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BSCI in Bangladesch: Die Lage bleibt angespannt (Teil 2)

Bangladesch gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und erlebte dennoch in den letzten Jahren einen Aufstieg. Verantwortlich dafür ist vor allem die Bekleidungsindustrie. Kommt der Aufschwung auch bei der Bevölkerung an? Wie ist die Situation in den Textilfabriken, die hauptsächlich für den europäischen Markt produzieren. Im Gespräch mit CSR NEWS gibt Christian von Mitzlaff, Repräsentant des BSCI in Bangladesch, Einblicke in die Arbeit vor Ort.

Köln > Bangladesch gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und erlebte dennoch in den letzten Jahren einen Aufstieg. Verantwortlich dafür ist vor allem die Bekleidungsindustrie. Kommt der Aufschwung auch bei der Bevölkerung an? Wie ist die Situation in den Textilfabriken, die hauptsächlich für den europäischen Markt produzieren. Im Gespräch mit CSR NEWS gibt Christian von Mitzlaff, Repräsentant des BSCI in Bangladesch, Einblicke in die Arbeit vor Ort.

Hier geht es zum ersten Teil des Artikels.

Der BSCI ist eine Initiative des europäischen Handels und wurde 2003 unter dem Dach der Foreign Trade Association (FTA) gegründet. Ihre Mitglieder verpflichten sich unter anderem zur Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen bei ihren Zulieferern. In Bangladesch ist Christian von Mitzlaff seit Anfang 2011 ihr Repräsentant, er kennt das Land seit mehr als 15 Jahren, hat zehn Jahre dort gelebt und beispielsweise für die ILO ein Projekt gegen Kinderarbeit geleitet. Im Moment pendelt er regelmäßig zwischen Berlin und Dhaka, organisiert Veranstaltungen und hält die Kommunikation mit Verbänden, Gewerkschaften, NGOs und politischen Vertretern aufrecht, der momentan wichtigste Bereich seiner Arbeit wie er betont. Die Arbeit des BSCI vor Ort fußt auf drei Säulen, dem Auditing in den Produktionsbetrieben, der Durchführung von Schulungen und dem Aufbau des Dialogs mit allen Beteiligten. „Der ganze Bereich Auditing und Schulung funktioniert inzwischen recht gut, in stabilen Strukturen und mit einer Vielzahl involvierter Mitarbeiter“, so von Mitzlaff. Denen geht die Arbeit allerdings nicht aus. „Allein im Bekleidungssektor gibt es mehr als 4000 Betriebe und jeden Tag kommen 3-4 Neue hinzu“, berichtet von Mitzlaff. „Es gibt quasi keine Gewerbeaufsicht, die für diese Überprüfungen zuständige Abteilung des Arbeitsministeriums ist mit der Vielzahl an Produktionsstätten vollständig überfordert“. So kommt es trotz aller Audits, in denen auch die Sicherheit in den Fabriken überprüft wird, immer wieder zu schweren, teils spektakulären, Unfällen mit vielen Verletzten und Toten. Neue Fabriken werden zwar zunehmend nach modernen Standards gebaut, gearbeitet wird aber auch noch in den verschachtelten Betrieben mitten in den Städten. „Mehr als 20.000 Beschäftigte arbeiten in manchen dieser Betriebe“, so von Mitzlaff.

In der Bekleidungsindustrie sind hauptsächlich Frauen beschäftigt, mehr als vier Millionen insgesamt. Sie kommen oft aus den Dörfern in die Stadt und ernähren mit ihrem Einkommen durchschnittlich sechs weitere Personen. Rund die Hälfte ihres kargen Lohns schicken sie in die Dörfer, den Rest brauchen sie selbst für Nahrung, Kleidung und die Miete ihrer Unterkünfte. Die Bekleidungsindustrie bringt, zwar auf einem bescheidenen Niveau, trotz aller Probleme Wohlstand nach Bangladesch. „Rund drei Viertel aller Deviseneinnahmen stammen aus diesem Bereich“, so von Mitzlaff. „Für den Staat ist sie eine ganz entscheidende Einnahmequelle von Steuergeldern, trotz extrem unterentwickelter Steuermoral“. Zudem ist Bangladesch inzwischen zu einem der weltweit bedeutendsten Exporteure in der Bekleidungsindustrie aufgestiegen. So ist die aus deutscher Sicht eher unterentwickelte Bekleidungsindustrie eben auch eine Erfolgsstory; von Mitzlaff: „Es gibt schon auch einen Trickle-down-Effekt, selbst wenn dieser Wohlstand noch sehr ungleich verteilt ist“. In der Bekleidungsindustrie haben die Frauen, meist ungelernt und zu einem Teil auch Analphabeten, die Chance auf einen regulären Arbeitsplatz mit festem Einkommen. „Kein anderer Industriezweig in Bangladesch bietet diese Möglichkeit“, so von Mitzlaff, die Arbeitsplätze sind deshalb in den Dörfern auch sehr angesehen und begehrt. Allein die Tatsache, dass die Frauen ein eigenes Bankkonto haben und damit erstmals am formalen Leben teilnehmen, ist schon etwas Besonderes. Es gab in der Vergangenheit auch prominente Beispiele von Aufsteigern, ehemalige Fabrikarbeiter, die heute ihren eigenen Betrieb haben. In der Breite ist von einem möglichen Aufstieg aber noch nicht viel zu sehen. Bangladesch ist ein pluralistisches Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung. Dass jetzt so viele Frauen ein relativ vernünftiges Einkommen haben, kann man als soziale Revolution bezeichnen“, beschreibt von Mitzlaff die Situation, „Bangladesch braucht mehr Industrialisierung, die Bekleidungsindustrie ist daher für das Land von zentraler Bedeutung“.

Allerdings gibt es auf diesem Weg noch viel zu tun. „Sehr wichtig ist uns beispielsweise die Einführung einer Sozialversicherung, die gibt es bislang nämlich nicht in Bangladesch“, so von Mitzlaff zu den weiteren Zielen des BSCI. Dies war im August dieses Jahres auch Thema eines „Runden Tisches“, wie er vom BSCI regelmäßig durchgeführt wird. In dieser Form versucht von Mitzlaff Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Einkäufer aus den Mitgliedsunternehmen, Wissenschaft und Politik mit ihren teilweise stark unterschiedlichen Positionen an einen Tisch zu bringen. Mit Erfolg, wie er sagt: „In diesem Forum werden die oft starren Positionen aufgeweicht und es entsteht ein zaghaftes gegenseitiges Verständnis, eine Kultur der Dialogbereitschaft“. So konnte in diesem Rahmen die notwendige Einführung von Betriebsräten vorangetrieben werden. „Im Sinne eines demokratischen Prozesses“, so von Mitzlaff, „mit frei gewählten Vertretern, die auf Augenhöhe mit dem Management verhandeln können – eine kleine Revolution“. Bislang findet Dialog zwischen Management und Arbeiterinnen praktisch nicht statt. Es gibt keine Tarifautonomie, nicht mal eine Kultur des Verhandelns über Löhne. Weitere Themen wie beispielsweise der Umgang mit Überstunden stehen auf der Agenda. Durch den zu niedrigen Mindestlohn sind die Arbeiterinnen daran interessiert, möglichst viele Überstunden zu leisten. „Diese für die Unternehmer zwar komfortable Situation muss dringend gelöst werden“, so von Mitzlaff, „zumal der internationale Druck steigt“. Für die Zukunft hält von Mitzlaff aber nicht nur die monetäre Situation der Beschäftigten für verbesserungswürdig. „Einkommen sollte existenzsichernd sein, dazu gehört unbedingt auch die soziale Absicherung“, erläutert von Mitzlaff, „bislang gibt es nur eine Gruppen-Invaliditätsversicherung des Unternehmerverbands“. Im Arbeitsministerium wird derzeit an einer entsprechenden Gesetzesvorlage gearbeitet, die noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden soll. Dafür sucht das Ministerium nicht nur den politischen Konsens, sondern wirbt auch beispielsweise beim BSCI und seinen Mitgliedern um Unterstützung.

Insgesamt hat der BSCI noch einen weiten und mühsamen Weg vor sich. Deshalb wünscht sich von Mitzlaff auch einen stärkeren Dialog mit den CEOs der Mitgliedsunternehmen, um Projekte auch auf höchster Ebene voranzutreiben. Schließlich verändert sich auch der Markt in Bangladesch, die Preise werden steigen und durch die enorme Nachfrage werden Probleme sichtbarer, ist sich von Mitzlaff sicher. Schon jetzt zeigen sich auch bei den Einkäufern große Unterschiede. „Die großen Marken haben aus ihren Skandalen gelernt und gehen keine Risiken mehr ein“, erläutert von Mitzlaff, „die wollen jeden Betrieb der Lieferkette genau kennen“. Den Vorwurf, Betriebe würden für die Audits extra auf Vordermann gebracht entkräftet von Mitzlaff: „Sicher können sie einen Betrieb durchfegen und die Mitarbeiter zum lächeln animieren, die großen Probleme können sie nicht verdecken, die sehen wir. Zudem gibt es auf Wunsch der Mitglieder die Möglichkeit der nicht angemeldeten Audits, diese nehmen in letzter Zeit deutlich zu“. Dem deutschen Verbraucher gibt von Mitzlaff mit auf den Weg, seinen Händler konkret nach der Herkunft seiner Ware zu fragen: „Auch wenn es nicht immer zu befriedigenden Ergebnissen kommt, so hat der Verbraucher inzwischen viele Möglichkeiten sich zu informieren. Insbesondere bei solchen Unternehmen die eine ernsthafte CSR-Strategie verfolgen.

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