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Betriebliche Weiterbildung: Es fehlt die Zeit

Mehr als 27 Milliarden Euro geben deutsche Unternehmen jährlich für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter aus. Dennoch kommt die interne Qualifizierung in vielen Betrieben zu kurz. Als Ursache wird meist Zeitmangel genannt. Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) haben Beispiele gefunden, wie sich das Zeitdilemma lösen lässt.

Berlin >  Mehr als 27 Milliarden Euro geben deutsche Unternehmen jährlich für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter aus. Dennoch kommt die interne Qualifizierung in vielen Betrieben zu kurz. Als Ursache wird meist Zeitmangel genannt. Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) haben Beispiele gefunden, wie sich das Zeitdilemma lösen lässt.

Bedeutung, Anspruch und Wirklichkeit stehen in der betrieblichen Weiterbildung in einem krassen Missverhältnis. Auf der einen Seite müssen Betriebe in die Qualifikation ihrer Mitarbeiter investieren, vor allem vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels, auf der anderen Seite belegen Zahlen des Instituts für Arbeits- und Berufsforschung (IAB) dass weniger als die Hälfte der Unternehmen betriebliche Weiterbildungsmaßnahmen unterstützen. Nur ein Viertel der Beschäftigten nutzt entsprechende Angebote, wobei bestimmte Gruppen wie beispielsweise gering Qualifizierte diese besonders selten wahrnehmen. Welche Barrieren den Zugang zur Weiterbildung verhindern und wie diese überwunden werden können, haben Wissenschaftler des WZB in einem aktuellen Forschungsprojekt untersucht. Die kurzfristige Kosten-Nutzen Denkweise in der Betriebswirtschaft sehen die Forscher als ein wesentliches Grundproblem, direkt anfallenden Kosten stehen möglicherweise Erträge erst in der Zukunft gegenüber. Dem steht die Praxis in den Unternehmen entgegen. Viele Betriebe reduzieren die Personalentwicklung auf die erste Hälfte der Erwerbsbiografien, zudem stehen gering Qualifizierte oft gar nicht im Fokus der Personalarbeit. Als weiteres Problemfeld machen die Forscher den Zeitmangel aus. Für die Beschäftigten wird die Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben immer komplizierter, für die Unternehmen sind Freistellungen aufgrund hoher Auslastungen und flexibler Arbeitszeitmodelle häufig nicht möglich. Außerdem werden Arbeitszeitgestaltung und betriebliche Weiterbildung in der Praxis häufig unabhängig voneinander gestaltet.

Dennoch gibt es Unternehmen, die den Spagat schaffen und die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter vorantreiben. Die Forscher haben sich dazu zehn Unternehmen ausgesucht, die durch eine vorausschauende Personalpolitik die genannten Barrieren überwinden. Der Schlüssel liegt in der Arbeitszeitgestaltung und der entsprechenden Bereitstellung von Zeitkontingenten. Die Forscher unterscheiden hier in direkte und indirekte Zeitfenster, also explizit für die Weiterbildung bereitgestellte Arbeitszeiten oder durch flexible Anpassungen der Arbeitszeiten ermöglichte Spielräume zur Weiterbildung. Auffällig war in den „Musterbetrieben“, dass die Personalpolitik gering Qualifizierte, Angestellte mit Migrationshintergrund oder besonders belastete Mitarbeiter, ausdrücklich einbezog oder sogar explizit förderte. Dabei konzentrierte sich die Förderung nicht nur auf die innerbetriebliche Weiterbildung, sondern ermöglicht vor allem auch die weitergehende berufliche Qualifizierung, sei es durch Freistellungen oder sogar finanzielle Unterstützung. Zudem nutzen manche Betriebe Phasen von geringerer Auslastung gezielt zur Mitarbeiterschulung. Der individuelle Bedarf nach Weiterbildung wird in fast allen untersuchten Betrieben in persönlichen Gesprächen mit den Mitarbeitern jährlich erörtert und dabei auch versucht auf persönliche Zeitprobleme einzugehen.

Die Möglichkeiten dies zu erreichen sind sehr unterschiedlich und abhängig von den betrieblichen Besonderheiten. Die Forscher haben drei Handlungsansätze erarbeitet: 1. Teilzeitoptionen, auch in Schichtbetrieben, 2. Langfristig ausgerichtete Arbeitszeitkonten und 3. Sabbatical und variierende Schichtlagen. Dabei heben die Forscher hervor, dass es keinen „One Best Way“ gibt, sich in der betrieblichen Praxis vielmehr Kombinationen dieser Ansätze durchsetzten. Auch wenn die untersuchten Beispiele zeigen, dass die Hürden bei der betrieblichen Weiterbildung überwunden werden können, so machen die Forscher deutlich, dass es sich um Ausnahmebetriebe handelt und die betriebliche Praxis meist anders aussieht.

Weitere Informationen gibt es beim WZB, eine Zusammenfassung der aktuellen Forschungsergebnisse wird auf den Seiten des WSI zum Download angeboten.

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