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Nachbarschaftshilfe aus dem World Wide Web

Sie bietet online jede Art von Mitteln zum Zweck an und macht damit Furore: eine neue Generation von Internet-Startups. Diese Online-Unternehmer umwerben eine überwiegend junge Zielgruppe, die lieber Car-Sharing macht als gleich ein Auto zu kaufen, die ein schlichtes Gästezimmer einem teuren Hotel vorzieht und die lieber von Privatleuten Geld borgt als einen Kredit bei einer Bank aufzunehmen.

Von Glenn Chapman

San Francisco > Sie bietet online jede Art von Mitteln zum Zweck an und macht damit Furore: eine neue Generation von Internet-Startups. Diese Online-Unternehmer umwerben eine überwiegend junge Zielgruppe, die lieber Car-Sharing macht als gleich ein Auto zu kaufen, die ein schlichtes Gästezimmer einem teuren Hotel vorzieht und die lieber von Privatleuten Geld borgt als einen Kredit bei einer Bank aufzunehmen. Die Wirtschaftskrise heizt diesen Trend an.

„Wir stehen am Anfang einer Eigentums-Revolution“, sagt Rachel Botsman, deren Erfolgsbuch „What’s Mine is Yours“ (etwa: Mein ist Dein) sogenannten gemeinschaftlichen Konsum beschreibt: „Wir wollen keine CD, wir wollen nur die Musik“, erläutert sie, „wir wollen keine Autos, sondern nur von A nach B kommen“. Eine Generation wachse heran, die verglichen mit vorangegangenen „ein ganz anderes Verhältnis zum Besitz hat“. Diese Frauen und Männer definierten sich wesentlich stärker über Erfahrungen als über „ihren Kram“.

Gefragte US-Startups, die von diesem Trend profitieren, sind zum Beispiel Zimride, TaskRabbit und Airbnb, die ihren Kunden Car-Share-Wagen zur Verfügung stellen, sie von lästigen Routinearbeiten befreien oder ihnen Gästezimmer zum Übernachten besorgen: „Eigentlich geht es darum, zurück zur Nachbarschaftshilfe zu kommen, die den Menschen verlorengegangen ist und die sie nun zumindest teilweise zurückhaben wollen“, sagt TaskRabbit-Gründerin Leah Busque. Die technologische Entwicklung unterstütze diesen Trend: „Unternehmen für gemeinschaftlichen Konsum florieren.“ Airbnb, wo Privatleute Unterkünfte vom Gästezimmer über Iglus bis hin zum Baumhaus vermieten können, wurde jüngst mit einer Milliarde Dollar bewertet.

Die Idee für das Transport-Netzwerk Zimride kam Gründer Logan Green bei einer Simbabwe-Reise: Dort beobachtete er, wie die Einheimischen auf eine Weise Sammelfahrten in Kleinbussen organisierten, die wesentlich effizienter war als der öffentliche Nahverkehr in den USA. Daraufhin kombinierten Logan und seine Mitgründer John Zimmer und Matt Van Horen das soziale Netzwerken mit Fahrgemeinschaften – und Zimride war geboren. Heute ist Zimride für Carpooling an 120 Universitäten und Firmen in den USA zuständig, und seit einigen Wochen gibt es auch erste öffentliche Strecken im Westen des Landes.

Autorin Botsman, die im australischen Sydney lebt, beobachtet den Trend seit fünf Jahren und resümiert: „Althergebrachte Verhaltensweisen aus der Wirtschaftswelt – Teilen, Mieten, Tauschen – werden in die Moderne gebracht, und die Menschen erkennen, dass sie die Macht haben, Märkte neu zu erfinden.“ In der Tat ließ ein neues Misstrauen gegenüber Banken Internet-Dienstleister entstehen, die Kredite von privat an privat zum individuell ausgehandelten Zinssatz vermitteln.

In Großbritannien mache diese Form des Geldverleihs bereits ein Zehntel des Markts für Privatkredite aus, betont Botsman: „Wenn ich eine Bank wäre, würde ich mir ernsthaft Sorgen machen.“ Der Erfolg der neuen Startups basiert auch auf dem Ruf der Anbieter und Nutzer solcher Dienstleistungen in Online-Communities – je nachdem, wie etwa die Nutzer mit fremden Wohnungen, Autos oder quasi-privat geliehenem Geld umgehen.

Die wirtschaftlich harten Zeiten haben das neue Unternehmenssegment im Internet noch attraktiver werden lassen: Schließlich überlegt derzeit alle Welt, wie sich noch ein wenig Extra-Geld verdienen lässt – leerstehende Gästezimmer, freie Plätze im Familienkombi oder viel Zeit haben da durchaus Potenzial.

Die Expertise von Autorin Botsman hat ihr den Rang einer Partnerin in einem Fonds eingebracht, der Startups für gemeinschaftlichen Konsum unterstützt. Zu den Nutznießern gehört unter anderem TaskRabbit, das private Dienstleistungen in der Nachbarschaft vermittelt. Das Angebotsspektrum umfasst das Erledigen von Großeinkäufen und Hilfe beim Umzug, aber auch das Texten von Liebesbriefen und Unterstützung bei Dumme-Jungen-Streichen. Ein Renner ist die Montage von Ikea-Möbeln.