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BSH-Chef: Politik tut zu wenig für die Energieeffizienz

Jedes Jahr ließen sich in Deutschland rund 100 Milliarden Kilowattstunden durch den Einsatz energieeffizienter Produkte ohne einen Verlust an Lebensqualität einsparen. Darauf wies der Vorsitzende der Geschäftsführung der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte, Kurt-Ludwig Gutberlet, hin. Das entspricht der Hälfte des Stromverbrauchs der privaten Haushalte.Die Energieeffizienz habe aber in der europäischen Energiepolitik bisher kaum eine Rolle gespielt.

Stuttgart > Jedes Jahr ließen sich in Deutschland rund 100 Milliarden Kilowattstunden durch den Einsatz energieeffizienter Produkte ohne einen Verlust an Lebensqualität einsparen. Darauf wies der Vorsitzende der Geschäftsführung der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte, Kurt-Ludwig Gutberlet, am 16. November in Stuttgart hin. Das entspricht der Hälfte des Stromverbrauchs der privaten Haushalte. Ohne Maßnahmen der Energieeffizienz werde das Ziel einer Energiewende bis 2020 nicht zu erreichen sein. Die Energieeffizienz habe aber in der europäischen Energiepolitik bisher kaum eine Rolle gespielt. Eine Ursache sieht der Manager darin, dass sich Energieeffizienz schwer in Bildern fassen lasse. Politiker könnten sich bei diesem Thema nicht mit Schutzhelmen auf den Plattformen von Offshore-Windparks ablichten lassen.

Das Unternehmen BSH setze sich dafür ein, die geltenden Energieeffizienz-Standards „nach oben zu ziehen“, sagte Gutberlet. In der Branche sähen das allerdings nicht alle so. Während bei dem Verkauf von Kühlschränken und -truhen bereits ein guter Anteil hocheffizienter Geräte vertrieben werde – etwa 25 Prozent – liege das Problem im hohen Bestand an Altgeräten. Gutberlet lud seine Zuhörer zum Rechnen ein: Etwa 40 Millionen Kühlgeräte stehen in deutschen Haushalten. Jährlich werden etwa 700.000 durch neue ersetzt. Wann ist in diesem Marktsegment das Einsparpotential genutzt? „Wir zermartern uns den Kopf, haben aber noch keine Idee, wie wir an diese ‚installierte Basis‘ drankommen“, so Gutberlet.

Der Manager hatte eine Reihe von Vorschlägen dazu mitgebracht, wie die Politik Energieeffizienz in privaten Haushalten fördern könnte:

  • Ein wirksamer, aber unpopulärer Hebel für mehr Energieeffizienz sei ein hoher Strompreis.
  • Die in der EU geltenden Mindeststandards seien nicht schlecht, aber auch nicht gut genug. Sie sollten überarbeitet werden.
  • Zudem könnte die Politik auf EU-Ebene oder national über die Einführung von Mindeststandards nachdenken, die für den Bestand an Elektrogeräten gelten.
  • Und die Politik müsse das Thema Verbraucherberatung höher gewichten und Wege finden, um den häufig schlecht aufgeklärten Verbraucher mit Informationen zum Stromverbrauch und zur Energieeffizienz zu erreichen.

BSH und andere Unternehmen hätten ihre Hausaufgaben gemacht und in einem sehr preissensiblen Marktsegment viel Geld in die Entwicklung energieeffizienter Geräte investiert, die nicht teurer seien. Eine Waschmaschine habe vor Jahren 1.000 DM gekostet, jetzt koste sie 500 Euro, da habe sich wenig geändert. Zudem fokussiere man in der Werbung ganz auf das Thema Energieeffizienz. Einen Anlass dafür, auch über veränderte Lebensstile als einen Beitrag zur Energiewende nachzudenken, sah Gutberlet nicht: „Elektrogeräte haben das Leben im Haushalt sehr erleichtert, warum sollten wir das zurückdrehen?“

Bei seinem Vortrag in der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg stellte sich der Manager hinter die Entscheidung des Bundestages zum Ausstieg aus der Atomenergie: „Ich persönlich halte das für eine riesige Chance.“ Nicht sicher sei er sich allerdings, wie die Umsetzung dieses Entschlusses vorankomme. „Ich frage mich als Manager: Ist es schon ein Projekt oder ist es erst ein Beschluss?“ Zweifellos stehe die Bevölkerung hinter dem Ausstieg aus der Atomkraft. Gutberlet: „Aber steht sie auch hinter dem Umstieg?“ Nach Einschätzung Gutberlets wird der Ausbau alternativer Energien „unendlich schwierig“. Energieeffizienz trage dazu bei, dass nicht alles an Energie ersetzt werden müsse, was die Atomkraft nicht mehr liefere.

Über die Herausforderungen der Energiewende sprach bei den 45. Stuttgarter Akademiegesprächen auch der baden-württembergische Energieminister Franz Untersteller. Nach seinen Worten wird der Ausbau alternativer Energien mit regionalen Interessen nicht einfach in Übereinstimmung zu bringen sein. So müssten bis 2020 jährlich 120 Windkraftanlagen in dem Bundesland errichtet werden, um den politisch angestrebten Anteil von 10 Prozent an der Energieversorgung zu erreichen. Solche Prozesse brauchten eine große Transparenz sowie einer breite und frühzeitige Bürgerbeteiligung, sagte Untersteller. Auch angesichts der mit Energiegewinnung verbundenen Probleme sei die Energieeinsparung ein interessanter Ansatz. Hohe Einsparpotentiale sieht der Umweltminister im Industriesektor, bei dem Energieverbrauch von Gebäuden und in den privaten Haushalten, die ein Viertel des Stroms verbrauchten. Hier sieht Untersteller den Bürger in der Verantwortung: „Jeder einzelne hat die Möglichkeit, aktiv durch eigene Kaufentscheidungen und eigenes Handeln einen Beitrag zu leisten.“

Foto (vorne von links): Kurt-Ludwig Gutberlet und Franz Untersteller

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