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Mit der wagemutigen Reise eines altersschwachen Kutters fing es an

42 Tage lang versucht die „Phyllis Cormack“, sich tapfer ihren Weg durch die Wellen des rauen Nordpazifik zu bahnen. Von den zwölf Umweltschützern an Bord des alterschwachen Fischkutters leiden elf unter Seekrankheit, nur der Kapitän bleibt verschont. Sein Ziel wird das Schiff nie erreichen, aber die wagemutige Fahrt, die am 15. September 1971 im Hafen des kanadischen Vancouver beginnt, ist die Geburtstunde von Greenpeace, der heute einflussreichsten Umweltschutzorganisation der Welt.

Von Sebastian Bronst

Hamburg > 42 Tage lang versucht die „Phyllis Cormack“, sich tapfer ihren Weg durch die Wellen des rauen Nordpazifik zu bahnen. Von den zwölf Umweltschützern an Bord des alterschwachen Fischkutters leiden elf unter Seekrankheit, nur der Kapitän bleibt verschont. Sein Ziel wird das Schiff nie erreichen, aber die wagemutige Fahrt, die am 15. September 1971 im Hafen des kanadischen Vancouver beginnt, wird zum Ausgangspunkt einer globalen Erfolgsgeschichte. Es ist die Geburtstunde von Greenpeace, der heute einflussreichsten Umweltschutzorganisation der Welt.

Einen US-Atombombentest auf der Insel Amchitka vor Alaska wollte die Crew der „Phyllis Cormack“ vor 40 Jahren verhindern. Stürme und die US-Küstenwache verhinderten die Ankunft, das Boot kehrte schließlich um. Aber die Männer einer regionalen Friedens- und Umweltaktivistengruppe, die ihren Kutter inoffiziell „Greenpeace“ (grüner Frieden) tauften, hatten dank der Medienarbeit der drei Journalisten unter ihnen bei der Fahrt für Aufsehen gesorgt. Es gab Proteste an Land, im Jahr darauf stoppte die US-Regierung die Atombombentests auf Amchitka.

Die Aktion machte Schule. 1972 stach der kanadische Ex-Bauunternehmer David McTaggart im Auftrag der Gruppe, die nun selbst den Namen Greenpeace trug, mit einer kleinen Segelyacht in Neuseeland in See, um gegen französische Atomwaffentests auf dem Moruroa-Atoll im Südpazifik zu protestieren. Diese Konfrontationen machten Greenpeace endgültig weltbekannt. In den folgenden Jahren nahm die schnell wachsende Organisation auch den Kampf gegen Walfänger auf. Kühne Störaktionen mit Schlauchbooten wurden zum neuen Markenzeichen. Heute ist Greenpeace nach eigenen Angaben in 40 Staaten präsent und kämpft mit der Unterstützung von 2,8 Millionen Spendern gegen Gentechnik ebenso wie gegen den globalen Klimawandel.

Inzwischen gilt vielfach auch als selbstverständlich, was die Aktivisten der ersten Stunden auf der „Phyllis Cormack“ 1971 als ihr Leitmotiv formulierten. „Wir betrachten uns nicht als Radikale“, sagte damals Ben Metcalfe, einer der drei Greenpeace-Medienprofis an Bord, in einem Radiointerview. „Wir sind Konservative, die darauf bestehen, die Umwelt für unsere Kinder und zukünftige Generationen zu bewahren.“ Damals aber nahmen sie einen neuen Zeitgeist vorweg, der sich später zu den großen Umwelt- und Friedensbewegungen verdichten sollte.

Zum Erfolg von Greenpeace trug vor allem bei, dass es der Organisation wie keiner anderen gelang, die Bevölkerungen mit perfekt inszenierten Aktionen und emotionalen Bildern gegen Regierungen und Konzerne zu mobilisieren. Bisweilen ließen sich die Angeprangerten zu grotesken Reaktionen hinreißen: Im Juni 1985 versenkte der französische Geheimdienst das Greenpeace-Schiff „Rainbow Warrior I“ im Hafen des neuseeländischen Auckland mit einer Bombe. Ein Aktivist starb.

Mit der Zeit änderte sich auch die Rolle von Greenpeace grundlegend. Aus den vehement bekämpften „Regenbogenkriegern“ wurden in vielen Ländern allmählich gefragte Fachleute. Die hochprofessionelle globale Organisation hat heute einen offiziellen Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen und ein Netz aus Experten, deren Wissen von Politik und Verwaltung ebenso nachgefragt wird wie von Journalisten.

Diese Entwicklung ist auch für die Mitstreiter der ersten Stunden der wohl deutlichste Beweis für den Erfolg von Greenpeace. So etwas sei damals vor 40 Jahren „bloße Utopie“ gewesen, sagt Gerhard Wallmeyer, der den deutschen Zweig der Organisation mitbegründete und deren Fundraising-Bereich leitet. Neben den erfolgreichen Kampagnen sei dieses gewandelte gesellschaftliche Bewusstsein der eigentliche Fortschritt, meint er: „Es herrscht heute ein anderes Denken, das ist genau so wichtig.“ Für Greenpeace gebe es aber weiterhin viel zu tun. Denn in vielen Ländern, in China etwa, stehe der Umweltschutz noch ganz am Anfang.