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Sehnsucht nach Ehrlichkeit

Die Deutschen wünschen sich mehr Moral im Alltag, und meinen damit mehrheitlich Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Rücksichtnahme. Darüber reden wollen sie nur sehr ungerne. Dies sind die Ergebnisse einer bundesweiten „Trendstudie zur Moral“ vom Deutschen Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung (RAL). Politik, Wirtschaft und Kirche verlieren Glaubwürdigkeit.

St.Augustin/Berlin >  Die Deutschen wünschen sich mehr Moral im Alltag, und meinen damit mehrheitlich Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und Rücksichtnahme. Darüber reden wollen sie nur sehr ungerne. Dies sind die Ergebnisse einer bundesweiten „Trendstudie zur Moral“ vom Deutschen Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung (RAL). Politik, Wirtschaft und Kirche verlieren Glaubwürdigkeit.

„Wenn ich gewusst hätte, dass wir heute über Moral sprechen, wäre ich nicht gekommen“, so die Reaktion eines Verbrauchers bei der Durchführung der Studie. Nicht viel anders die Reaktionen aus der Wirtschaft: „Das ist ein zu persönliches und heikles Thema. Deshalb müssen wir ein Interview leider ablehnen“. Obwohl sich weite Teile der Bevölkerung nach mehr gelebter Moral sehnen, ist die Bereitschaft darüber zu reden mehr als zurückhaltend. Warum wollen Verbraucher und Unternehmer nicht über Moral sprechen? Ein Grund könnte das heute vorherrschende Moralverständnis sein. Es herrscht ein Anspruch der Vollkommenheit, „eine leistungsorientierte Perfektionierung der zehn Gebote“, so die Autoren, ein Anspruch an dem Menschen nur scheitern können und das auch spüren. Der Wertekanon in Deutschland trennt klar in ‚Gut’ und ‚Böse’, eine kaum zu lebende Einfachheit. Dabei sind die mit Moral verbundenen Werte durchaus umsetzbar. Für 86 Prozent der Bevölkerung steht Ehrlichkeit an erster Stelle, gefolgt von Verlässlichkeit (84 Prozent) und Rücksichtnahme (82 Prozent). Tatsächlich scheinen sich die Menschen nach einer Instanz zu sehnen, die klare moralische Regeln vorgibt und auch ahndet. Den bestehenden Instanzen wird nur noch sehr wenig Vertrauen entgegengebracht. Nur sechs Prozent glauben, dass Moral von der Politik oder der Wirtschaft vermittelt wird und gerade mal elf Prozent glauben dies von der Kirche. Taugen soziale Netzwerke oder Markenhersteller als neue Instanz? Immerhin sieben Prozent stimmen dem zu, die Mehrheit lehnt diesen Gedanken allerdings ab.

Als letzte Autorität machen die Autoren der Studie das Geld aus. Fast alle streben danach doch für ebenso viele hat das Streben nach Geld einen Beigeschmack. Das Dilemma unserer Kultur ist also ein möglichst verantwortungsvolles Leben bei gleichzeitiger ökonomischer Optimierung. Aber Moral ist auch eine flüchtige Erscheinung, sie ändert sich im Laufe der Jahrzehnte und ist anfällig für aktuelle Entwicklungen. Beispielsweise sind die Schuldigen der Finanzkrise schnell gefunden, die Wirtschaft im Allgemeinen und die Banker im Speziellen. Wirtschaft, Unternehmen und Manager haben demnach ihre Rolle als moralische Instanz verspielt. Stattdessen droht Moral zu einem Stückwerk aus Gesetzen und Vorschriften zu werden, so ein Fazit der Autoren, für die Mehrheit viel zu abstrakt und sinnlos. Sie wollen Moral konkret und erlebbar im Alltag spüren. Immerhin 42 Prozent glauben, dass Moral vor allem von Ihnen selbst erwartet wird. „Wenn die Menschen die Moral selber in die Hand nehmen, fällt es ihnen vor allen dann leicht, moralisch zu handeln, wenn sie ein unmittelbares Ergebnis sehen, das ihnen ein gutes Gefühl verschafft oder auch Anerkennung bringt. Dann macht Moral auch Spaß“, so Ines Imdahl, Geschäftsführerin des Rheingold Instituts, die mit der Durchführung der Studie beauftragt waren.

Welche Konsequenzen lassen sich daraus für Unternehmen ziehen? „Moral wird nicht diskutiert, sondern von der Unternehmensphilosophie vorgeschrieben“, äußerte sich ein Unternehmer in der Studie. Das Gegenteil scheint richtig. Unternehmen können sich dann als glaubwürdige moralische Instanz etablieren, wenn sie ehrlich kommunizieren und nicht von oben herab Bestimmungen und Forderungen diktieren. Immerhin 80 Prozent halten ein Unternehmen für moralisch handelnd, wenn es Anerkennung und Wertschätzung auch im Kleinen lebt, für 73 Prozent ist zudem der langfristige und konsequente Einsatz für eine Sache erstrebenswert. Die Idealvorstellung der Deutschen ist, ein Geschäft wieder mit gutem Gewissen per Handschlag besiegeln zu können.

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