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Initiative für nachhaltige europäische Ratingagentur

Für manch einen gelten Ratingagenturen inzwischen als das Böse an sich, vor allem die großen Drei Moodys, Standard & Poors und Fitch. Die EU wollte ihnen gar einen Maulkorb verpassen und die Benotung angeschlagener Staaten verbieten. „Wahrscheinlich zu innovativ“, räumte Binnenmarktkommissar Michel Barnier inzwischen ein und entschärfte seine Vorschläge. Den mächtigen Agenturen mit einer Alternative begegnen will die Deutsche Umweltstiftung mit ihrer Initiative für eine gemeinnützige, europäische, nachhaltige Ratingagentur ENRA. Was wollen die Initiatoren anders machen?

Neckarmühlbach > Für manch einen gelten Ratingagenturen inzwischen als das Böse an sich, vor allem die großen Drei Moodys, Standard & Poors und Fitch. Die EU wollte ihnen gar einen Maulkorb verpassen und die Benotung angeschlagener Staaten verbieten. „Wahrscheinlich zu innovativ“, räumte Binnenmarktkommissar Michel Barnier inzwischen ein und entschärfte seine Vorschläge. Den mächtigen Agenturen mit einer Alternative begegnen will die Deutsche Umweltstiftung mit ihrer Initiative für eine gemeinnützige, europäische, nachhaltige Ratingagentur ENRA. Rund 300 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, gewerkschaftlichen und kirchlichen Kreisen sowie NGOs und Zivilgesellschaft haben den Aufruf bislang unterstützt, darunter zahlreiche prominente Befürworter wie der ehemalige Bundesminister Heiner Geißler.

„Ich unterstütze die Einrichtung einer gemeinnützigen, nachhaltigen und europäischen Ratingagentur, denn die Ratings, wie wir sie heute kennen, sind weder nachhaltig, noch fair oder transparent. Sie haben falsche Maßstäbe, die die Armut steigern, die Natur zerstören und Realwirtschaft wie Staaten ruinieren“, begründet Geißler sein Engagement. Herbert Tumpel, Präsident der Bundesarbeitskammer Wien erläutert seine Unterstützung für ENRA: „Es kann nicht sein, dass Ratingagenturen als private, gewinnorientierte Unternehmen, demokratisch legitimierte Regierungen in ihren wirtschafts- und finanzpolitischen Reformbemühungen torpedieren können“. Bleibt die Frage, wie könnte eine solche Ratingagentur aussehen, was wollen die Initiatoren anders machen? Im Aufruf ist dazu nicht viel zu lesen. Klar ist die Finanzierung, sie soll auf andere Beine gestellt werden. ENRA will gemeinnützig sein und soll sich aus den Erlösen einer Finanztransaktionssteuer finanzieren, diese gibt es zwar bislang noch nicht und sie ist nach wie vor umstritten, die Initiatoren rechnen jedoch fest mit ihrer Einführung. Ein konkretes Konzept wird derzeit im Rahmen einer Machbarkeitsstudie erarbeitet. Dazu hat die Initiative ein Lenkungskomitee bestehend aus fünf Mitgliedern gegründet. Dem gehören die Ethik Bank, die ForestFinance Gruppe, MAMA AG, das Finanznetzwerk NFN AG und die Triodos Bank an.

Kann ein anderer Blick auf die Entwicklungen in Unternehmen und Staaten zu anderen Ergebnissen kommen? Würden Länder wie Griechenland besser bewertet, wenn man Nachhaltigkeitskriterien in der Beurteilung berücksichtigt? Tatsächlich handeln die von der Schuldenkrise am stärksten betroffenen Länder wenig nachhaltig, wie eine Studie der Schweizer Bank Sarasin belegt. Die langfristige Zahlungsfähigkeit eines Landes hängt demnach von der Realisierbarkeit zukünftiger Steuereinnahmen ab. Hierfür braucht es ein nachhaltiges Steuersubstrat, das in erster Linie in Form von künftigen Gütern und Dienstleistungen vorliegen muss. Dies ist einerseits abhängig von der Verfügbarkeit natürlicher, sozialer und wirtschaftlicher Ressourcen in einem Land und andererseits von der Effizienz der Ressourcenumwandlung in Güter und Dienstleistungen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die betroffenen Länder nicht nur über ihre finanziellen Verhältnisse gelebt haben, sondern auch über ihre ökologischen. Dazu kommen problematische politische und soziale Rahmenbedingungen und eine wenig effiziente Ressourcennutzung. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die traditionellen Kreditratings in der aktuellen Schuldenkrise an ihre Grenzen stoßen und nicht mehr als Indikatoren für die Zukunft taugen, sondern der realen Entwicklung hinterherlaufen.