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BSCI in Bangladesch: Die Lage bleibt angespannt (Teil 1)

Bangladesch gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und erlebte dennoch in den letzten Jahren einen Aufstieg. Verantwortlich dafür ist vor allem die Bekleidungsindustrie. Kommt der Aufschwung auch bei der Bevölkerung an? Wie ist die Situation in den Textilfabriken, die hauptsächlich für den europäischen Markt produzieren. Im Gespräch mit CSR NEWS gibt Christian von Mitzlaff, Repräsentant des BSCI in Bangladesch, Einblicke in die Arbeit vor Ort.

Köln > Bangladesch gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und erlebte dennoch in den letzten Jahren einen Aufstieg. Verantwortlich dafür ist vor allem die Bekleidungsindustrie. Kommt der Aufschwung auch bei der Bevölkerung an? Wie ist die Situation in den Textilfabriken, die hauptsächlich für den europäischen Markt produzieren. Im Gespräch mit CSR NEWS gibt Christian von Mitzlaff, Repräsentant des BSCI in Bangladesch, Einblicke in die Arbeit vor Ort.

Gut ein Jahr ist es her, als in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, die Demonstrationen der Arbeiterinnen für einen Mindestlohn von der Regierung gewaltsam beendet wurden. Der Preis für einen gerechten Lohn war hoch, duzende Tote und hunderte Verletzte. Am Ende wurden 3.000 Taka im Monat (rund 30 EUR) festgelegt, zwar eine Verdoppelung des vorherigen Lohnniveaus, aber 2.000 Takas unter den Forderungen der Arbeiterinnen. Geändert hat es wenig, die Lebenshaltungskosten sind spürbar gestiegen und zerren die Erhöhung größtenteils auf, auf der anderen Seite laufen die Geschäfte ohne Einschnitte auf hohem Niveau weiter. Inzwischen rückte Bangladesch ins Zentrum der Politik, nicht nur bilateral: Am Beispiel Deutschlands lässt sich dies gut beobachten, wie von Mitzlaff betont. Den Anfang machte im Juni Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel, danach reisten im Abstand mehrerer Wochen zunächst die Außenministerin Dipu Moni, der Handelsminister Faruk Khan und vor wenigen Wochen die Premierministerin Sheik Hasina nach Deutschland. Im November wird Bundespräsident Christian Wulff Bangladesch besuchen. Von Mitzlaff: „Der intensive Austausch hochrangiger Staatsvertreter in den vergangenen Monaten mag auf den ersten Blick überraschen, lässt sich aber gut verstehen, wenn man den enormen Handelsanstieg sieht und den Stellenwert, den Bangladesch in letzter Zeit eingenommen hat, vor allem in der Bekleidungsindustrie. Das ist allerdings nur bedingt eine Errungenschaft von Bangladesch selbst. Vielmehr sind es die veränderten Rahmenbedingungen.“ Bangladesch profitiert von den deutlich gestiegenen Produktionskosten in China und Indien. Insbesondere China ist seit Einführung der Sozialgesetzgebung deutlich teurer geworden, die Produktionskosten liegen gegenüber Bangladesch dreimal so hoch, in Indien machen sie immer noch das Doppelte aus. „Der unschlagbare Wettbewerbsvorteil für Bangladesch ist das Billiglohnniveau“, so von Mitzlaff. „Damit haben sie ein Alleinstellungsmerkmal, das ihnen auf absehbare Zeit niemand abnehmen kann. Der Globus ist voll. Es gibt im Moment kein Land, in das die Industrie als nächstes wandern könnte. Das macht Bangladesch so begehrenswert. Jeder der noch nicht da ist, versucht im Moment dort unterzukommen“.

Eine durchaus komfortable Situation für das Land; die Einkäufer stehen Schlange, um ihre Order platzieren zu können, es fehlen Fabrikkapazitäten und Arbeiterinnen. In einer jüngst veröffentlichten McKinsey-Studie erwarten die Berater eine Verdoppelung des Bedarfs an Fabrikarbeiterinnen für die nächsten 6 bis 8 Jahre. „Durch das stark steigende Interesse an Bangladesch verändert sich auch die Zusammenarbeit zwischen Fabrikanten und den Einkäufern der westlichen Handelsunternehmen“, sagt von Mitzlaff. „Nicht mehr jede Order ist willkommen, inzwischen können auch die Fabrikanten Forderungen stellen“. Gerne gesehen sind jedoch nach wie vor die großen Handelsketten, die oft komplette Fabrikkapazitäten über das gesamte Jahr buchen. Da kann es den Einkäufern mit kleinen Aufträgen, die es gewohnt sind, von Fabrik zu Fabrik zu wechseln – immer auf der Suche nach dem günstigsten Preis -, passieren aus der Produktionsplanung geworfen zu werden. In den Betrieben sitzen mittlerweile Manager mit betriebswirtschaftlicher Ausbildung, die neben Qualitätsansprüchen den Umgang mit Mitarbeitern von ihren westlichen Einkäufern gelernt haben. So entstehen teilweise langjährige Geschäftsbeziehungen, die insbesondere Einkäufer von Qualitätsmarken sehr schätzen. Dennoch gibt es immer noch haufenweise Probleme. Die McKinsey-Berater sehen vor allem den schleppenden Ausbau der Infrastruktur und die unstabilen politischen und sozialen Verhältnisse als größte Hemmnisse beim weiteren Aufstieg des Landes. „Die Industrie ist in den 80er und 90er Jahren schrittweise entstanden, zum großen Teil mitten in den Städten, die kaum noch von Lkws erreicht werden können. Mittlerweile werden neue Fabriken an den Rändern gebaut“, so von Mitzlaff. Größere Probleme scheinen da schon die sozialen Verhältnisse zu bereiten. „Es gibt in Bangladesch keinen gesellschaftlichen Konsens, um Konflikte zu lösen. Proteste entladen sich deshalb immer wieder auf der Straße. Das liegt unter anderem auch an fehlenden Ansprechpartnern. Es gibt auf Seiten der Arbeiterinnen keine Verantwortlichen für Verhandlungen. Gewerkschaften ducken sich weg, Betriebsräte gibt es nicht“, sagt von Mitzlaff. „An dieser Stelle wird die Arbeit des BSCI von zentraler Bedeutung“.

Hier geht es zum zweiten Teil des Artikels.

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