Nachrichten

Folter und Zwangsarbeit auf Thailands Fischerbooten

Als Hla Myint von Menschenhändlern auf ein Schiff an der thailändischen Küste gebracht wird, sieht er zum ersten Mal das Meer. Das aber entwickelt sich rasch zur Hölle: der Birmaner leistet auf einem Fischkutter eine wahre Sklavenarbeit, bei der er “jeden Tag, jede Stunde” Schläge einsteckt. Myints Schicksal ist eines von vielen Arbeitern einer millionenschweren Industrie, die Restaurants und Supermärkte weltweit mit Fisch und Meeresfrüchten versorgt.

Von Kelly Macnamara

Rayong > Als Hla Myint von Menschenhändlern auf ein Schiff an der thailändischen Küste gebracht wird, sieht er zum ersten Mal das Meer. Das aber entwickelt sich rasch zu seiner persönlichen Hölle: Sieben Monate lang muss der Birmaner auf einem Fischkutter arbeiten, eine wahre Sklavenarbeit, bei der er “jeden Tag, jede Stunde” Schläge einsteckt. Myints Schicksal ist nur eines von vielen Arbeitern in einer millionenschweren Industrie, die Restaurants und Supermärkte weltweit mit Fisch und Meeresfrüchten versorgt. Menschenrechtsorganisationen zufolge funktioniert diese nur mit Hilfe von tausenden modernen Sklaven aus Birma und Kambodscha, die teils unter Todesdrohungen unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten.

Als einer von Myints Mannschaftskollegen zu flüchten versucht, prügelt ihn der Kapitän unter den Augen der anderen halbtot. “Dann brachten sie ihn nach hinten, ließen ihn auf die Bordkante steigen und schossen ihm in den Kopf”, erzählt Myint, dessen Namen AFP sicherheitshalber geändert hat. “Mein Herz raste, als ich das sah.” Auch er entschließt sich zur Flucht und stürzt sich in die unruhige See. Fünf Stunden hängt er an einer Rettungsboje, bevor er den Strand erreicht.

Nun arbeitet er für eine örtliche Hilfsorganisation, die Fluchtwilligen hilft. Zuletzt rettete er vier junge Birmaner aus einem Gebüsch nahe der Küstenstadt Rayong. Sie waren wenige Stunden zuvor aus einem verschlossenen Raum ausgebrochen. “Sie drohten uns, dass eine Kugel nur 25 Baht (60 Cent) kostet, falls wir versuchten, wegzulaufen”, erzählt der 20-jährige Myo Oo; auch sein Name wurde geändert.

Mana Sripitak vom thailändischen Fischereiverband hält diese Erzählungen für frei erfunden: Zwangsarbeit an Bord der Kutter sei “unmöglich”, Immigranten seien grundsätzlich “gute und willige Arbeiter”. Den Behörden dagegen sind die Zustände bekannt. “Wir können nicht überprüfen, was auf den Booten geschieht, wenn sie auf See sind”, gibt Sirirat Ayuwathana vom Ministerium für soziale Entwicklung unumwunden zu. “Vielleicht werden die Arbeiter gefoltert oder gefangen gehalten. Die Kapitäne haben die absolute Macht an Bord.” Immerhin sollen bald alle Fischerboote samt Besatzung registriert werden. Die Vereinten Nationen fordern weitergehende Maßnahmen. Sie warnen vor einer Zunahme der Zwangsarbeit.

Die Arbeitsbedingungen an Bord sind unmenschlich. Nach einem Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM) schuften die Männer an sieben Tagen in der Woche bis zu 20 Stunden pro Tag, neben dem Einbringen der Netze bleibt oft nicht einmal Zeit zum Essen. Manche Boote nutzen “Mutterschiffe” zur Versorgung mit neuen Crews und Treibstoff, auf diese Weise vermeiden sie eine Rückkehr an Land. Manche Männer sitzen Monate oder sogar Jahre auf See fest.

In einer UN-Studie aus dem Jahr 2009 berichtet mehr als die Hälfte der kambodschanischen Einwanderer, deren Zwangsarbeit auf thailändischen Schiffen aufgeflogen war, wie Kapitäne Leidensgenossen einfach töteten. Laut Phil Robertson von Human Rights Watch zählt die Küstenwache an einem bestimmten Strandabschnitt bis zu zehn Leichen im Monat.

Der thailändischen Fischindustrie geht es wirtschaftlich gut. Allein im vergangenen Jahr holten thailändische Boote Fisch im Wert von umgerechnet 413 Millionen Euro aus dem Meer. Zu den Hauptabnehmern gehören China, die Europäische Union, Japan und die USA. Offiziell arbeiten 35.000 Immigranten auf den Kuttern. Robertson schätzt, dass in den vergangenen zehn Jahren tausende weitere als illegale Zwangsarbeiter schufteten. Er spricht von einem “rechtsfreien Raum ohne Moral”.

“Ohne diese Leute wird der Fisch nicht gefangen, werden die Produkte nicht produziert”, erklärt die Migrationsexpertin Andy Hall aus Bangkok. “Sie sind die Verlierer in der Globalisierungsmaschinerie, es ist furchtbar.” Myo Oo bangt derweil um das Leben seines jüngeren Bruders, den er in Rayong aus den Augen verlor. Dass der 16-Jährige die Flucht von einem Fischerboot schafft, bezweifelt er.