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Vereinbarkeit von Beruf und Pflege für Arbeitgeber noch kein Thema

Mit Beginn des neuen Jahres tritt das Familienpflegezeitgesetz in Kraft. Es ist ein Versuch die Pflege Angehöriger mit der eigenen Berufstätigkeit zu ermöglichen. Schon heute werden mehr als 1,6 Millionen bedürftige Menschen zu Hause von ihrer Familie versorgt. Dagegen spielt das Thema für die Mehrheit der deutschen Arbeitgeber noch keine Rolle.

Frankfurt > Mit Beginn des neuen Jahres tritt das Familienpflegezeitgesetz in Kraft. Es ist ein Versuch die Pflege Angehöriger mit der eigenen Berufstätigkeit zu ermöglichen. Schon heute werden mehr als 1,6 Millionen bedürftige Menschen zu Hause von ihrer Familie versorgt. Dagegen spielt das Thema für die Mehrheit der deutschen Arbeitgeber noch keine Rolle.

In den meisten deutschen Unternehmen wird die Tatsache, dass immer mehr Menschen neben ihrer Berufstätigkeit ihre nahen Angehörigen pflegen, müssen noch nicht wahrgenommen. Rund 62 Prozent der Unternehmen haben sich noch nicht mit diesem Thema beschäftigt, so das Ergebnis einer aktuellen Studie der berufundfamilie GmbH, einer Initiative der gemeinnützigen Hertie-Stiftung. Die Mehrheit der Arbeitgeber ruft vor allem nach Unterstützung: Etwa 83 Prozent der Arbeitgeber vermissen praktische Tipps und Umsetzungshilfen, für 80 Prozent sind entsprechende Konzepte zu kostenintensiv und für 85 Prozent zu organisationsintensiv. Rund 30 Prozent der Unternehmen sehen sich selbst nicht in der Verantwortung, sondern sehen diese bei den betroffenen Familien oder beim Staat.

Diese Zahlen verdeutlichen die dramatische Unterschätzung eines demografischen Phänomens, so die Autoren der Studie. Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass der absehbare demografische Wandel in Deutschland zu 20 Prozent mehr Pflegebedürftigen im Jahr 2020 führt. Damit steigt auch die Zahl der Arbeitnehmer, die ihre berufliche Tätigkeit mit der Pflege eines Angehörigen vereinbaren müssen. „Steigender Krankenstand, sinkende Motivation und verminderte Produktivität“, erläutert Stefan Becker, Geschäftsführer berufundfamilie, einige der möglichen negativen Auswirkungen auf die betrieblichen Abläufe. „Proaktiv zukunftsweisende Antworten auf das Thema zu geben, sollte viel weiter oben auf der Prioritätenliste der deutschen Wirtschaft stehen – nicht zuletzt, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern“, so Becker. Wie die Umfrage weiter verdeutlicht, kennen die Arbeitgeber kaum eine konkrete Maßnahme. Von den lediglich 29 Prozent der Unternehmen, die überhaupt Maßnahmen benennen können, zählen jeweils knapp ein Drittel flexible Arbeitszeitmodelle und Teilzeitarbeit auf, noch weniger nennen die Pflegezeit.

Mit diesem neuen Gesetz will die Bundesregierung den betroffenen Familien und Unternehmen ein mögliches Konzept an die Hand geben. Die Familienpflegezeit kann maximal zwei Jahre dauern. In dieser Zeit können die Beschäftigten ihre Arbeitszeit auf 15 Stunden pro Woche senken, bei nur mäßig reduziertem Gehalt. Die Beschäftigten erhalten eine Art Lohnvorschuss, der im Anschluss an die Pflegezeit ausgeglichen wird. Problematisch ist jedoch, dass die Arbeitnehmer keinen Rechtsanspruch haben und eine entsprechende Vereinbarung mit ihrem Arbeitgeber finden müssen. Familienministerin Kristina Schröder glaubt dennoch an den Erfolg ihrer Gesetzesinitiative. Sie sieht sich bestätigt durch erste Konzerne die eine Einführung der Familienpflegezeit direkt mit dem Beginn des neuen Jahres angekündigt haben, dazu gehören beispielsweise die Deutsche Telekom und die Deutsche Post. Offen ist dagegen noch, wie kleine und mittlere Betriebe auf das Gesetz reagieren. Um ihnen die Einführung zu erleichtern, hat das Familienministerium die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ins Boot geholt. Diese schießt das Geld während der Pflegezeit vor und bekommt es anschließend zurück, für die Betriebe scheint das Liquiditätsproblem damit gelöst, problematisch dürfte dennoch die fehlende Arbeitskraft sein.

Die Studie der Hertie-Stiftung steht auf der Website von berufundfamilie zum Download bereit. Dort gibt es auch weitere hilfreiche Ratgeber und eine Maßnahmen-Checkliste.