Nachrichten

Pläne für neue Erdölsuche im Wattenmeer bringen Naturschützer in Rage

Seit 1987 fließt Öl im schleswig-holsteinischen Nationalpark Wattenmeer. Mehr als 25 Millionen Liter des schwarzen Goldes haben die Unternehmen RWE Dea und Wintershall dort mitten im Naturschutzgebiet aus Deutschlands mit Abstand größtem Ölfeld namens Mittelplate gepumpt – sehr zum Ärger von Umweltschützern. Neue Pläne des Konsortiums bringen diese erst recht auf die Palme.

Von Sebastian Bronst

Hamburg > Seit 1987 fließt Öl im schleswig-holsteinischen Nationalpark Wattenmeer. Mehr als 25 Millionen Liter des schwarzen Goldes haben die Unternehmen RWE Dea und Wintershall dort mitten im Naturschutzgebiet aus Deutschlands mit Abstand größtem Ölfeld namens Mittelplate gepumpt – sehr zum Ärger von Umweltschützern. Neue Pläne des Konsortiums bringen diese erst recht auf die Palme: Nahe der Förderplattform Mittelplate vor der Nordseeküste bei Friedrichskoog vermuten Geologen weitere Erdölvorkommen, die die bekannten deutschen Reserven stark vergrößern und zur Ausweitung der Förderung führen könnten. Anträge für vier Erkundungsbohrungen reichten die Firmen bereits ein.

Zusätzliche 23 Millionen Kubikmeter Öl befänden sich nach Experten-Vermutung nahe der bereits bekannten Mittelplate-Vorkommen in vergleichbaren geologischen Formationen im Boden, sagt Derek Mösche, Sprecher von RWE Dea, der Tochter des Energiekonzerns RWE, die die Betriebsführung bei der Ausbeutung der Vorkommen innehat. Das entspräche einer förderbaren Menge von 20 Millionen Tonnen, die zu jenen 25 Millionen Tonnen dazukommen könnte, die das alte Feld voraussichtlich noch hergibt. Falls die Probebohrungen diese Erwartung bestätigen, würden sich die deutschen Ölreserven von knapp 36 Millionen Tonnen damit auf einen Schlag um Zweidrittel vergrößern. „Also signifikant“, erklärt Mösche. Wenngleich dies gemessen am Inlandsverbrauch natürlich „eher marginal“ bleibe, wie er ergänzt.

20 Millionen Tonnen Öl entsprechen laut Bundeswirtschaftsministerium in etwa einem Fünftel des deutschen Verbrauchs von Mineralölprodukten im Jahr 2010 und etwa der Menge, die die Bundesbürger im vergangenen Jahr an Ottokraftstoffen wie Benzin kauften. An der Notwendigkeit von Einfuhren würden neue Funde im Watt nicht viel ändern. RWE Dea verweist dennoch auf die Vorteile. „Jeder Tonne heimischen Öls, die wir fördern, hilft, die Importabhängigkeit zu reduzieren“, sagt Mösche.

Zudem hängen seinen Angaben zufolge schon 1000 Jobs in Schleswig-Holstein an der Ölförderung. Das Konsortium zahle darüber hinaus allein in diesem Jahr rund 100 Millionen Euro an Förderabgaben an die schleswig-holsteinische Landeskasse, erläutert der Sprecher. Es gebe einen „enormen volkswirtschaftlichen Nutzen“.

Für Ölförderungs-Kritiker wie Hans-Ulrich Rösner, Leiter des Wattenmeerbüros der Umweltschutzorganisation WWF, ist das allerdings nur eine Schutzbehauptung. Das Projekt mache für RWE Dea aus betriebswirtschaftlicher Sicht sicherlich Sinn, sagt er. „Aus volkswirtschaftlicher Sicht gilt das schon nicht mehr.“

Wann RWE Dea mit den Bohrungen, von denen drei auf schleswig-holsteinischem und eine auf niedersächsischem Gebiet liegen sollen, beginnen könnte, ist noch unklar. Bis über die vor einigen Tagen eingereichten Genehmigungen entschieden sei, werde es in Schleswig-Holstein dauern, sagt Christian Seyfert, Sprecher des Kieler Umweltministeriums. „Das wird mehrere Monate in Anspruch nehmen.“ Mit den Unternehmen sei zudem bereits geklärt, dass der Bau neuer Förderanlagen im Watt auf keinen Fall in Frage komme. Auch Firmensprecher Mösche betont, dass zusätzliches Öl, so es denn gefunden würde, nur über die Plattform Mittelplate oder wie bisher auch von Land aus über Schrägbohrungen abgepumpt werden solle.

Die Projektgegner beruhigt auch das allerdings nicht. Sie verweisen auf die Gefahr von Unfällen – und auf grundsätzliche Erwägungen. Am Ende gehe es doch auch um die Frage, ob es eine Gesellschaft nötig habe, Industrieanlagen in ein Naturschutzgebiet von Weltrang zu stellen, meint Rösner. Gerader in Zeiten, in denen es angesichts des Klimawandels längst angezeigt wäre, auf alternative Energien umzuschwenken statt neues Öl zu fördern, erübrige sich dies. „Wir brauchen das Öl aus dem Nationalpark Wattenmeer nicht“, betont der WWF-Experte.