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DPRG-Arbeitskreis: Transparenzpflicht für Unternehmen – Ja oder Nein?

Aktueller hätte das Thema der Veranstaltung des DPRG-Arbeitskreises CSR-Kommunikation kaum sein können. Drei Anlässe machten das Thema: „Transparenzpflicht für Unternehmen, Ja oder Nein?“ zum heißen Diskussionsgegenstand: die Debatte um den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK), die aktualisierte CSR-Definition der EU und eine NGO-Initiative für eine Transparenzpflicht.

Bonn > Aktueller und interessanter hätte das Thema der Veranstaltung des Arbeitskreises CSR-Kommunikation der DPRG am 16. November kaum sein können. Gleich drei Anlässe machten das Thema: „Transparenzpflicht für Unternehmen, Ja oder Nein?“ zum heißen Diskussionsgegenstand. Angesichts der aktuellen Debatte um den kürzlich erschienenen Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK), der aktualisierten CSR-Definition der EU und einer umfassenden Initiative für eine Transparenzpflicht bekannter NGO-Netzwerke gab es für die Referenten und Podiumsteilnehmer Dr. Franziska Humbert, Oxfam Deutschland, Dr. Günther Bachmann, Rat für Nachhaltige Entwicklung und Dr. Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut reichlich Zündstoff, denn jeder hatte einen eigenen Ansatz zum Thema mitgebracht.

Ein Gastbeitrag von Riccardo Wagner

„Freiwilligkeit ist für die meisten Unternehmensvertreter ein unveräußerliches Kernstück bei gesellschaftlicher Verantwortung und ihrer Kommunikation. Zu Unrecht, machte Dr. Humbert im Hauptvortrag des Abends deutlich. Als Fürsprecherin einer aktuellen Transparenzinitiative kritisierte sie, dass CSR-Berichte und CSR-Kommunikation noch immer eher der Imagepflege, als einer ehrlichen und offenen Rechenschaftslegung dienen. Träger der Initiative sind die beiden zivilgesellschaftlichen Bündnisse Supermarktinitiative (25 Organisationen) und CorA (Corporate Accountability, 50 Organisationen). Ihre Forderungen: „Wir fordern, dass die Bundesregierung Unternehmen, unabhängig von ihrer Rechtsform, verpflichtet, Informationen zur Unternehmenspraxis in Bezug auf Arbeitnehmer- und Menschenrechte, Korruption, Lobbyaktivitäten sowie Umwelt- und Klimaschutz bei sich und ihren Lieferanten zu veröffentlichen; ihre Unternehmensstruktur, Lieferanten und Produktionsstandorte offenzulegen und die Herkunft ihrer Produkte zu kennzeichnen. Außerdem fordern wir, dass Angaben zu Umsätzen und Gewinnen, gezahlten Steuern, Zahl der Angestellten und bei Rohstoffunternehmen Mengen geförderter Rohstoffe für jedes Land offengelegt werden. Die veröffentlichten Informationen sollen zusätzlich regelmäßig von unabhängigen Stellen überprüft und Verstöße gegen die Offenlegungspflicht bzw. Falschinformationen mit Sanktionen belegt werden.“, erklärt Humbert.

Als Beleg, dass Transparenz letztlich dem Unternehmen nütze, führte sie neueste Erkenntnisse internationaler Studien an, die belegen würden, dass sowohl Wettbewerbsfähigkeit als auch Kundenbindung und Mitarbeitermotivation steigen. Zudem sei Deutschland in der Transparenzpflicht Nachzügler. So würden Länder wie Frankreich, Schweden, Dänemark und andere längst mit gutem Erfolg deutlich mehr Informationen pflichtgemäß von Unternehmen einfordern.

Die Grundannahme der Initiative, dass die Einführung einer gesetzlicher Offenlegungspflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung für Unternehmen, diese zu gesellschaftlich verantwortlichem Verhalten handeln bewegen würde, wollte Dr. Leven vom Deutschen Aktieninstitut nicht mitgehen. In seinem Vortag formulierte er zehn Thesen gegen eine Transparenzpflicht. Leven: „Die Forderung nach einer gesetzlichen CSR-Transparenzpflicht für Unternehmen ist in Öffentlichkeit und Politik sicherlich populär, aber trotzdem nicht sinnvoll. Zudem gibt es bereits zahlreiche freiwillige Standards für CSR-Berichterstattung, z.B. GRI, EFFAS-Regeln usw., die sich allesamt noch nicht durchsetzen konnten.“ Den Grund dafür sieht Leven unter anderem in der Komplexität des Themas begründet sowie darin, dass sich die agierenden Interessengruppen in keiner Weise einig seien, welche Informationen wirklich wichtig seien.

Leven verwies zudem darauf, dass auch schon eine umfangreiche gesetzliche Berichtspflicht über CSR-relevante Sachverhalte außerhalb der Nachhaltigkeitsberichte gäbe, die im Übrigen alle größeren börsennotierten Unternehmen zusätzlich produzieren würden. Als Beispiel nannte er die Regelungen im HGB zu den Angaben im Konzernlagebericht und stellt die provokante Frage: „… ob die Befürworter einer gesetzlichen Berichtspflicht schon einmal einen solchen Lagebericht gelesen und ausgewertet haben, bevor sie behaupten, die Informationen würden nicht ausreichen?“ Sein Fazit: Eine Pflicht schafft hauptsächlich Bürokratie, Pflichterfüllung ohne Überzeugung und verhindert in keiner Form bewussten Regelverstoß oder
unethisches Verhalten. Die Lösung sei allein kreatives Kommunizieren und ein Zusammenspiel von Nachfrage nach Nachhaltigkeitsinformationen, die bisher in der Breite fehlt, und einer kritischen Öffentlichkeit von Presse und NGOs,
die Missbrauch und Skandale effektiv ans Licht brächten, so Leven. „Mit staatlicher Unterstützung erzwungene CSR-Aktivitäten und die Berichterstattung darüber sind letztlich undemokratisch.“ fuhr Leven fort. „Entweder ist eine bestimmte Verhaltensweise eindeutig geboten bzw. verboten. Dann gehört das gesetzlich entsprechend geregelt nach den demokratischen Prinzipien und Regeln, auf denen unser Staat beruht. Oder ein bestimmtes Verhalten ist seitens einzelner Interessengruppen erwünscht bzw. nicht erwünscht. Dann besteht aber keine Rechtfertigung für Gesetze, die den Unternehmen auferlegen, von privaten Interessengruppen formulierte Kataloge von Berichtspflichten abzuarbeiten, die die demokratische Mehrheit nicht interessieren.“, komplettierte er seine Gegenrede.

Abschließend fand er auch kritische Worte für den kürzlich an die Bundesregierung übergebenen Nachhaltigkeitskodex. „Der Nachhaltigkeitsrat ist mit dem Ziel angetreten, die Nachhaltigkeitsberichterstattung zu vereinfachen und zu standardisieren. Das ist m.E. nicht gelungen. Stattdessen tritt neben die bekannten Standards wie GRI und EFFAS ein dritter Standard, der sich teilweise auf die erstgenannten bezieht, teilweise auch darüber hinausgeht.

Auch mit der behaupteten Freiwilligkeit des Kodex und seiner Beschränkung auf Berichterstattung ist es nicht weit her. Der Nachhaltigkeitsrat schreibt selbst recht deutlich, dass er auf europäischer Ebene die Verbindlichkeit anstrebt, die er in Deutschland nicht durchsetzen konnte. Und um überhaupt kodexgemäß berichten zu können, müssten die Unternehmen faktisch ein teures Nachhaltigkeitsmanagement einrichten, da sonst die Fragen nicht beantwortet werden können.“

Diese Vorlage ließ sich der dritte Referent des Abends, Dr. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung nicht nehmen. Er verwies darauf, dass der Nachhaltigkeitskodex keineswegs zusätzlich geschaffen wurde oder gar weitere Komplexität eingebracht wurde, sondern „auf Lücke gesetzt“, bestehende Leitlinien ergänzen würde. Außerdem würde der Rat die Bundesregierung aktiv anhalten den Kodex, der als wesentlichen Kern die Freiwilligkeit besitzt, schnell in die Diskussion auf EU-Ebene einzubringen, da dort wesentlich weitergehende Ansätze intensiv diskutiert würden. „Wir setzen auf ein Modell der Freiwilligkeit, das bei Nichtbeachtung nicht vom Gesetzgeber sondern vom Markt sanktioniert wird.“, sagte Bachmann. Die ersten Anwendungsergebnisse hätten zudem klar gezeigt, dass der damit verbundene bürokratische Aufwand in absolut tragbaren Grenzen verläuft. „Wir wurden im Diskussionsprozess um den Kodex sogar aktiv von KMU angehalten, keinen „Kodex light“ zu produzieren, sondern einen einheitlichen und verbindlichen Standard zu schaffen.“, so Bachmann.

Der Nachhaltigkeitskodex umfasst 20 Kriterien mit jeweils ein bis zwei Leistungsindikatoren (Key Performance Indicators, KPI) zu den Themen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Environmental, Social, Governance, ESG). Unternehmen berichten anhand dessen über die Erfüllung bzw. Erklärung der Nichterfüllung der Kodexanforderungen (comply or explain). Der DNK knüpft inhaltlich an die Prinzipien des UN Global Compact, die OECD Guidelines für multinationale Unternehmen, den Leitfaden ISO 26000 sowie instrumentell an die Berichterstattungsstandards der Global Reporting Initiative (GRI) und des europäischen Analystenverbandes EFFAS an.

Bachmann betonte im Gegenentwurf zu dem Thesenansatz von Dr. Leven das positive Grundverständnis von CSR als Schwungrad für Innovationen in den Unternehmen und damit letztlich auch für die gesamte deutsche Wirtschaft. Hier könne der DNK beitragen, die Diskussionen und die Ideenfindung zum Thema Nachhaltigkeit und Verantwortung in die Unternehmen hereinzutragen.

In der abschließenden Podiumsdiskussion und offenen Fragerunde wurde das Thema Pflicht und Nutzen von CSR-Kommunikation und CSR/Nachhaltigkeit weiter kontrovers diskutiert. So schieden sich die Geister unter anderem auch an der Frage, ob ein Mehr an Informationen letztlich überhaupt im Interesse der Verbraucher ist bzw. von diesen nachgefragt würden. Ein weiterer Diskussionspunkt war die These ob wir nicht längst in einer solch transparenten Informationsgesellschaft leben, dass der Ruf nach weiteren Pflichten und Formalien längst überholt sei. So würden die aufgedeckten Skandale bei Nestlé, Schlecker, Otto u.v.m. dafür sorgen, dass Unternehmen aus Angst vor Reputationsverlust verantwortlich und transparent agieren würden.

Die These vermochte, wie einige weitere Punkte, keine Einigkeit im Podium und Plenum zu bringen, so dass zu vorgerückter Stunde die Diskussion mit vielen neuen und interessanten Ansätzen und Informationen vertagt werden musste. Die gelungene Veranstaltung machte mehr als deutlich, dass alle Interessengruppen hier noch viele weitere Diskussionen absolvieren müssen, um einen gemeinsamen Weg zu finden. Sie zeigte aber auch, dass es durchaus Übereinstimmungen gab. So bezweifelte kein Diskussionsteilnehmer die grundsätzliche gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen für ihr Handeln, die Sinnhaftigkeit offener Kommunikation und Berichterstattung und die Chancen, die ein Wandel zu mehr Nachhaltigkeit mit sich bringen kann. Die Details bergen aber noch genügend Zündstoff. Ein schönes Fazit für den spannenden Abend und ein guter Zwischenstand für die weitere Diskussion in den kommenden Monaten und Jahren.