oder in bestimmten Bereichen Menschen zu fördern, ohne eine direkte Gegenleistung zu verlangen. Wie es beispielsweise der Römer Gaius Cilnius Maecenas – daher das Wort Mäzen – tat, auf dessen Zuwendungsliste die Dichter Vergil, Propers und Horaz standen.

Eine soziale DNA namens Gemeinwohl

Aus der Überzeugung heraus, dass „Eigentum verpflichtet“ und das Gemeinwohl in der Bürgergesellschaft gefördert werden muss, hat der 2009 verstorbene Patriarch der Bertelsmann AG, Reinhard Mohn, die Bertelsmann Stiftung gegründet und dieser persönliche Aktienanteile übertragen. Das war 1977. „Die Unternehmen haben einen Leistungsbeitrag für die Gesellschaft zu erbringen“, sagt Birgit Riess, die den Stiftungsschwerpunkt Gesellschaftliche Verantwortung und Unternehmen leitet. Dabei agiert die Bertelsmann Stiftung „komplett unabhängig“ vom Mutterkonzern. Diplom-Ökonomin Riess: „Wir arbeiten an den Dingen, die uns Herr Mohn als Stifter und Visionär aufgegeben hat. Unsere Stiftung ist dabei nicht mit anderen, zum Beispiel Münchner Rück Stiftung, Allianz Stiftung oder auch Vodafone Stiftung, zu vergleichen. Sie alle repräsentieren einen Teil des gesellschaftlichen Engagements der Konzernmutter.“ Die Trennung mag in einigen Bereichen wichtig sein, in der Öffentlichkeit wird diese selten wahrgenommen. Das liegt auch daran, dass der Begriff Stiftung im Gesetz nicht definiert ist. „Er dient vielmehr als Bezeichnung für eine Mehrzahl von Rechtsformen, wie beispielsweise der rechtsfähigen Stiftung bürgerlichen Rechts, der Stiftungs-GmbH oder dem Stiftungsverein“, so der Bundesverband Deutscher Stiftungen. Das Schwergewicht Bertelsmann Stiftung mit über 300 Mitarbeitern und einem Stiftungskapital von 619 Millionen Euro gehört zu den Tonangebern. Und das auch, weil sie neben Manpower auf ein mediales Netzwerk aufbauen kann, das seines Gleichen sucht. All das bedeutet nicht, dass sich andere Unternehmungsstiftungen verstecken müssen oder im Schatten der Gütersloher stehen.

Erfolg und Resultate zählen

Die Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung mit Sitz im gemütlichen Basel ist Teil des Corporate Responsibility Portfolios des Pharma-Giganten Novartis AG. Die Stiftung hat Konsultativstatus beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen; das jährliche Budget beträgt zehn Millionen Schweizer Franken (rund neun Millionen Euro), die Stiftung hat sechs Mitarbeiter und engagiert sich aktuell in acht Hauptprojekten und Programmen im südlichen Afrika und auf dem indischen Subkontinent. Seit dreißig Jahren gibt es die Stiftung, seit 22 Jahren ist sie dabei: Karin M. Schmitt. Die Strategin in Sachen Stiftungsarbeit sagt klipp und klar, dass die Stiftungsunabhängigkeit zwar gesetzlich gegeben sei, es aber natürlich Abhängigkeiten gäbe, denn „wie unabhängig ist man von einem Stifter, der einem Geld gibt?“ Natürlich entscheidet das Team um den Geschäftsführer und Präsidenten der Stiftung, Klaus M. Leisinger, wo und wie sie sich engagieren wollen. Dennoch erfolgt die Budgetvergabe nicht „auf Knöpfchen“. Die Projekte müssen genauso vorgestellt werden wie die Projekte von Mitarbeitern der Novartis AG. Warum? „Wir sind weder das Spielbein noch das Feigenblatt des Unternehmens, sondern die Spitze der Pyramide“, umschreibt Schmitt poetisch. Das heißt, dass die Stiftungsmitarbeiter nach denselben Kriterien gemessen werden wie die Mitarbeiter vom Mutterschiff. „Wir sind an Erfolg und Resultate gebunden, haben sogar ein Incentive System“, sagt Karin Schmitt: Wenn die Ziele nicht erreicht werden, schlägt es sich auf das Jahresgehalt nieder. „Das ist aber noch nie passiert“, lacht die Badnerin. „Und unser Budget haben wir auch jedes Jahr bekommen.“

Zukunftsmelodie Zusammenarbeit

Von Basel geht es in die deutsche Hauptstadt. Hier, in der Berliner Friedrichstraße Nähe Unter den Linden, hat die Veolia Stiftung ihren Sitz. Beschäftigung, Umwelt und Solidarität sind die drei Förderschwerpunkte. Die Stiftung wurde 2001 gegründet. Gründungsmitglied der Stiftung ist Sylke Freudenthal, die den Sprung aus der Wirtschaft in die Gemeinnützigkeit gewagt hat. Bereut hat die studierte Betriebswirtin und Journalistin ihren Schritt bis heute nicht. „Man begegnet unentwegt motivierten und engagierten Menschen“, freut sich die gebürtige Berlinerin. Motivation und Engagement sind die zwei Seiten einer Medaille, ohne die es nicht geht. Sylke Freudenthal stemmt die Aufgabe der Stiftungsarbeit mit einer weiteren Projektmitarbeiterin. Die meisten der über 200 Projekte finden sich in Berlin, 150 Paten von Veolia Environnement Deutschland engagieren sich ehrenamtlich. Die Unternehmensstiftung ist Mitglied im Bundesverband Deutscher Stiftungen und im Berliner Stiftungsnetzwerk. Ehrenamtliche Netzwerktätigkeiten kommen für Freudenthal & Co. hinzu. Dass Unternehmensstiftungen „wichtige gesellschaftliche Akteure sind, ist unbenommen“, sagt Freudenthal. „Das größte Potenzial liegt allerdings noch in der Zukunft, nämlich eine viel stärkere Zusammenarbeit, sowohl was die Unternehmen an sich angeht, als auch was die Stiftungen betrifft. Bei der Ausbildungsfähigkeit von jungen Menschen gibt es bereits gute Beispiele der Zusammenarbeit. Das reicht aber nicht.“ Die Herausforderung ist, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Schwierig, wo doch jede Unternehmensstiftung mit einem bestimmten Auftrag startet, denn es geht nie um absichtsloses Spenden. Beispielsweise läuft Reinhard Mohns Vision auf eine „Bürgergesellschaft“ nach angelsächsischem Vorbild hinaus, die unter der Prämisse „So wenig Staat wie möglich“ steht. Eigentum verpflichtet, denn Teilen macht reich.